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Montagsthemen (vom 19. Februar)

Halbzeit in Südkorea. Einen olympischen Ruhetag gibt es dort nicht, aber hier, in dieser Kolumne. Wir verhandeln heute anderen Sport. Es gibt ja genug davon. Es gibt auch genug Modewörter, die ambitioniert klingen sollen. Wie »verhandeln«. Gehört in die gleiche Rubrik wie der »Narrativ« oder der sinnlos eingestreute: Doppelpunkt. Wir wechseln also lieber die Vorsilbe und behandeln heute anderen Sport.
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Auf einen ähnlichen, aber ganz anderen Sport wie der olympische in Südkorea warte ich leider seit über 20 Jahren vergeblich. Der »Elfstedentocht« in Holland, eine 200 Kilometer lange Elf-Städte-Eislauftour in der Provinz Friesland (Bestzeit unter sieben Stunden!), steht zwar in jedem Jahr auf dem Programm, fand aber zuletzt 1997 statt. Grund: Das Eis muss mindestens 15 Zentimeter dick sein. So viel für heute zum Thema Klimawandel.
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Auch dem  Fußball  droht ein solcher. Glauben Sie nicht? Sie werden es erleben! In England deutet sich das Ende der finanziellen Fahnenstange an, in Deutschland das Ende des Zuschauerbooms. Noch sind die Anzeichen scheinbar harmlos. In England beginnt das Verwertungs-Wachstum zu schrumpfen, in der Bundesliga wachsen hier und da zwar noch kleine, aber ungewohnte Lücken auf den Rängen. Im Unterschied zum Klima-Klimawandel kann mir der Fußball-Klimawandel aber gar nicht schnell genug kommen. Es wird Zeit, dass sich was dreht.
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In Wolfsburg klaffte schon am Samstag eine gewaltige Lücke. Sie klaffte aber nur knapp  zwanzig Minuten lang, als Stimmungsboykott wegen schlechter Leistungen. Boykottgründe gäbe es so manche im heutigen Fußball, aber dieser klingt ein bisschen kindisch. Die Fans verpassten das Führungstor ihrer Mannschaft. Ohne sie gewann der VfL das Spiel mit 1:0, mit ihnen verlor er 0:2. Logische Folgerungen verkneife ich mir. Wer Wolfsburg-Fan ist, hat’s schwer genug.
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Rückblick auf die olympische Gemengelage von 1972. Winterspiele in Sapporo, Karl Schranz wird gesperrt, Österreich rastet aus. Schuld ist das IOC mit seinem Boss Brundage. Hitlers williger Helfer 1936. Und nicht nur das. Ein ganz unangenehmer Patron. Schranz wurde gesperrt, weil er gegen den Amateurparagraphen verstoßen habe. Der war damals (der Paragraph, nicht Schranz) der Popanz des Sports, die vor ihm her getragene Monstranz wie heute der Dopingparagraph. Dem wird es ein weiteres halbes Jahrhundert weiter ergehen wie heute dem Amateurstatut – er wird vergessen sein bzw. von denen, die ihn nicht vergessen haben, als absonderliche Zeiterscheinung gesehen werden. Wenn es den weltweit interessierenden Wettkampfsport überhaupt noch geben sollte, wird das Thema nicht Doping, sondern Betrug heißen. Denn Doping ist nur ein Wort, Betrug ein Verbrechen. Aber was verirre ich mich schon wieder in dem stinkenden Dickicht, ist doch sinnlos.
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In den Schlagzeilen des Wochenendes kam erst Olympia; klar. Dann noch mal Olympia; na ja. Dann Bundesliga; unvermeidlich. Dann … kam lange nichts, und nach dem Nichts fielen noch ein paar wenige Zeilen und Sendesekunden für die Leichtathletik ab. Hallen-Meisterschaften. Früher mal ein Großereignis. In diesen Zeiten nur Lieferant für Randnotizen. Warum? Ach, alle Klagelieder sind gesungen und verhallt. Nicht schon wieder diese Töne.
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Dafür boomt ein anderer Sport. Er ist derart angesagt, dass er sogar im Koalitionsvertrag auftaucht. Alfred Vieth aus Bad Nauheim macht mich darauf aufmerksam, was dort »unter dem Zauberwort ›Digitalisierung‹ steht, weit vor ›Finanzen und Steuern‹:
Wir erkennen die wachsende Bedeutung der E-Sport-Landschaft in Deutschland an. Da E-Sport wichtige Fähigkeiten schult, die nicht nur in der digitalen Welt von Bedeutung sind, Training und Sportstrukturen erfordert, werden wir E-Sport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen.«
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E-Sport olympisch? Nun wissen wir auch, warum die Koalitionsverhandlungen derart lange gedauert haben. Darauf muss man schließlich erst einmal kommen. Dem digitalen Zeitgeist auf der Spur auf der eigenen Schleimspur ausgerutscht?
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P. S. von Alfred Vieth: »Meine erste Reaktion, als ich E-Sport las, war WTFITS.« Neugierig mailte ich fragend zurück, was das bedeutet und erfuhr, dass WTFITS ein Akronym für »what the fuck is this shit« ist.
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Unser Leser hofft, »dass Sie uns auch in 2018 noch viele ›Anstöße‹ geben«. – IWDMVB. (I will do my very best). Bis mich ein Shitsturm wegfegt, weil die Leser schimpfen: WTFITS?! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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