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Sonntag, 14. Januar, 6.35 Uhr

Kalt, klar, trocken. Obwohl – so richtig kalt ist es natürlich nicht, wir haben schließlich Hochwinter. Oder müsste das Gegenstück zum Hochsommer Tiefwinter sein? Wenn ich jetzt noch vom Gegenstück zum Frühlingserwachen schreibe, drifte ich schon zu Beginn des Sonntagfrühmorgensblog in den Halbwahnsinn ab. Aber es juckt mich. Also gut. Spätrechtseinschlafen. Jetzt aber Schluss damit. Dunkel war’s der Mond schien helle. Imposant, im Hintern Steine, im Arsch Geröll. Gibt es auch ein schriftliches Tourette-Syndrom? Hat es mich am Wickel? Zur Sprachberuhigung aktiviere ich meine Selbstheilungskräfte … aber jetzt kommt mir der Babycaust dazwischen, Favorit auf das Unwort des Jahres. Noch nie gehört, aber im nächsten Satz gelesen, dass es sogar aus Gießen kommt. Mein Unwort des Jahres bleibt wie jedes Jahr: “Unwort des Jahres.”

Cool down. Mit “am Wickel haben”. Woher kommt das? Neben mir liegt das Smartphone, ich gucke nach … aha, kommt nicht vom Wickeln des Babys, das man dann am Gewickelten halten kann, sonden … upps, zwischen “sonden” und den drei Punkten liegt ein Systemabsturz, weil ich beim Hantieren mit dem Handy den Laptop dappisch berührt habe. Außerdem muss “sonden” “sondern” heißen. Also:…. sondern “entweder das Band, mit dem die Haare zusammengebunden wurden, oder die im Nacken zusammengebundenen Haare selbst”. Gleich danach die Einschränkung: Nichts Genaues weiß man nicht. Ist ja dappisch. Aber das schlage ich jetzt nicht nach. Habe ich bestimmt schon mal, und genauso bestimmt finde ich es im eigenen Archiv, denn in 45 Jahren “gw”-Schreiben habe ich die Prozedur bestimmt schon ein paar Mal durch – Wort schreiben, nachgucken, was es bedeutet, Bedeutung schreiben. Ich schau mal kurz in mein Papier-Stichwortverzeichnis rein. Geht von A (Aberglaube/16.12.97/Capello) bis Z (Zwanziger, Dr. Theo/14.7.2010/wg. Amerell). Die Unterabteilung “Sprache alphabetisch” geht von “abängstende Machmänner (8.2.2010) bis “Zeugma” (5.4.2003). “Dappisch” ist gar nicht dabei.

Dappisch war der Fehlalarm  auf Hawaii. Da hat jemand einen noch größeren Atomknopf gehabt als Trump, einen so großen, dass er beim Hantieren mit dem Handy dappisch den Knopf berührt hat.

So, jetzt mal seriös: In einer der letzten Kolumnen verglich ich den Digitalisierungs-Hype mit dem um die Atomenergie in meiner frühen Jugend. Damals die große Enttäuschung im Kino, wenn der Vorfilm (ja, liebe Kinder, so was gab’s, dauerte manchmal eine halbe Stunde, mindestens gefühlt) wieder einmal eine öde Ode an die Kernenergie war. Mit Besuch im Atommeiler, alles blitzblank dort, futuristisch, aber soooooooooo langweilig. Bis endlich 20 ooo Meilen unter dem Meer kam.

Auf Hawaii gerieten auch die Golf-Profis in Panik. Einer von ihnen twitterte “mit meiner Frau, Baby und Schwiegereltern unter Matratzen in der Hotelbadewanne”. Die USA bleiben das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Wannen gibt’s da! In meine passe ich nicht mal halb, auf Hawaii tauchen ganze Familien in einer unter, mit Matrazen drüber.

In unserer deutschen Atom-Hype-Zeit genügte bei Gefahr eine Aktentasche, die man über den Kopf ziehen  sollte. Die beiden Alten, so an die 90, die ich sehr viel später sah, nach Tschernobyl, hatten keine Aktentaschen zur Hand, als es zu regnen anfing. Panisch hasteten sie humpelnd heran, unter unserem Vordach Schutz suchend. Spätschäden fürchtend.

Mich juckt es auch, das bis jetzt Geschriebene gleich noch einmal durchzulesen und einige der Albernheiten in die Montagsthemen zu übernehmen. Dazu schon seit gestern Abend auf dem Zettel: Diekmeier mit den meisten Einwürfen zum Gegner / Füllkrug kein lupenreiner Hattrick / Samstagnachmittag zu Hause, Rolf Italiander (?), Zustand der Liga / Moody Blues (B-Seite) / Julio Iglesias.

Ach, noch was, ist ja noch früh. Sachen gibt es, die sind so verrückt, dass man kaum noch daran denkt und sie für völlig normal hält. Zum Beispiel gestern. Zum Blumengießen in der Wohnung vom Bub. Der mit Kleinfamilie am anderen Ende der Welt überwintert. Monatelang hatte das Wasser in der neu bezogenen Wohnung keinen Druck, es tröpfelte nur aus dem Hahn, es nervte die Familie ganz gewaltig. Irgendein größeres Problem, der Hausbesitzer war ratlos, es dauerte und dauerte, es tröpfelte weiter. Gestern drehe ich den Hahn auf, und ein satter Strahl kommt heraus. Ich zücke das Handy, nehme das Wunder auf, beame es zigtausende Kilometer weit, und Sekunden später ploppt auf: Juhu! Wunder der … Digitalisierung.

 

Baumhausbeichte - Novelle