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Mein progressiver Alttag („Gießener Senioren-Journal“ vom 17. März)

Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute. Ich bin 70, aber wenn ich einen Raum mit Menschen betrete, fühle ich mich immer noch wie das Kind oder der junge Mann von früher.
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Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute ... schreibe ich über mich? Oder über Sie? Falls ja: Wir sind nicht allein! Denn mein progressiver Alttag begann heute nicht mit einem Bekenntnis von mir, sondern mit dem des Queen-Gitarristen Brian May in der Süddeutschen Zeitung.
Der alte Rock-Star lässt noch tiefer in seine, in meine, in Ihre (?) kindheitsgeprägte Seele blicken. Aber jetzt korrekt weiter zitiert, also mit den oben ausgelassenen Tüttelchen: »Ich stelle dauernd infrage, ob ich gerade das Richtige tue, am richtigen Ort bin, das Richtige sage. Ich bin jedes Mal überrascht, dass Leute mir mit Respekt begegnen.«
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Von Letzterem abgesehen – nicht mal mein Hund respektiert mich – kann ich Brian May bestätigen. Auch ich stelle mir immer häufiger die Frage, ob ich gerade am richtigen Ort bin. Wo bin ich hier überhaupt? Warum und wozu? Und wo habe ich mein Auto geparkt? Immerhin scheint jeder Aussetzer des Kurzzeitgedächtnisses seinem Langzeit-Kollegen einen Schubs zu geben. Es hilft mir zwar wenig, wenn mir nach Jahren wieder einfällt, wo ich heute geparkt habe, aber solch ein Schubs kann schwupps auch andere verstaubte Kopfschwupps … quatsch: Kopfschubladen öffnen. Wie vor ein paar Tagen, als Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes kam und in der Zeit bekannte, nach sechs Bypässen sei er nur noch 1,78 Meter groß. »Zwei Zentimeter sind verloren gegangen«, ärgerte er sich. Ach, Herr Netzer, nicht die sechs Bypässe in der Brust haben Sie kleiner gemacht, sondern die sechzig Jahre, die Sie mehr auf dem Buckel haben, seitdem Sie sich selbst eingewechselt haben, damals, im Pokalfinale.
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Wie es der Zufall will, wurde ich kurz danach selbst vermessen, in der Arztpraxis bei einem Routinecheck. Ich dachte an Netzer, ahnte bang, dass auch ich geschrumpft bin … und schon öffnete sich quietschend eine dieser Kopfschubladen. Denn die Bangigkeit, ich kenne sie. Sie hatte mich schon mit 13 im Griff. Allerdings fürchtete ich nicht, zu schrumpfen, sondern panikte, wenn ich unter einem ganz bestimmten Straßenschild herging. Ich war eine 1,85 m lange Bohnenstange, das Schild ein paar Zentimeter höher, und ich schwor mir, mich umzubringen, sobald ich mit dem Kopf anstoßen würde. Denn 13, 1,85 und dazu rote Haare, das gab eine prima Zielscheibe ab. Und dann diese Sprüche: »Had dein Fadder Rost in de Flint?« Nichts war peinlicher, als die Eltern mit Sex in Verbindung zu bringen. Ich wusste, je länger ich würde, desto mehr Spott käme über mich. Daher gab mir der suizidale Vorsatz eine fast tröstliche Perspektive. Klingt lustig, war es aber nicht.
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Zum Glück hing ich auch in tiefster Pubertäts-Depression am Leben. Als es soweit war, ging ich ohne anzustoßen, weil listig seitlich abknickend, unter dem Schild hindurch. Die Angst vor dem Wachsen verwuchs sich, und bald grämte mich sogar, dass ich bei 1,96 hängen blieb. Mein bester Freund, 2,01 m lang, wusste, wie er mich ärgern konnte, und so nannte mich der Berliner gerne »meen Kleener«.
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Kopfschublade zu und zurück zur Vermessung in der Praxis. – MTA: »Wie groß sind Sie?«– Ich, trotzig: 1,96. Ich muss die Schuhe ausziehen, mich an die Wand stellen, ich strecke mich leicht auf die Zehen, die MTA greift nach oben, haut mir mit Kawumm eine Art Schublehre auf den Kopf, so dass ich einknicke und auf platten Füßen stehe. – MTA, triumphierend: »Von wegen 1,96 – Mehr als 1,89 sind nicht drin.«
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Sieben Zentimeter spurlos verschwunden! Von der Sonne weggeschrumpft? Weil ich ihr im Kampf gegen die Blässe der Rothaarigen jahrzehntelang tapfer den Kopf hingehalten habe? Exzessives Sonnenbaden rächt sich erst im progressiven Alttag. Nächster Arztbesuch, eine wachsende Schwellung am Kopf beunruhigt den alten Hypochonder. Beruhigende Diagnose: harmlose Alterswarze. Ich hätte mir ein weniger diskriminierendes Wort für diese Beule gewünscht, mit der »Alterswarze« kann ich niemanden beeindrucken.
Kleine sündige Gedanken bestraft der liebe Gott sofort, denn die Ärztin entdeckt an der Nase auch ein Basaliom. Da hatte ich den beeindruckenden Namen, zumal dahinter sogar das böse Wort »Krebs« lauert (»weißer Hautkrebs«). Aber auch der gilt als eher harmlos, er muss halt nur weg. Und so lief ich drei Mal tagelang mit einem beeindruckenden Nasenverband umher, denn so oft musste geschnippelt werden, bis alles Basaliomische verschwunden war. Wieder hagelte es Spott. »Wohl was auf die Nase gekriegt?« Großspurig gab ich Kontra: Nee, sonst würde ja der andere so aussehen.« Seitdem ist meine Nase nicht nur, wie fast immer, leicht verschnieft, sondern auch verschieft, aber niemandem fällt es auf. Als Teenie hätte ich mich nicht mehr auf die Straße getraut, aber, meine Alterskohorte weiß es, für unser bevorzugtes Geschlecht sind wir schon längst unsichtbar geworden. Man bzw. Mann bzw. alter Mann könnte mit dem Kopf unterm Arm über den Seltersweg gehen … und fällt nicht auf.
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Auf dem Seltersweg würde auch niemand sehen, ob ich Fusseln im Bauchnabel habe, denn bauchfreie Mode ist nicht mein Stil. In der Zeit lese ich, dass ein Forscher einmal den Ig-Nobel-Preis gewonnen hat, weil er nachwies, dass doppelt so viele Männer Fusseln im Bauchnabel haben wie Frauen. Grund: Die Fusseln wandern auf einem haarigen »snail train« nach oben, und Männer haben nun mal den behaarteren Bauch. Dieser Forscher reiht sich in eine illustre Schar von Ig-Nobel-Preisträgern ein. Einer hat aus dem Stuhl von Säuglingen Wurst hergestellt, andere entdeckten, dass Coca-Cola bei intravaginaler Zufuhr ein perfektes Verhütungsmittel ist und dass sich Heringe bei Gefahr durch unterschiedlich lautes Furzen verständigen.
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Seit dem Fussel-Preis von 2001 haben sich die »snail trails« grundlegend geändert. Glatte Bäuche bei Männlein und Weiblein, wohin man bei freier Sicht auch blickt. Nur wenige, vor allem ältere Männer, verweigern den Trend. Wie meine Fusselllage ist, will ich ihnen jetzt … ganz gewiss nicht verraten. So weit geht die Selbstentblößung in meinem progressiven Alttag nun doch nicht. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle