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Sport-Stammtisch vom 3. Februar

»Euer Fläschchen!«, stammelt Gretchen und fällt in Ohnmacht, bevor ihr die Nachbarin das Riechsalz reichen kann. Trauergottesdienst. Gretchens Bruder wurde ermordet, sie ist Schuld am Tod der Mutter, erwartet von Faust ein Baby … das ist zu viel für sie. Der Sport schreibt die Tragödie um, zur Farce: »Euer Fläschchen … hat ein Leck«, stammelt Thomas Bach ohn-, aber immer noch sprachmächtig, und das Publikum wendet sich mit Grausen.
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Ich bitte vielmals um Verständnis, dass ich auf diesen absurden Fortsetzungsroman nicht ernsthafter eingehen kann, zumal der Kronzeuge, der die russische Affäre ins Rollen gebracht hat, ein schwer krimineller Pate der dortigen Dopingszene war – und nach seinem Stellungswechsel als unser neuer Anstandswauwau gehätschelt wird. Für jedes neue Verrats-Kunststück gibt es ein Leckerli.
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Irre. Noch irrer, dass die ganze Chose um jecke lecke Fläschchen schon vor einem Vierteljahrhundert uraufgeführt wurde. In Darmstadt, mit mir als Premierengast im Publikum. Das Stück »Krabbe« brachte Akt 1 eines Doping-Dramas auf die Sportgerichts-Bühne. Es hätte aber auch »Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung« heißen können (nicht von Krabbe 1992, sondern Grabbe 1827), denn es endete wie bei Shakespeare: »Viel Lärm um nichts.«
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Im Klartext: Katrin Krabbe wurde 1992 in Darmstadt freigesprochen, weil ihre Dopingproben dilettantisch abgenommen wurden, während des Transports von Südafrika nach Köln unbeaufsichtigt blieben und das, Sie ahnen es, auch noch in Fläschchen, die jeder Kleinkriminelle öffnen, manipulieren und unbemerkt verschließen konnte. Seitdem wurde in 25 Jahren hitzigster Doping-Diskussionen nicht einmal jenes kleine, unfeine, entscheidende Leck verstopft. Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode, würde Hamlet dazu sagen.
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Dem kleinen Doktor, der 1992 in Darmstadt als Krabbe-Verteidiger wie ein Zauberkünstler auftrat (Simsalabim, hier ist das Fläschchen!), wurde der Sieg vor Gericht schnell peinlich, denn nach einem weiteren Dopingverdacht (Stichwort Clenbuterol) konnte er »nicht glauben, mit welcher Geschwindigkeit die Sprinterin rückfällig geworden ist«. »Rückfällig«? – hatte er zuvor wider besseres Wissen verteidigt? Fazit des Anwalts: Er wollte »grundsätzlich nicht mehr gegen die persönliche Überzeugung handeln«. »Nicht mehr«? Und vorher?
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Der kleine Doktor von damals bringt uns zurück in die Gegenwart und zur Causa Aubameyang, denn er heißt Reinhard Rauball und leitet heute die Geschicke des börsennotierten Unternehmens Borussia Dortmund. Im aktuellen Prozess spielt er vor Gericht keine Rolle. Aber Aubameyang sollte eine spielen, ebenso wie Bartra, die beide schon auf dem Sprung nach London bzw. Sevilla waren. »Nicht dass uns die beiden durch die Lappen gehen«, dröhnte der Richter, als seien die beiden keine Opfer, sondern Tatverdächtige auf der Flucht. Nun ja, in der Prominenz dieser beiden Augenzeugen sonnt sich das Gericht gerne, die vielen anderen Insassen des attackierten Busses gehören anscheinend zum grauen Alltag, falls sie überhaupt gehört werden.
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Aubameyang ist dem Richter und dem BVB dennoch durch die Lappen gegangen. Übrigens ein schönes altes deutsches Wort aus der Jägersprache: Wenn man das Treibjagdgebiet mit Lappen und Tüchern eingrenzte und einkreiste, konnte einem schon mal ein Wildschwein oder Hirsch »durch die Lappen gehen«. Dass bei den echten Lappen dieses Jagen mit Lappen »Teutsches Jagen« heißt, was bei uns wiederum ein Synonym für Biathlon ist …
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…ach, ich schweife ab. Zurück zu Aubameyang. Dem neuen. Der schreibt sich Batshuayi, nennt sich nicht Bat-,sondern Batsman (was immerhin etwas nahe liegender ist) und scheint die gleiche Personality-Show abziehen zu wollen. Er übernimmt also die Rolle des abhanden gekommenen Hauptdarstellers, engagiert für ein halbes Jahr, ausgeliehen von einer anderen Bühne, auf die er zurückkehren wird. Was das alles mit dem BVB-Bekenntnis zur echten Liebe zu tun hat, fragen sich die Fans. Ach, Leute, da habt ihr etwas missverstanden! Ihr dürft die Bühne nicht mit dem wahren Leben verwechseln. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wird echte Liebe nur gemimt, egal, ob die Stücke von Goethe, Shakespeare oder dem BVB sind. »Echte Liebe«, das seid nur Ihr! Obwohl auch echte Liebe vergehen kann. Vielleicht demnächst Euer Scheidungsgrund: Wegen unüberbrückbarer Differenzen auseinander gelebt.
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Aber von der Bühne kommen noch die üblichen Töne im Vorspiel auf dem Theater. Klub im Chor: »Er kann der Mannschaft helfen.« Solist: »Ich will der Mannschaft helfen.« Chor: »Er kann der Mannschaft …« ach, denen ist doch schon lange nicht mehr zu helfen!
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Man könnte depressiv werden. Unter dem »Winter-Blues« leiden ja zehn Prozent der Deutschen, was nicht am Lichtmangel liegt, wissen langjährige »Anstoß«-Leser,sondern daran, dass Winterdepressive einen besonders empfindlichen Geruchssinn haben  und daher unter Duftmangel leiden. Das fiel einem US-Psychologen wie Schuppen von den Augen, nein, wie welkes Laub vom Baum, als seine Patientin  von ihrer  Ehedepression genas, als tauender Boden den Duft faulender Blätter freigab.
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Na ja, ein Allheilmittel ist Fäulnis-Duft allerdings nicht. »Etwas ist faul im Staate Dänemarks«, sagt Marcellus zu seinem Freund Hamlet. Und wie das endet, wissen wir. Therapie-Vorschlag: Statt faules Laub riechen jeden Tag ein frisches Blatt lesen. Natürlich unseres.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle