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Montagsthemen (vom 5. März)

Es gab Zeiten, da spielten Bäcker gegen Schornsteinfeger Handwerker-Fußball. Allerdings nur am Neujahrstag und jeweils in Berufskleidung. Eine längst vergessene Tradition. Niko Kovac belebte sie, als er »gegen Hannovers Handwerker im Mittelfeld auch Handwerker im Team haben« wollte. Doch leider spielen »fast alle Bundesligisten wie die Beamten« (Rentner Berti Vogts, Ex-Beruf Terrier), speziell kürzlich der BVB, wie dessen Manager Michael Zorc zürnte. Klar, dass der Beamtenbund zurückzürnte. Lax und lustlos seien vielleicht die Fußball-Millionäre, aber kein aufrechter deutscher Beamter! Schon stürmt es in der Kaffeetasse.
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Apropos lax. Lacks, nein Lachs gab’s mal in einem deutschen Fernsehfilm. Im Flugzeug serviert. Auch den Piloten. Fischvergiftung! Absturz drohte, nur ein heldenhafter Passagier …  der übliche Plot. Nach dem Abspann musste die Ansagerin (ja, so was gab es!) nach einem Protest des Deutschen Fischbeamtenbundes klarstellen, dass der im Film servierte Lax, quatsch: Lachs nicht aus deutscher Produktion kam.
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In Leipzig versöhnte der BVB den Beamtenbund. Ja, so rasant, so einsatzfreudig, so unermüdlich, so sind wir! Und in Frankfurt erbauen Kovac’ Handwerker einen mittlerweile schwindelerregend hohen Punkteturm, von dem aus Europa gut sichtbar wird, ein Abstiegsplatz weit unten aber selbst mit einem Teleskop nicht mehr zu erkennen ist.
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Egal ob Handwerker oder Beamte, so richtig Spaß macht Fußball nur, wenn auch ein dritter Berufsstand vertreten ist, mit ein paar freischaffenden Künstlern der genialischen Art. Doch in diesem Segment bleiben in der Bundesliga viele Stellen unbesetzt. Beziehungsweise sie müssen, mangels qualifizierter Bewerber, mit fleißigen Handwerkern aufgefüllt werden.
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Welche Berufsgruppe spielt in Hamburg Fußball? Handwerker-Innung und Beamtenbund würden zu Recht protestieren, brächte man sie mit dem HSV in Verbindung. Wer hat diese Mannschaft zusammengekauft, wer diesen x-ten Trainer verpflichtet, diesmal einen Haudegen, Magaths Mann von vorgestern? Wer ist dort fürs Große und Ganze verantwortlich? Wie gut, dass Hamburg nicht am Main liegt, daher gehört es nicht zur hessischen Chronistenpflicht, an einem Denkmal zu kratzen, an dem wir jahrelang mitgebaut haben.
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Die HSV-Fans glauben zu wissen, welche Berufsgruppe auf dem Platz steht. »Danke für nichts, ihr Söldner!«, schreiben sie auf ein Transparent. Dieser Beruf kann aber nicht der Grund allen Übels sein (ja, klar, ein wichtiger ist er dennoch, aber nur in echt, nicht im bildhaften Fußball-Vergleich), denn sonst müssten die Fans in Frankfurt mit einem Transparent dagegen halten: »Danke für alles, ihr Söldner!«
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So oder so ist das Leben, nicht nur im Fußball. Es gibt so ne und solche Söldner, Handwerker und Beamte. Und so ne und solche Medaillen. Schon sind wir beim olympischen Après-Ski. »Vierzehn Goldmedaillen für Deutschland: Nie sind deutsche Sportler erfolgreicher von Olympischen Spielen zurückgekehrt«, jubelte die FAZ am ersten nacholympischen Tag, und obwohl sie bisher des Medaillenwahns nicht verdächtig war, legt sie nach, »dass es sich für Deutschland lohnt, wie kaum ein anderes Land im hochtechnisierten Wintersport nach Perfektion zu streben. Der Erfolg rechtfertigt die Investitionen.« Klingt verdächtig nach … rechtfertigt die Mittel.
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Eine Woche ist vergangen, der Überschwang vorbei geschwappt, da kann ich Widerworte wagen, ohne gleich der sportlichen Wehrkraftzersetzung angeklagt zu werden (die Bundeswehr gewann die meisten Medaillen, angeführt von der Obergefreiten Aljona Savchenko). Nie so erfolgreich, weil 14 Goldmedaillen? Welch eine Milchmädchenrechnung! Die Inflation der Disziplinen erzeugt natürlich auch eine der Medaillen. Diesmal 14 in 102 Disziplinen. Zuvor gab es 96, davor 88 Disziplinen. 1972 waren es sogar nur 34. Übrigens gewann Deutschland 1992 zehn Goldmedaillen. In nur 57 Disziplinen.
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Immerhin gibt die FAZ zu, dass »die Sportarten in denen Deutsche traditionell glänzen, keine globale Anziehungskraft haben«. Mit anderen Worten: Viel Geld plus wenig Konkurrenz = GOLD! GOLD! GOLD für Deutschland!
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Der Medaillenspiegel dieses Wochenendes sieht etwas anders aus. Hallen-WM der Leichtathleten in Birmingham. Warum keine Goldflut für Deutschland? Statt einer Antwort die im 60-m-Finale der Männer vertretenen Nationen: USA, China, Iran, Slowakei, Ghana, Türkei. Der Wetzlarer Michael Pohl kam immerhin ins Halbfinale.Was nicht weniger zählt als so manche olympische Medaille.
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Übrigens hatten die Bäcker und Schornsteinfeger ebenfalls einen listigen Trick. Die Bäcker hatten Mehl in der Tasche, die Schornsteinfeger Ruß, sie bewarfen damit die Gegenspieler, und so kam es, dass es immer schneite (rußig natürlich in diesen vorökologischen Fünfzigern) und am Schluss 22 Dalmatiner auf dem Platz standen. Aber das ist ein anderes Thema.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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