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Sport-Stammtisch (vom 17. Februar)

Wer zugibt, dass ihm der Medaillenspiegel Unbehagen bereitet, wird schnell aus der Gemeinschaft der Goldgläubigen ausgebürgert. Wer dann noch treuherzig beteuert, es habe ihn sportlich mächtig beeindruckt, dass Monsieur Massot seine Partnerin derart weit wegschleudern kann, dass er auch beim Zwergenweitwurf Goldchancen besäße, der hat beim Rest der Sportrepublik, die sich vor Rührung schluchzend in den Armen liegt, vollends ver … wie heißt das Wort? Ach so, ja: … spielt.
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Prof. Gerhard Treutlein, wackerer und dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichneter Anti-Doping-Kämpfer aus Heidelberg, klagt auf seiner Facebook-Seite: »Überall steht der Medaillenspiegel im Mittelpunkt, wir Deutschen sind endlich wieder die Größten??? Nationalismus ist der Sargnagel für die Olymp. Spiele.« – Nee, nee, nee, lieber Gerhard, da hast Du etwas missverstanden. Der Nationalismus ist kein Sargnagel, sondern er lag jahrzehntelang selbst im Sarg. Die Schrauben (mittlerweile sind es wohl keine Nägel mehr) waren fest verschlossen – bis von da und dort und fast überall diese Typen mit den Akkuschraubern auftauchten, den »Rückwärts«-Hebel drückten, alle Sargschrauben kreischend lösten, und, voilà, der Deckel hebt sich – da isser ja wieder!
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Der Medaillenspiegel war da nur ein kleines und schon immer wacklig befestigtes Sargnägelchen. Mich beschleicht bei seinem Anblick sogar klammheimliche Freude. Da zur Empathie auch das Einfühlungsvermögen in fremdes Gedankengut gehört, versetze ich mich in einen neonazistischen Kopf und frage ihn, also mich: Freut dich die Goldmedaille des Ex-Franzosen und der Ex-Ukrainerin für Deutschland? Bist du demnach Multikulti-Fan? Wie bitte?! Schnell raus aus diesem Kopf. Er ist tatsächlich stolz. Raunt etwas vom ersten Schritt zurück zu seinem Deutschland in den Grenzen von 1941.
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Sorry. Schwarzer Humor. Der treibt nun mal mit dem Entsetzen Scherz. Humorlos weiter, denn wenn es um echten Sport geht, verstehe ich nur wenig Spaß. Am Donnerstag feierte Bild online »unsere Paarläufer« gewohnt marktschreierisch und machte gleichzeitig zwei großartige Alpine nieder. »Für Rebensburg reicht’s nur zu Blech«, und »Dreßen – nur Platz 5!« Abends dumpfdoofte sogar das heute-journal von Dreßens »Nur-Platz-5« – der sportlich in der Kerndisziplin Abfahrt und vor allem für einen jungen Deutschen aller Ehren wert ist.
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Nach den beiden »Versagern« räumten unsere sensationellen Super-Rodler erneut Gold ab, und schon kriegten sich die »Feierbiester« (nie war das Van-Gaal-Wort treffender) kaum noch ein vor Begeisterung. Gold in der Rodel-Mixed-Staffel! Die hatte ich einst sarkastisch an die »Anstoß«-Wand gemalt, um eine scheinbar besonders irreale Disziplin zum Wohle des deutschen Medaillenspiegels zu erfinden. Jetzt ist die Rodel-Staffel olympische Realität. Fehlt nur, dass mein Jux vom Kanureiten olympisch wird.
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Noch ein Wort zum Militärpatrouillenlauf. Der wurde 1924 unter diesem Namen olympisch und heißt heute Biathlon. Vor Jahren machte ich mir wenig Freunde unter den immer zahlreicheren Fans dieser Sportart, als ich meinte, wer Biathlon möge, höre gerne Stadl-Musik und feiere feste MDR-Fasching. Mittlerweile gebe ich kleinlaut zu, dass Sportlerinnen wie Magdalena Neuner und jetzt Laura Dahlmeier mir den Biathlon schmackhafter gemacht haben, und als ich vorgestern in einem Sportgeschäft auf einem Riesenfernseher die Läufer am Schießstand in Extrem-Zeitlupe sah, stellte ich irritiert fest, dass ich minutenlang fasziniert zuschauen musste. Ich, der einst unter Androhung standrechtlicher Erschießung untersagt hatte, dass auf unseren Sportseiten Fotos auftauchen, auf denen Knarren zu sehen sind!
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Dennoch missfällt mir die rodelartige Inflation der Biathlon-Disziplinen. Eine pro Geschlecht würde genügen und diese dann gebührend aufwerten (also zwei, nicht gegenderte 66). Aber ich will heute nicht mehr darauf rodelrumreiten, sonst werde ich noch zu dem Versprecher von Sky-Kommentator Fuss am Mittwoch in Madrid, zum »Empörkommling«. Übrigens hieß Fuss’ Konferenz-Pendant in Porto Jörg Dahlmann – »unser« Jörg, der seine Karriere als »Freier« in der Sportredaktion begonnen hatte. Er bekommt wieder vermehrt Sendeminuten, was mich als Lokalpatrioten besonders freut – zumal Sky ansonsten immer weniger Freude macht. Ach ja, nicht vergessen: Am Montag spielt die Eintracht in Leipzig. Live bei Sky? Haben Sie ein Abo? Vergessen Sie’s.
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Und dann wäre da noch der neudeutsche Begriff „Mansplaining“: Mann erklärt Frau großspurig die Welt. Mansplaining ist das neue No-Go für genderbewusste Männer. Viel Schadenfreude machte mir daher der scheinbar softweichgespülte kanadische Premierminister Trudeau, der eine Frau, die in einer Versammlung von »mankind« sprach, ebenso nur scheinbar genderbewusst zurechtwies, das müsse heutzutage »peoplekind« heißen. Mansplaining der beflissenen Art. Das Kotstürmchen hatte sich Trudeau männlich-unredlich verdient.
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Zu guter Letzt erfülle ich noch meinen sportlichen Bildungsauftrag. Für Euch, liebe Mädels! Ihr wolltet schon immer wissen, wie das mit dem Abseits geht. Also, wenn hinter dem Ball noch zwei Spieler … nee, vor dem Ball … also einer plus Torwart … und dann greift einer ein … Mensch, Kerle, das ist doch ganz einfach! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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