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Sport-Stammtisch (vom 13. Januar)

Wie relativ die Zeit doch ist! Die bisher kürzeste Winterpause kam uns länger vor als früher die unendlich lange Sommerpause. Endlich spielen sie wieder! Sofort taucht auch dieser knorrig-grimmige Geldeintreiber auf, der uns aus schmalen Augenschlitzen fixiert und zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorpresst: »Deine Wette in sicheren Händen.« Also in seinen. Denn sonst ….
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Nein, nur das nicht! Denn der Auftraggeber des Eintreibers hält seine schützenden Hände über die gesamte Liga, er hat sie auch in den Händen, macht ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann, und das will sie auch gar nicht, sie lebt davon und von ihren Paten, dessen mächtigster nicht in Kalabrien residiert, sondern im »Sadomaso Business Tower« auf Malta. Hat hier Dashiell Hammett seinen Malteser Geier geschrieben? Nee, das war ja der Malteser Falke, dieser Urknall der Krimiliteratur, der Tower heißt nicht Sado- sondern Portomaso, und es geht nicht um eine Zocker-Mafia, sondern um rechtschaffene Geschäftsleute, die dem Staat geben, was ihm gebührt, nämlich fünf Prozent Schutz… nein, Steuergeld, geregelt im auch sprachlich typisch deutschen »Glücksspieländerungsstaatsvertrag«.
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Wer kann noch über die Neymarisierung des Fußballs jammern und gleichzeitig mit seiner Wetterei dafür sorgen, dass die Glücksspiel-Industrie Milliarden umsetzt? Wem dies alles zuwider ist, der wendet sich den olympischen Kernsportarten zu. Und kommt von der Traufe in den Regen, denn hier strömt das Geld nicht, es tröpfelt nur. Daher fordert der deutsche Aktivensprecher eine Verdreifachung der Zahlungen an die Kaderathleten, das heißt auf 1500 Euro im Monat. Da horcht der jugendliche Leichtgewichtsringer auf: 1500 Euro, dazu die Knete vom Verein, eventuell auch von einem Sponsor – wozu noch Schule, Ausbildung, Studium, wenn einem die Teenie- und Twen-Zeit von Vater Sportstaat finanziert wird? Was später kommt … weiß der Geier! Juckt uns nicht.
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Schwenk zurück zum Fußball. Der Video-Assistent wird weiter getestet, aber hoffentlich nicht so dämlich wie in der Hinrunde. Da kamen manchmal böse Gedanken auf. Wird der Test bewusst vergeigt, um die Sache endgültig ad acta legen zu können? Eine Mehrheit der Profis will sowieso nichts mehr davon wissen. Auch da drängt sich eine böse Frage auf. Soll Fußball ein Glücksspiel bleiben? Und nicht in die unsicheren Hände der Objektivierer fallen?
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Schluss mit Zocken. Man kann sein Geld auch mit redlicher Arbeit verdienen. Zum Beispiel mit einem Abmahnverein. »Ich brauch kein Crystal Meth, mir reicht Kristall und Mett«, mailte einst ein Leser. Einklinkt waren zwei kleine Bildchen, ein Weizenglas und ein undefinierbares Häufchen. Das wurde teuer für uns, denn der Klops, der aussah wie ein Häufchen meines Hundes, stammte aus einem Kochbuch, so hieß es in der Abmahnung, und sei unautorisiert übernommen worden. Ich erwähnte es am vergangenen Samstag, woraufhin der Leser, Kai Velte aus Wetzlar, aufklärte: »Ich hatte seinerzeit einfach eines dieser quasi minütlich aufploppenden WhatsApp-Bilder als zum Thema passend und mit Kommentar unterlegt weitergeschickt, aber ich wäre nie und nimmer davon ausgegangen, dass dabei ein solches Ergebnis heraus kommt!« Zu seiner »Gewissensberuhigung« ließ er uns ein Eimerchen »Nervennahrung« zukommen. Marke … und Erwachsne ebenso. Dankeschön.
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Weiter mit Leserpost. Dr. Richard Wagner (Lollar) hatte kürzlich »zusammen mit drei Pfarrersfreunden viel Spaß« an einer Kolumne. Er wünscht nun, dass ich auch auf den »Narrativ bzw. auf das nur wenig schlimmere ›Erzählung‹« eingehe, falls sie auch »im Fußballerischen auftauchen« sollten. Sind sie! Vor einem Jahr schrieb ich dazu: »Selbst die sprachlichen Hochstapler haben gemerkt, dass der Narrativ eine Mode-Masche ist. Jetzt schreiben sie stattdessen ›Erzählung‹. Was auch nur eine Mode-Masche ist.« – Dass drei Pfarrersfreunde und Dr. Wagner viel Spaß an meiner Kolumne hatten … ich stelle es mir bildlich vor, auch das macht Spaß.
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Auch andere Mode-Ticks engagierter Schreiber habe ich bereits »verhandelt«, wie »generieren«, »aufschlagen« und den wahllos verstreuten: Doppelpunkt. Kritisch wird es allerdings, wenn die Gender-Sprachpolizei Knöllchen verteilt, denn sie versteht keinen Spaß. Daher nehme ich mit dem Ausdruck des Bedauerns das oben geschriebene »dämlich« zurück. Obwohl es nicht von »Dame« kommt, sondern, wie mein Grimmsches Wörterbuch weiß, von »dammelen, in einem halbbewusztlosen, bethörten, schlaftrunkenen zustand sich befinden, herumschlendern, albern, unklug sich benehmen, faseln.«
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Es wäre äußerst unklug, sich albern faselnd an der »Metoo«-Diskussion zu beteiligen. Aber etwas weiß ich: Ob heute Filmemacher oder damals Wetterfrosch, Arschlochsein alleine ist nicht strafbar. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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