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Irre Geschichten („40-30-20-10“ vom 9. Februar)

Vor 40, 30, 20 und vor zehn Jahren: Kleine Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides.
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(»Aktueller« Beitrag zu einer laufenden Debatte:)  Die Spieler verzetteln sich in Nebengeschäften und wollen Geld garantiert bekommen, aber keine Leistung garantieren, zählen jeden Schritt und tun keinen – unbezahlten – zu viel. Doch ist dies nicht zu verständlich? Man kann von ihnen nicht jene Begeisterungsfähigkeit verlangen, die auch auf anderen Ebenen nicht anzutreffen ist. Uns geht es zu gut, wir sind satt, bequem und träge. Nicht nur auf dem Fußballfeld führt dies zu Niederlagen. (»Satt«/14. April 1978/Nichts Neues unter der Fußball-Sonne?)
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(Winter-Olympia Calgary) Albert Grimaldi, Juniorchef von Monaco, belegte im Zweierbob-Training unter 48 Teilnehmern den 36. Platz. Nicht schlecht, Herr Prinz. Grimaldis wenig sympathieträchtiger Kommentar: »Wenn mein Bremser schneller gewesen wäre, wäre ich weiter vorne gelandet.« Johann, schieben Sie gefälligst schneller! (20. Februar 88/ Aktueller Matthäus-Kommentar: »Wäre, wäre, Fahrradkette«)
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(Und noch einmal Calgary. Eine irre, heute vergessene Geschichte, illustriert mit einem Bild eines »buckligen« österreichischen Eisschnelllauf-Silbermedaillengewinners) Das ist nicht der Glöckner von Notre Dame, sondern Michael Hadschieff. Der Student aus Innsbruck hat sich einen Coup ausgedacht, der das Herz im Leibe lachen lässt. Mit Millionenaufwand rüsten die Medaillen-Fetischisten aller Länder auf, Sportwissenschaftler quetschen sich für die Athleten die letzten Tausendstelsekunden aus den grauen Zellen – und da kommt Herr Hadschieff daher, bindet sich einen Buckel auf den Rücken und gewinnt Eisschnelllauf-Silber. Den sich zum Nacken hin verstärkenden Kunststoffbügel wollen jetzt alle nachahmen. Noch ne Pointe zur Buckel-Story: Hadschieffs Trainer Günter Schumacher war zuvor in Deutschland abgelehnt worden. In Calgary liefen die bundesdeutschen Männer jetzt nicht unter die ersten 20 – das aber wenigstens nach wissenschaftlich abgesicherten Trainingsmethoden. (23 Februar 1988/Was ist aus dem Kunst-Buckel geworden? Ich habe keine Ahnung)
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(Zehn Jahre später, wieder Winter-Olympia, diesmal Nagano) Wir, denen als Kinder das Herz in die Hose rutschte, wenn wir uns auf unserer Rodelstrecke am Friedhof (!) auf die »Todesbahn« genannte »Direttissima« wagten, haben großen Respekt vor Georg Hackls sportlicher Leistung. Aber es muss auch erlaubt sein, Rodeln nicht unbedingt ernst zu nehmen. Allerdings sollte man nicht so bösartig sein wie jener Journalist, der Hackl einmal als »rasende Weißwurst« beschimpft hatte, der das Resthirn in die Kufen gerutscht sei. Da verstand Hackl keinen Spaß und verbat sich vor Gericht diese Verunglimpfung. Böse, ganz böse Spötter, zu denen wir natürlich nicht gehören, behaupten, der Journalist wäre zur Strafe auf einen Schlitten geschnallt und die Bahn hinuntergeschubst worden. Resultat: Bahnrekord. – Nicht unbedingt ernst nehmen sollte man auch die Meldung, dass Johann Mühlegg nicht in der Staffel starten will, da Jochen Behle »strahlt« (10. Februar 1998/Mühlegg, seine portugiesische Putzfrau, Spanien, Gold, Doping – eine buchstäblich wahnwitzige Geschichte nimmt ihren Lauf)
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(Zwischenruf aus aktuellem Anlass: Während der Winterspiele von Nagano kamen »ein paar neue heiße Typen« zur Frankfurter Eintracht) Zum Beispiel Ansgar Brinkmann, dem ein Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Genüsslich erzählt man sich, als er noch mit Mario Basler bei Rot-Weiß Essen kickte, habe man Chaos so gesteigert: Chaos, Basler, Brinkmann. (4. Februar 1998/jüngst tauchte Brinkmann zu einem kurzen Gastspiel im »Dschungel« auf)
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(Zurück zum Wintersport, der in »gw«-Kolumnen nicht immer mit dem nötigen Respekt behandelt wurde) Nun haben wir ein Europameister-Trio im Paarlauf: Aljona Savchenko, Robin Szolkowy und Ingo Steuer. Szolkowy, obwohl Sohn eines tansanischen Arztes, ist der »richtige« Deutsche von den dreien: Seine Partnerin stammt aus der Ukraine (Einbürgerungsgrund: Eiskunstlauf), Trainer Steuer aus eigenem Stasiland. In seiner Unaufgeregtheit ähnelt der Sachse Szolkowy unserem mazedonischen Ur-Hessen Oka bei der Eintracht. Unterschied: Die Eintracht ist keine Diva mehr, dafür hat Szolkowy deren zwei zu ertragen. Einer seiner Ur-Ur-Ahnen (auch in Sachen Mutterwitz), Ex-Eisprinz Hans-Jürgen Bäumler, heute über das Eiskunstlaufen: »Das war nie mein Hobby. Freiwillig macht das niemand. Oder glauben Sie, dass ein vierjähriges Kind zur Mutter sagt: »Mami, wann darf ich mir wieder die Füße blutig laufen?« (26. Januar 2008/Aljona Savchenko darf wieder. Jetzt mit neuem Partner. Bruno Massot, seit November 2017 deutscher Staatsbürger. Wenn’s wieder nicht klappt mit dem Gold – wird dann ausgebürgert?) (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle