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Sport-Stammtisch (vom 24. Februar)

Mitten in der langsam langweilenden Medaillen-Verramschung ist ein Wunder geschehen. Nach all dem Lari und Fari, dem aufgeblasenen Drumrum von Mixed und Staffeln, ließen die Eishockey-Cracks urplötzlich ein sportliches Glanzlicht aufleuchten, das noch strahlen wird, wenn die meisten Medaillen dieser Winterspiele schon längst vergessen sein werden. Es wird sogar länger leuchten als das Bronze von 1976. Allerdings nur, falls Olympia so lange überlebt.
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Was fraglich ist. Wen würde es noch interessieren, wenn Laura Dahlmeier nicht in sechs, sondern in zwölf oder 18 Biathlon-Disziplinen Gold holen könnte? Nach ihrem zweiten Olympiasieg galt schon Bronze als Enttäuschung, obwohl gerade dieser dritte Platz aller Ehren wert war. Nach dem Doppel-Gold, dieser Erlösung, nach der alle Spannung erst einmal abfällt und tiefer Befriedigung weicht, sich noch einmal aufzuraffen und weit vorne zu landen, das war vielleicht ihre größte sportliche Leistung bei diesen Winterspielen. Vom Medaillenwahn geblendet, werden das nicht viele so sehen, aber wohl wenigstens eine, Laura Dahlmeier selbst. Eine große Sportlerin.
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Nun müsste ich natürlich auch, den »Experten« mimend, ein Loblied auf die Eishockey-Cracks singen, doch ich springe nicht auf den fahrenden Zug auf, sondern applaudiere dem vorbeifahrenden nur still und respektvoll. Da ich eher ein Laie dieser Sportart bin, will ich mich nicht hochstapelnd unter die echten Fachleute schmuggeln. Davon gibt es genügend, vor allem auch in der eigenen Sportredaktion.
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In der winterolympischen Kernsportart Eishockey gibt es eine – EINE! –Goldmedaille zu gewinnen. Na klar, was denn sonst, werden Sie sagen. Aber wenn sich Eishockey an anderen Sportarten orientierte, könnte es zur wundersamen Medaillenvermehrung kommen: Gold für den Torschützenkönig, für den besten Goalie, dazu ein Penalty-Schießen, und alle Disziplinen verdoppelt durch Wettkämpfe mit langem und kurzem Schläger. Albern? Stimmt. So albern wie … Sie wissen schon.
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Bild-Schlagzeile: »Wie sauber sind sie? Norweger erhielten 6000 Packungen Medikamente.« Ein übler Verdacht. Nicht weil er unberechtigt wäre. Sondern weil man die Nationalität beliebig austauschen könnte. Letzte Woche schrieb ich, Doping sei nur ein Wort, Betrug aber ein Verbrechen. Siehe jetzt die »Medikamente« in der Bild-Schlagzeile. Denn Doping ist nur das, was auf der Dopingliste steht. Alles andere sind »Medikamente«. Beispiel: Was davon ist Doping: Kreatin, Nikotin, Viagra , Wick Medinait für Kinder, Koffein? – Antwort: Nur Wick Medinait (weil ephedrinhaltig), alles andere ist erlaubt. Zusatzfragen: Darf man überdosierte Vitamin-Konzentrate spritzen? Leistungssteigernde Asthma-Mittel inhalieren? Sich zur schnelleren Regeneration an den Tropf hängen lassen? Zur Blutmanipulation in der Unterdruckkammer trainieren oder im Sauerstoffzelt schlafen? Für den Kontrolleur auch mal nicht auffindbar sein? Antwort: Alles das darf man.
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Man darf auch boykottieren. Zum Beispiel die Montagsspiele. In Frankfurt einigten sich Ultras und die Eintracht auf eine Art betreutes Boykottieren. Prima Interaktion von Fans und Klub, niemand wurde verletzt, aber der Standpunkt gut vertreten. Dennoch fragt sich, ob derartige Aktionen etwas bewirken oder nur als letztlich systemstützende Fußball-Folklore verstanden werden. Randale darf natürlich keine Alternative sein, sie muss schärfstens geahndet werden. Alternative kann nur sein, wer generell gegen Montagsspiele ist, sollte sie weder mit Stadion-Tickets noch mit Fernseh-Abos finanzieren.
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Noch ne Meinung, die ich womöglich exklusiv habe: bezahlte Polizeieinsätze im Fußball. Sollen die Veranstalter nun auch die Einsatzkräfte bezahlen, die im öffentlichen Raum für Recht und Ordnung sorgen müssen? Spontane Antwort: ja, klar. Doch andersrum gedacht: Wer bezahlt die Polizeieinsätze bei anderen Großereignissen? Der veranstaltende Gastgeber (Beispiel: Pegida)? Oder der ungebetene Gast (Gegendemonstranten)? Weder, noch. Wir alle.
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Wenn zwei das Gleiche tun … ist das noch lange nicht dasselbe. Auch sprachlich. Im Spiegel lese ich, Steven Pinker habe »dieselbe graue Löwenmähne, das gleiche breite Grinsen« wie Thomas Gottschalk. Das gleiche Grinsen – okay. Aber dieselbe Löwenmähne? Teilen sich die beiden eine Perücke? Meine Eselsbrücke über dieses Sprachproblemchen: Wer immer dieselbe Frau liebt, ist monogam, wer immer die gleiche liebt, ist polygam.
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Wenn man ein Problemchen immer weiter verdünnt, ist es kaum noch erkennbar. Aber wirksam. Sagt die Homöopathie. Sie erhält sogar Unterstützung vom Bundesgerichtshof. Denn Fälle, die der BGH verhandelt, müssen ja wohl von großer Bedeutung sein. Aktuelles Beispiel der Wirkmächtigkeit eines Problemchens: Eine Kundin der Sparkasse will auf Formularen nicht als Kunde bezeichnet werden. Womit sich nun die höchsten Richter im Lande beschäftigen müssen. Ich hätte ja einen Kompromissvorschlag, nicht nur für Männlein und Weiblein, denn die beiden sind ja nur die Spitze des Geschlechter-Eisbergs. Neutrum für alle! Mir wär’s recht. – Sie lasen eine Kolumne von: das (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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