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Montagsthemen (vom 22. Januar)

»Baileys großer Moment« (FAS). Die Schlagzeile wirft ein Schlaglicht auf die Bühne Bundesliga. Szenenapplaus für den Moment interessiert mehr als das Stück, die Inszenierung des Trainers und die Umsetzung durch die Akteure. Baileys Hackentrick sah man so oder so ähnlich an diesem Wochenende sicher auch auf vielen Amateurbühnen. Aber erst die professionelle Gesamtleistung des Akteurs macht den Unterschied, und die ist bei Bailey derzeit mit das Beste, was die Bühne Bundesliga bietet.
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Anderer Aspekt: Solche Tore gelingen nur aus Zufall – oder wenn der Spieler einen »Lauf« hat. Einen guten. Wie Bailey. Bei einem miesen Lauf stochert er vergeblich nach dem Ball und wird ausgelacht. Zum Hackentrick an sich: Mittlerweile taucht er als Stilmittel vermehrt auf. Ist ja auch in gewissen Situationen oft die beste Lösung, vor allem in Zeiten, in denen individuelle Varianten in den Laptop-Trainerseminaren nicht mehr vorkommen und bürokratisierten Systemfußball daher lässig austricksen können.
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Na ja, das liest sich, als wolle ich als Klassen-Schlaumeier in der Mehmet-Scholl-Schule des Fußball-Populismus Szenenapplaus einheimsen. Aber eine einfache Frage stellt bloß, dass ich nur weiß, dass ich nichts weiß. Warum gewinnt die Eintracht auswärts fast immer und zu Hause fast nie? Fragen Sie nicht mich, fragen Sie die Experten. Die wissen es. Mein Trost: Auch Niko Kovac gibt zu, es nicht zu wissen.
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Timothy Chandler gibt zu: »Ich wäre gerne torgefährlicher.« Zu lesen am Donnerstag im »roten« Kicker (für Fachfremde: Hat nichts mit der politischen Einstellung zu tun). Am Samstag schießt er prompt das vorentscheidende Tor. Warum? Sie wissen, wen Sie fragen müssen.
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Vielleicht, ganz im Ernst, sollten Sie aber die taz fragen oder den deutschen alpinen Cheftrainer Mathias Berthold. Für mich war Thomas Dreßen bisher nur einer der immer wieder mal aufploppenden Namen eines deutschen Männer-Talents. In der taz dagegen wurde er in der Streif-Vorschau als »giftiger Gefühlsfahrer« vorgestellt, der »nach einem Vierteljahrhundert Flaute die erste große Medaillenhoffnung der Ski-Abfahrer« sei. Und Berthold sagte am Samstag im FAZ-Interview voraus, es gebe einige »Ausnahmekönner«, zu denen er jetzt schon »unseren Fahrer Thomas Dreßen« zähle.
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Sogar die Ösis freuen sich mit uns. Weil Alpen-Ski, auf der Piste und »après«, ihre Automobilindustrie ist und ebenso wie diese unter Existenzproblemen leidet. Da kommt ein neuer Hype aus dem wichtigsten Markt gerade recht. Außerdem scheint dieser Junge ein echter, unverbrauchter, bodenständiger Typ zu sein, ein Sympathieträger ohne Sperenzchen. Hoffentlich täuscht das nicht, hoffentlich bleibt das so.
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Irgendwo habe ich gelesen, dass die Existenzprobleme in den Alpen (Klimawandel,   Grenzen des Wachstums, Abkehr der Jungen vom Skisport) zu hilflosen Vorschlägen führen wie dem, auf martialische Begriffe wie »Schneekanone« zu verzichten, um empfindliche Gemüter nicht abzuschrecken. Die Angst vor dem Jause-und Sause-Ende muss riesengroß sein …
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Noch einmal, ein letztes Mal, »MeToo«. Der Kern des Problem liegt nicht in … sagen wir mal, als Synonym für all das medienwirksame Getriebe: … Hollywood. Viel eher stößt man im Sport auf die Ursachen des Missbrauchs. Aber die Welt, weibliche wie männliche, labert lieber über chic schwarz gestylte Hollywood-Diven, über einen neuen Machthebel im gesellschaftlichen Geschlechterkampf hier und über Dumpfbacken dort, die sich mit schenkelklatschenden männlichen Stammtischparolen wehren. Ich aber denke an Trainer, die ich gekannt habe und von denen alle wussten, was ihr Erfolgsrezept war, und an Sportlerinnen, die nie und nimmer über ihre Erniedrigungen reden würden. Und ich denke an den Teamarzt der minderjährigen US-Turnerinnen, der 30 Jahre lang sein Unwesen trieb und die ekelhafte Frechheit besaß, seine »›Behandlungen‹ – in Form vaginaler Penetration – damit zu rechtfertigen«, dass sie »›der Entspannung der Beckenmuskulatur‹ dienen sollten« (Welt). Dagegen sind dreckige Bademantel-Couch-Geschichten à la Weinstein (oder à la deutschem W.) nur … Hollywood.
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Und dann war da noch dieser Freudsche Verschreiber, den ich bei Bild online gefunden habe. Unter der Schlagzeile »Schießt EGOmeyang auf die Tribüne« heißt es, Aubameyang sei »wegen seiner Null-Bock-Einstellung beim Abschusstraining« suspendiert worden.
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Zum Abschuss noch ein hübscher … Verschreiber oder Versprecher? Im FAS-Interview ist es Jupp Heynckes »wichtig, den Turnus aufrechtzuerhalten, die Spannung«. Nun hat Heynckes zwar nicht alle seine Fremdwörter im Griff, ich erinnere mich an seine Wutrede über die (von ihm auf der ersten Silbe betonten) horrenden Einkünfte der Eintracht-Profis. Aber vielleicht hat sich ja die FAS verhört und aus Tonus Turnus gemacht?
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Als Schreiber von »Anstoß«-Kolumnen halte auch ich meinen Tonus hoch. Und meinen Turnus. Das ist kein Freudscher Verschreiber, sondern ein freudvoller Vorsatz. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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