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Sport-Stammtisch (vom 10. März)

Der Fußball-Gott, oder wer auch immer die Bälle rollen lässt, hat schrägen Humor. Ausgerechnet die Galaktischen von Real Madrid, Prototyp des turbokapitalistischen Fußballs, kämpfen und siegen für den wahren, reinen, echten, den Graswurzel-Fußball. Die Fantastillionen der Scheichs waren an diesem Abend plötzlich weniger wert als die Inflations-Billionen der Zwanziger Jahre, das global denkende Paris muss in der französischen Provinz versauern. Den Scheichs geht es wie einst Mario Adorf alias Heinrich Haffenloher in »Kir Royal«. »Ich scheiß euch zu mit meinem Geld!« Jetzt sitzen sie in der eigenen … gelle, ihr Scheiche!?
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Der Fußball-Gott hat weitere Gags auf Lager. Der bunte Dortmunder Vogel Aubameyang taucht in London als graue Maus auf, das beim BVB verheißungsvolle Talent Dembele verheizt sich in Barcelona selbst und damit auch die Barca-Millionen, und die Hotspurs aus Tottenham, einem Hotspot der preistreibenden Premier League, scheitern am Mumien-Fußball der scheinbar scheintoten Juve-Oldies.
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Zugabe: Im Klub der Unlogischen fällen sie ihre erste logische Entscheidung und entlassen Heribert Bruchhagen, einen der letzten Logiker der Liga, der als solcher die Entscheidung am besten versteht. Nun hofft der HSV, der sprudelndere Geldquellen hat/te (vor allem eine) als die meisten Konkurrenz-Klubs, auf ein Wunder. Das könnte geschehen, wenn bei einem Nord-Nachbarn mit einer noch sprudelnderen Quelle das Geld noch sinnloser versickert.
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Und aus der Ferne hört man mit Grausen,  die globale Geldvernichtungsmaschine sausen: Alvaro Sobrinho soll als Vorstandsvorsitzender einer angolanischen Bank 600 Millionen Dollar abgezapft haben. Die Bank ging pleite. Inzwischen wurde in der Schweiz ein Teil seines Vermögens beschlagnahmt, was auch in Lissabon mit Sorge registriert wird, denn Sobrinho gehört ein Drittel des Hauptstadtklubs Sporting (Quelle: Spiegel). Es gibt viele und mächtigere Sobrinhos in der Fußball-Galaxie. Fliegen sie alle auf, implodiert sie in einem schwarzen Loch.
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Die aktuelle Entwicklung im Fußball ist eine Konsequenz seiner Politik, würde Jochen Brühl dazu sagen. Und auch zu Peter Fischers erneutem Ausflug in den Gefälligkeits-Populismus. Der Eintracht-Präsident surft mit seiner Unvereinbarkeits-Initiative von AfD- und Vereins-Mitgliedschaft auf einer Popularitätswelle, die ihn jetzt sogar auf eine Sonderseite der Zeit gespült hat (»Ein Kümmerer«). Mit seinem neuen Move, der Kritik an den Montagspielen, kann er aber nur bei denen punkten, die nicht wissen, dass Fischer & Co., Euro-Zeichen in den Augen, die Montagspiele erst möglich gemacht haben.
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Fazit: siehe Brühl. Der versteht vielleicht auch auch etwas vom Fußball, vor allem aber von den Tafeln, deren Bundesvorsitzender er ist. Als dieser hat er Angela Merkels Kritik in der hier für den Fußball  modifizierten Form gekontert.
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Fußball-Wahn, AfD, die Tafeln – an Populistischem fehlt da nur noch ein bisschen Genderei und das Schwingen der Rassismus-Keule. Die Keule schwingt Mo Farah, der in München am Flughafen grässlichen Rassismus erlebt haben muss, denn er wurde »wie verrückt abgetastet«. Ist ja auch eine schwere Diskriminierung, wenn man als VIP wie ein gewöhnlicher Sterblicher kontrolliert wird. Vielleicht hatte er Angst, bei der Leibesvisitation könnten Dokumente gefunden werden, die beweisen, was Farah im Nike-Oregon-Project so alles getrieben hat …
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Zur gendergerechten Nationalhymne … nee, nicht mit mir. Man macht sich, wenn man dagegen wettert, genauso lächerlich wie frau, die es fordert. Wobei Sprache aber im Sport durchaus einmal vernünftig durchgegendert werden sollte. Solange Fußballerinnen in Mannschaften spielen, Manndeckung praktizieren, Landsmännnin sind und »Vorsicht, Hintermann!« rufen, gäbe es bessere Verweiblichungen, als im Vaterland die Muttersprache zu verhunzen.
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Bei den heute angetippten Themen wäre es hilfreich, sich in die jeweilige Gegenseite einzufühlen. Matthias Beltz, unser Hesse im Himmel, beherrschte diese Hohe Schule der Empathie. Damit zum Geburtstag der Woche. Waldemar Hartmann feiert heute seinen Siebzigsten. Waldi, der Mann mit der Aquabar, Völler, Weißbier usw., alles noch bekannt. Fast vergessen aber, dass in meinen »Jahresendzeitgesprächen« mit Matthias Beltz und Matthias Altenburg (der damals noch nicht Jan Seghers hieß) um die Jahrtausendwende auch Hartmann auftauchte – ein Höhepunkt der »Anstoß«-Geschichte.
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Altenburg: »Hätte ich nicht gewusst, dass er Sportjournalist ist, ich hätte Waldemar Hartmann für den Vorsitzenden der DVU gehalten, als er zum Thema Kindererziehung sagte: A Watschn hat noch keim’ geschadet.« – gw: In dieser Talkshow waren auch Sie Gast, Herr Beltz, haben mit Hartmann danach privat gesprochen und ihn als sehr nett empfunden. – Beltz: »Komisch: Wenn man von jemandem sagt, als Kommentator finde ich ihn furchtbar, und dann trifft man sich . . . wahrscheinlich wäre es mir mit Adolf Hitler genauso gegangen. Wenn ich ihn in einer Kneipe getroffen hätte, dann hätte ich vielleicht gesagt, der Führer ist an sich, so ab elf am Abend, ein ganz netter Mensch. Weil er eben auch nichts getrunken hat und dadurch nicht so furchtbar gelallt hätte, und solche Leute hat man manchmal ganz gern. Es hat immer wieder etwas Überraschendes, wenn man Prominente aus Funk, Fernsehen und Reichsparteitag trifft, dass die manchmal eigentlich so sind, wie man auch selber sein könnte.« – Altenburg: »Der Beltz hat’s gut, der scheint sich vor gar nichts zu ekeln, der kann sich sogar vorstellen, ein Hartmann zu sein.«– Beltz: »Lieber Kollege, in jedem von uns schlummert ein Hartmann.«
Und wer schlummert in Ihnen?  (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle