Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 4. Februar, 6.20 Uhr

Ein leichter Hauch Schnee auf der Straße, Grießeln in der Luft, kalt, noch keine FAS im Kühlschrank … nein, Herr Freud, im Kasten. Winter im Februar, so ungewöhnlich nicht. Obwohl mir nach dem monatelangen Schmuddelwetter nicht nach klirrender Kälte ist, sondern schon nach Rössslein, die der Bauer anspannt. Im Märzen der Bauer … wäre schön, wenn das als neuer Wurm ins Ohr krabbeln würde, denn seit gestern Abend singt ein sehr alter Ohrwurm in meinem Kopf Mu-u-u-u-n-light, die Nacht ist schön. Furchtbar, raus mit Dir!

Und das kam so: Gestern vor dem Schlafen noch mal die Nachrichtenlage sondiert, wozu immer auch Bild online gehört, für die wichtigen Dinge des Lebens. Erfahren, dass Tina York Dschungelkönigin werden könnte (wurde sie nicht, lese ich jetzt, gewonnen hat die Schwester einer Katze, was mir nur ansatzweise etwas sagt .. ach ja, Costa Cordalis  seim Sohn ist der Kater). Tina York ist auch eine Schwester, die von Mary Roos. Schon beginnt das Kopfkino zu surren: Die beiden haben doch mal in der Nähe von Wetzlar gewohnt, in Braunfels, weil dort der Produzent (?) von Mary Roos herkam? Wetzlar, meine halbe Heimat (andere Hälfte: Gießen), in meinen Teen-Zeiten ein Schlager-Hotspot. Ted Herold hat dort eingeheiratet und ist geblieben, als Radio- und Fernsehtechniker. Ted Herold, der deutsche Elvis, der mit 17 „Ich bin ein Mann“ sang, ein Lied, das auf den Index der deutschen Radiosender kam, weil männlich suspekt (ja, das gab’s schon damals). Und Elvis kam einmal, als Soldat in Friedberg, ins Geschäft der Eltern meines Schwagers, der als kleiner Knirps aushalf und erleben durfte, wie Elvis bei ihm Kaugummis kaufte. Ewiger Ruhm war ihm gewiss, und der strahlt auch auf mich ab. Wenn ich jetzt meine Best-of-Elvis-CD höre (nur die Balladen, die rockigen Kiekser-Titel überspringe ich), habe ich das Gefühl, statt meines Schwagers im Laden zu stehen und Elvis die Wrigleys in die Hand zu drücken … wo war ich? … Ted Herold. Isabell-bellabell, Isabell. Und natürlich: Mu-u-u-u-n-light, die Nacht ist schön. Kennen Sie? Dann müssen Sie ganz schön alt sein. Mit Ted Herold verbinde ich auch eine peinliche Erinnerung. So peinlich, dass ich sie lange verdrängt hatte. Bei einem Klassentreffen wurde sie wieder ausgegraben. Als Primaner waren wir oft im Roten Salon in Wetzlar, der verruchtesten Bar, aber mindestens eine Niveaustufe höher als der Adlerkeller, eine Kaschemme, die wir auch oft frequentierten. Im Roten Salon schloss ich Freundschaft mit Sascha, der Bardame, die von mir, dem hessischen Jugendmeister, Kugelstoßen beigebracht bekommen wollte…erst jetzt, wenn ich das schreibe, geht mir der Doppelsinn auf. Damals nicht! Platonischer ging’s gar nicht, obwohl ich sie zum Stoßen sogar zu Hause abholte. Wahrscheinlich genoss sie die ritterliche Zurückhaltung des Primaners, im Job war sie anderes und andere gewohnt. Leider war ich im Roten Salon nicht ganz so zurückhaltend, sondern angetrunken, als wir mit der ganzen Klasse dort zechten, kurz vor oder nach dem Abi, und auch Ted Herold da war, in einer Ecke der Bar, und ich großspurig den anderen verkündete, für alle ein Autogramm vom verachteten Schlagerheini zu holen. Ich wankte hin, beugte mich, knapp zwei Meter groß, zum kleinen Ted und bestand darauf, dass er zwanzig Mal seinen Namen schrieb, ich weiß nicht mehr, worauf, auf 20 Zettel oder 20 Bierdeckel? Der eingeschüchterte Star schrieb und schrieb, das Primaner-Volk johlte, und ich schämte mich erst am nächsten Tag.

Ungefähr zur gleichen Zeit, nee, wohl zwei, drei Jahre vorher, wunderte ich mich in der Faschingszeit an einem Samstag auf dem Schulweg ins Goethegymnasium über eine Grölerei schon morgens auf den Straßen. Humbahumbahumbatäteräää! Die Geburtsstunde eines der größten Faschingshits hatte ich also abends zuvor verpassst, Mainz bleibt Mainz war halt noch nie meins. Der neue Hit von Ernst Neger, wie der alte (Heile, heile Gänsje) geschrieben von, und jetzt kommt die zweite Hälfte meiner Heimat … Breaking News: der Streuwagen fährt vorbei! … ins Spiel, Gießen, denn von dort kam Toni Hämmerle, der blinde Telefonist, der von Ernst Neger, dem singenden Dachdeckermeister, am Schluss immer auf die Bühne geführt wurde. Ernst Neger, dessen Sohn Thomas vor wenigen Jahren unfreiwillig in die Schlagzeilen geriet, weil er, ebenfalls Dachdecker, mit einem Logo für seinen Betrieb warb, auf dem ein … Sie ahnen es!  … zu sehen war. Was mich im Sonntagfrühmorgensflow zu Lübke bringt, keinem Dachdecker, sondern Bundespräsident, der bei einem Empfang in Afrika die Anwesenden so begrüßt haben soll: „Meine Damen und Herren, liebe Neger…“

Was damals kein Skandal war, sondern diese Expertise des Bundespräsidenten Lübke anno 66: »Der Ball war drin. Ich habe genau gesehen, wie er im Netz zappelte.« Ganz Deutschland schrie auf: Der hat doch einen Schuss!

Und ich hab nix auf dem Zettel für die Montagsthemen. Soll ich aus dem Flow etwas herausziehen? Neger, Lübke, Hämmerle, Wembley, Tina York? Ma gucke. Einen kleinen Stapel Zeitungsausschnitte habe ich aber schon neben dem Laptop liegen. Spiegel: „Vereine wie der Bundesligist Eintracht Frankfurt möchten Mitglieder loswerden, die auch in der Afd sind. Sind solche Aktionen sinnvoll? – FAZ: „Ariane Friedrich: Nachträglich Silber. – FR: „Die Mauer ist jetzt so lange weg, wie sie da war.“ – Noch mal FAZ: „Wie ein Gleicher unter Gleichen“ (Boris Becker beim Daviscup). – taz: „Die Flüchtlinge von heute sind die Arbeiter von morgen“ (Schlagzeile, Zitat aus einem Interview mit Linken-Chef Riexinger).

Die Arbeiter von morgen? Schön wär’s. Ist aber genauso illusorisch wie der Kommunismus. Um nicht zu sagen: So ein Quatsch, quätscher geht’s nicht.

Und dann noch aus der Welt „Die Achse des Guten“, die komplette Kolumne des alten Spötters Henryk M. Broder handelt von Gießen, von der Fake-Aktion des kostenlosen Nahverkehrs. Da kriegt der Initiator mal bundesweite Schlagzeilen, sogar einige positive, und kann sich nicht mal outen, weil’s ziemlich teuer würde. Da muss er schon alleine zu Hause im Dreieck springen und singen: Ach wie scheiß, dass niemand weiß, dass ich … heiß.

Heile, heile Gänsje, Humbatäterää,  Mu-u-u-u-n light, die Nacht ist schön.

Zugabe, von Tina Yorks Schwester Mary Roos: Wärst du Dussel doch im Dorf geblieben.

Aber jetzt kommt mein Hit: KKKK. Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss. Metoo!

 

Nachtrag 10.45 Uhr: Mitten im Kolumnenschreiben und soeben dabei, den Dussel, der im Dorf bleiben soll, mit Boris Becker zu verquicken, macht es Klick: Dorthe hat’s gesungen, die Ex-Frau des Wagner-Tenors Rene Kollo, nicht Mary Roos, die Schwester von Tina York. Noch hat es kein Schnell-Leser moniert. Schlaft Ihr noch?

 

 

Baumhausbeichte - Novelle