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Montagsthemen (vom 15. Januar)

»Samstagnachmittag zu Hause«, eine bunte Kindersendung, am Schluss mit Lassie. 1958 erstmals gesehen, beim Nachbarn, der so  reich war, dass er einen Fernseher besaß. – Samstagnachmittag zu Hause 2018: Fußball-Bundesliga, die amputierte. Ohne Schalke-Abend, Bayern-Freitag, BVB-Sonntag. Zwischen 15.30 und 17.20 Uhr also das ganze Elend auf Sky. Lassie war schöner, spannender, besser.
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Bestes schlechtes Beispiel in Frankfurt. Obwohl beide Trainer, Kovac und Streich, auf unterschiedliche Weise das maximal Mögliche aus ihren Mannschaften herausholen, bestätigen sie, was schon seit Wochen Thema ist: »Absturz. Der deutsche Fußball leidet unter einem großen Problem: dem Fußball« (Serie im Kicker), denn die »Dominanz von Disziplin, Einsatz und Tempo« bereitet »kulturelles Unbehagen« (Süddeutsche Zeitung am Samstag)
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Gleichschaltung statt fußballerischer Kreativität, Kampf statt Kunst – das hatten wir doch schon mal. Stichwort linker und rechter Fußball, damals definiert von  Cesar Luis Menotti (heute sinngemäß nachgeplappert von Mehmet Scholl): »Rechter Fußball degradiert die Spieler zu Söldnern des Punktgewinns. Der linke Fußball aber feiert die Intelligenz, fördert die Fantasie, er möchte ein Fest feiern«.
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Seit Frankfurter Traumtänzerzeiten der 90er Jahre, als die Eintracht und ihr Anhang fußballzweitausendbesoffen dem Untergang entgegenschunkelten, bin ich immun gegen sozialromantische Fußballschwelgerei von Menotti bis Scholl. Zumal sogar Menotti sich schon früh widersprach und aus der falschen Kontroverse die richtige Symbiose machte: »Ich glaube, die Essenz von Fußball ist: Es geht um Ordnung und Abenteuer.«
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Samstagnachmittag zu Hause. 1958 nur Abenteuer, 2018 nur Ordnung.  Denn Ordnung, System, Taktik (das hochgestapelte Geschwafel drumrum ersparen wir uns) sind zwar die Grundlagen des Leistungssports Fußball, aber sie dürfen Talent und Kreativität nicht verdrängen, sondern auf dieser Grundlage fördern. Es geht also nicht um Scholl kontra Laptop-Trainer, sondern darum, dass solche wie Scholl als Laptop-Trainer arbeiten sollten. Und nicht nur von alten Zeiten fabulieren. Dann kommt die Magie wieder. Wie damals mit Lassie.
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Seit der Fußball den Laptop entdeckt hat (hier nur als Sinnbild digitaler Anti-Kreativität), grassiert allerdings eine Seuche. Die der abzählmanischen Statistikeritis. Immerhin bescherte sie mir am Samstag einen Spontanlacher, als ich erfuhr, dass HSV-Diekmeier die Statistik der meisten Einwürfe anführt, die beim Gegner landen. Da muss man schon auf mehr als drei zählen können. Im Gegensatz zum Hattrick. Aber was ist ein lupenreiner? Hannovers Füllkrug schoss drei Tore, aber das war kein Hattrick. Dafür muss man, nach deutscher Definition, drei aufeinanderfolgende Tore in einer Halbzeit schießen. Das Besondere des lupenreinen Hattricks ist, dass es nur lupenreine Hattricks gibt, ein lupenreiner Hattrick also ein doppelt gemoppelter weißer Schimmel ist. Ein »lupenreiner Demokrat« jedoch … ach, ich weiß nicht, da müssen Sie schon unseren Altkanzler fragen.
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Und dann war da noch dieser Fehlalarm auf Hawaii. Einer hatte einen noch größeren Knopf als Trump, einen so großen, dass er ihn dappisch berührte, und schon digitalisierte sich eine Atomraketenwarnung auf Millionen von Smartphones.  In einer der letzten Kolumnen verglich ich den Digitalisierungs-Hype mit dem um die Atomenergie in meiner frühen Jugend. Damals die große Enttäuschung im Kino, wenn der Vorfilm (ja, liebe Kinder, so was gab’s, dauerte manchmal eine halbe Stunde) wieder einmal eine öde Ode an die Kernenergie war. Mit Besuch im Atommeiler, alles blitzblank dort, futuristisch, aber soo langweilig. Wie der Fußball-Nachmittag am Samstag. Bis endlich Lassie-Faszination kam. Im Kino hieß sie »20 000 Meilen unter dem Meer« oder »El Paso, die Stadt der Rechtlosen«.
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Auf Hawaii gerieten auch die Golf-Profis in Panik. Einer von ihnen twitterte seine Angst in die Welt hinaus, »mit meiner Frau, Baby und Schwiegereltern unter Matratzen in der Hotelbadewanne«. Die USA bleiben das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Wannen gibt’s dort! In meine passe ich nicht mal halb hinein, auf Hawaii tauchen ganze Familien in einer unter, mit Matratzen drüber.
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In unserer deutschen Atom-Hype-Zeit genügte bei Gefahr eine Aktentasche, die man über den Kopf ziehen sollte. Die beiden Alten, so an die 90, die ich sehr viel später sah, nach Tschernobyl, hatten keine Aktentaschen zur Hand, als es zu regnen anfing. Panisch hasteten sie humpelnd heran, unter unserem Vordach Schutz suchend. Spätschäden fürchtend.
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Zu – guter oder schlechter, wie’s beliebt – Letzt zum Unwort des Jahres. Favorit auf den Titel, lese ich, sei der »Babycaust«. Noch nie gehört, aber im nächsten Satz erfahre ich, dass »Babycaust« sogar in Gießen erfunden wurde (Sie wissen schon, der Prozess gegen die Ärztin). Zwar schreibe ich Jahr für Jahr, mein Unwort des Jahres sei »Unwort des Jahres«, aber diesmal spucke ich einen alternativen Vorschlag aus, der doppelt so viele Prozentpunkte Zustimmung erhielte als die kleine GroKo zusammen. Trump! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle