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Sonntag, 11. März, 6.30 Uhr

Wetterbericht gestern: Regen erst ab 15 Uhr. Ich um 10 aufs Rad und ab. Pünktlich um 10.01 Uhr kommt der Schutt. Zurück? Nee. Zwei Stunden nass gefahren. Meldung als Storchenfahnder: Der erste ist da! Steht in seinem Nest in der Lahnaue bei Atzbach. Derselbe, der im vorigen Jahr zusammen mit seiner Gefährtin zwei Storchenbabys hatte, die den nassen Sommer aber nicht überlebten. Früh war das Nest verlassen, im Spätsommer wuchs aus der Polsterung ein Strauch empor.

Korrekturen: Ich weiß nicht, ob er der erste in der Lahnaue ist, nicht, dass er ein Er ist, nicht, dass er derselbe ist. Richtig ist: Ein Storch ist da.

Haben Sie den „Turm“ gelesen? War ja vor zehn Jahren ein Bestseller. Ich hatte angefangen zu lesen, bin aber nicht weit gekommen. War mir etwas zu langatmig. Die Beste von allen war sehr angetan. So ging es uns auch mit „Kruso“, dem anderen Ostzonen-Hit. Aber das nur am Rande und nur, um mich als Banause zu outen. Also Tellkamp: Behauptet, dass 95 Prozent der Flüchtlinge zu uns kommen, weil sie in unser Sozialsystem einwandern wollen. Prompt distanziert sich sein Verlag schriftlich und offiziell von seinem Autor. Wie peinlich. Wie armselig.

Tellkamp mag mittlerweile, wie es heißt, in Richtung Rechts abgeirrt sein. Soll er doch, ist sein gutes demokratisches Recht, ist mir nicht sympathisch, aber schnuppe. Rein logisch jedoch hat er natürlich recht, vielleicht untertreibt er sogar und es sind 98, 99 Prozent. Denn zwischen den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, und unserem Land liegen noch mehrere bis viele andere Länder, in denen sie nicht verfolgt und drangsaliert und getötet würden. Aber sie wollen zu uns, weil sie hier das beste bzw. am wenigsten schlechte von allen möglichen Leben finden bzw. zu finden glauben. Was wiederum sehr verständlich ist. Ich würde es an ihrer Stelle genauso tun. Einen gewissen Prozentsatz bei uns aufzunehmen, wäre ja auch richtig, aus humanitären wie aus egoistischen Gründen. Einen mit Rest-Europa abgestimmten Prozentsatz. Es  ist anders gekommen, das Schlechte am Gutseinwollen hat sich durchgesetzt. Mit der Konsequenz, dass Menschen, die uns aus obigen humanitären und egoistischen Gründen gut zu Gesicht stünden, rigoros rausgeschmissen werden – zum Beispiel jahrelang geduldete Kinder, die besser deutsch sprechen als manche urdeutsche Dumpfbacke, prima Noten in der Schule haben und bestens integriert sind. Die Klein-und Großkriminellen, die im Zuge des Gutseinwollens eingesickert sind, sind dagegen kaum noch greifbar, viele von ihnen sind längst untergetaucht. Und zwischen diesen beiden Polen die vielen, vielen hauptsächlich ins soziale System Eingewanderten, die sich in dessen Hängematte oft bequemer, weil weniger gewohnt, einrichten können als die, für die es primär gedacht war. Daher wird es löchriger und die Gefahr größer, dass es reißt.

Hoffentlich distanziert sich jetzt mein Verlag nicht von mir. Ich argumentiere ja weder aus einer rechten noch irgendeiner anderen Ecke heraus, sondern als einsamer Speziesbeobachter vom Mars. Der muss jetzt allerdings Montagsthemen schreiben und sich auf den Sport konzentrieren. Da fallen mir im Moment aber nur die Paralympics ein, und die sind ebenfalls ein heißes Eisen, wenn ich auf meinen Themenzettel schaue. Stichwort dort bisher nur, neben „HSV? Wolfsburg? Oder beide?/siehe Samstags-Kolumne“ noch: „Ob es vielleicht für die, zum Glück, vergleichsweise wenigen Behinderten zu viele Medaillen gibt? Zu viele Disziplinen, zu viele  Schadensklassen? Jeder ist eine Klasse für sich, auch eine Schadensklasse.“

Im Flow geschrieben, ohne taktische Gedanken, vielleicht sogar nur im frühmorgendlichen  Tran, als Aufwärmen für die Kolumne, und immer noch mit dem trügerischen Gefühl des Schreib-Traditionalisten, das wichtig nur ist, was in der Zeitung steht, nicht all das Gelalle  (wie dieses hier) im Netz. Vielleicht sollte ich alles löschen, was ich in den Stein(es)bruch schreibe, der das Material für die Zeitungsarbeit liefert? Also „kill blog“? Der Finger schwebt über der Taste …

… KKKK. Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss. Aber aufgehoben ist nicht ausgeschwebt.

Baumhausbeichte - Novelle