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Michael Jungfleisch-Drecoll: Metoo, Sailer, Brüderle und die Sportinternate

Es gibt die Fälle, die eindeutig sind. Oder es sein sollten. Vergewaltigungen sind vom Tatbestand her eindeutig. Missbrauch von Schutzbefohlenen ebenfalls. Eine ganz andere Frage ist, was sich gerichtsverwertbar beweisen lässt. Keine Ahnung, was Sailer oder Wedel gemacht haben. Woher auch? Solange es keine klaren Beweise gibt, wer von uns soll denn wissen, wie es wirklich war? Wirklich nichts dran war wohl an der Brüderle-Geschichte. Der Vergewaltiger (oder die sexuell Nötigende), der Trainer, der sich an Schutzbefohlene heran macht, das sind die klaren Fälle. Die in der Theorie unproblematischen, in der Praxis oft hochproblematischen Fälle. Soweit sollte Einigkeit herrschen, denke ich. Und wenn dann jemand daher kommt wie Strache in Österreich, der nicht sagt: „ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der Toni was Böses getan hat“ (wäre naiv bis dumm), sondern Ermittlungen ablehnt, „weil man mit dieser letztklassigen Kampagne nicht nur das Andenken Toni Sailers, sondern auch für den Österreich so wichtigen Wintersport und den Wintertourismus schädige“, dann weiß man, dass es eben doch Menschen gibt, denen die Wahrheit oder die Gerechtigkeit komplett egal ist.

Interessant an den Metoo-Aktionen ist die Frage, inwieweit der Zweck die Mittel heiligt. Gehen wir einmal von den Ursprungsprotagonisten aus, dem mächtigen Regisseur und den jungen, unerfahrenen Schauspielerinnen. Das Prinzip ist klar. Die Schauspielerinnen sagen: einer Einzelnen von uns glaubt man nicht. Wenn aber 10 von uns gegen den Regisseur X aussagen, dann steigen die Chancen erheblich. Wie gesagt: die erwiesene Vergewaltigung ist unproblematisch. In der Praxis sicher oft nicht leicht zu beweisen. Aber wo fängt die Grauzone an? Ab wann wird aus dem „Werben“ des Regisseurs eine strafbare Nötigung? Ab wann darf sich der unvoreingenommene Beobachter darüber wundern, dass plötzlich die Betroffenen erst nach Jahrzehnten über eine vermeintliche Straftat berichten? Wer von den Schauspielerinnen will sich an dem Regisseur rächen, weil sie sich von ihm ins Bett locken ließen, ohne dafür die erhoffte Filmrolle zu bekommen? Wer will einem Opfer mit einer zweifelhaften Aussage beispringen, weil man weiß, dass dieser Metoo-Hebel das einzige Mittel ist, um einen Täter wenn nicht juristisch zu bestrafen zu lassen, so doch gesellschaftlich zu ruinieren? Metoo ist wichtig und richtig, aber man kann nur hoffen, dass die Betroffenen dieses Instrument auch wahrhaftig einsetzen werden. (Michael Jungfleisch-Drecoll/Düsseldorf)

 

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