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Sport-Stammtisch (vom 27. Januar)

Gestern spielte die Eintracht, und hauptsächlich wegen ihr habe ich Sky abonniert. Am vergangenen Freitag spielte der BVB, mein zweiter Grund fürs Bundesliga-Abo. Die Money for nothing-Doublette kam in dieser Saison schon einmal vor. Wer die Freitag-Spiele sehen will, muss anderswo extra löhnen. Demnächst splittern sie die Senderechte noch weiter auf. Weil sie immer weiter abkassieren wollen.
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Demnächst also Nations League. An den Haaren herbeigezogen, zum Event aufgeblasen und – Grundversorgung? – im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Scheinbar kostenlos, aber wir zahlen alles mit unseren Gebühren. Der Fußball-Markt schwimmt im Geld, in unserem Geld (ja, auch die Scheichs werfen nur mit unserem um sich). Nicht die Aubameyangs sind schuld am grassierenden Wahnsinn, sondern wir.
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Hätte Oswald Spengler den »Untergang des Abendlandes« (erschienen 1918) ein paar Jahrzehnte später geschrieben, so um die Mitte des 20. Jahrhunderts, dem Fußball wäre gewiss ein eigenes Kapitel gewidmet, als idealtypisches Einzelbeispiel. Hochkulturen, schreibt Spengler, sind Organismen mit begrenzter Lebensdauer, sie werden und vergehen, sind in sich »grundlos«, von »erhabener Zwecklosigkeit«, und sie enden in gleichartiger Zwangsläufigkeit. Blüte, Reife, Untergang. Dann folgt die »Fellachen-Unkultur«. Im Fußball haben wir Blüte und Reife hinter uns. Ob wir auf dem langen Weg in den Untergang sind oder womöglich schon in der Unkultur angekommen, ist Ansichtssache.
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Der Fußball unserer Zeit ist auch ein idealtypisches Beispiel für den Fetisch Wachstum, aber bevor ich abdrifte, greife ich mir an die eigene Nase: Warum kündige ich das Abo nicht? Warum ist der Nations Cup nur solange an den Haaren herbeigezogen, bis wir ihn gewinnen, diesen dann Supermegaevent (siehe Confed Cup)? Warum würde ich sogar eher ein neues Abo abschließen, um Klopp-Fußball zu sehen wie bei Liverpools 4:3 gegen Manchester City? Weil … also … ich meine … nun ja … bevor ich weiter stammele, beherzige ich lieber den Rat des Philosophen Wittgenstein: Worüber man nicht reden kann, davon soll man schweigen.
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Warum schweige ich als alter Handballer zum EM-Fiasko, fragen einige andere alte Handballer. Ganz einfach: Ich verstehe die Regeln nicht mehr, daher halte ich mich auch hier an Wittgenstein. Zumindest so lange, bis ich endlich kapiere, warum heutzutage Schrittfehler beim Dribbeln und »Kreis!« beim Sprungwurf so gut wie nie abgepfiffen werden.
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Auch Toni Sailers Regelverstöße wurden nie abgepfiffen. Für Spätgeborene: Sailer wedelte auf der Piste wie kein anderer. Offenbar, nun ja, »wedelte« er nicht nur auf der Skipiste, denn im Zuge der aktuellen Diskussion wird jetzt eine alte Geschichte ausgegraben: Sailer soll 1974 in Zakopane eine polnische Frau, angeblich Gelegenheitshure, auf dem Hotelzimmer vergewaltigt haben. Die Angelegenheit wurde geräuschlos zu den Akten gelegt, und Martin Maier, seinerzeit ein berühmter Sportjournalist, schrieb entschuldigend: »Eine saudumme Männerg’schicht war’s, mit einem unguten professionellen Weibsstück«. Den armen Toni hatte »der Weltcup-Stress fertiggemacht, und da war ihm wohl, wie den Frontsoldaten, wenn sie hören: Der Krieg ist aus, Kameraden, zu Mutter geht’s! Und da umarmen sie einander, und dann reißen sie Bäume aus.«
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Was wirklich auf dem Hotelzimmer geschah, weiß man nicht. Aber »Männerg’schicht« mit einem »unguten Weibsstück«, da reißt mann natürlich Bäume aus (Synonym für Vergewaltigung?), denn zur Mutter geht’s, Ödipus und Jim Morrison von den Doors (»Mother, I want to …) lassen grüßen. Unfassbar ekelhaft. Aber damals Hohe Schule des Sportjournalismus.
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Heute schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Schon reine Dummheiten wie unter Brüderles (Sie erinnern sich?) werden zu verabscheuungswürdigen Straftaten aufgebauscht. Ich habe nie, auch nicht in der Pubertät oder beschwipst, einem Mädchen hinterher gepfiffen, dumme Anmachsprüche losgelassen (»Du hast aber schöne Augen!«) oder gar auf einen Popo geklatscht. Ich wäre vor Scham im Boden versunken. Aber ich würde niemanden dafür bestrafen. Nur augenrollend ignorieren (Pfeifen, Sprüche) und wortlos eine runterhauen (Popo).
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Dennoch bin auch ich jetzt befangen. Eigentlich wollte ich zu guter Letzt über die Ispo schreiben, die Sportmesse, die heute in München beginnt und bei der unter vielen Neuheiten auch ein intelligenter BH gezeigt wird, der alle möglichen Fitnessdaten ans Smartphone sendet. Aber ich verkneife mir Witzchen wie den über einen Vorgänger dieses Sport-BH, den die Tennisspielerin Anna Kournikowa einst bewarb (»Only the ball should bounce«). Ich erlaube mir nur einen beflissenen Wunsch, den die meisten Joggerinnen teilen dürften: Der intelligente BH ist erst dann wirklich intelligent, wenn er übergriffige Blicke identifiziert (kennen Sie das vor der Tagesschau joggende Mädchen im gelben Bikini aus der Diät-Werbung?), dem Smartphone meldet und dieses dem Spanner per Lautsprecher entgegenschallt: »Glotz nicht so blöd, du Penner!«
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Apropos Diät-Werbung. Zur guten Figur verhilft neben dem Jogging auch die richtige Ernährung, und da vertrauen viele der Atkins-Diät (Stichwort Low Carb).
Als Robert Atkins starb, deren Erfinder und Vermarkter, wog er bei einer Größe von nicht einmal 1,80 m stolze 232 Pfund.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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