Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 8. Januar)

Die ersten Vorsätze sind schon gebrochen. Stimmt’s? Aber trösten Sie sich, einer war noch schneller. Als um Neymar herum die Fantastillionen explodierten, versprach Jürgen Klopp: »An dem Tag, an dem allein das Geld entscheidet, werde ich meinen Job nicht mehr machen.« Nach van Dijk (für 84,5 Millionen nach Liverpool) und Coutinho (für 160 Millionen weg von Liverpool) interessiert er sich, ganz adenauerisch, nicht mehr für sein Geschwätz von gestern, das »injoriert« er erst gar nicht.
*
Außerdem wäscht er, diesmal nicht Adenauer, sondern Pontius Pilatus, seine Hände in Unschuld (»Wir bestimmen die Preise nicht, es ist der Markt«). Den Fans empfiehlt er, »sie sollten sich darüber keine Gedanken machen«. Denn die und deren Gedanken jucken sowieso niemanden. Schließlich kann Klopp noch sophistisch argumentieren, dass er seinen Vorsatz nicht gebrochen habe, denn allein das Geld entscheidet ja nun doch nicht. Daher wird ja auch Freiburg deutscher Meister.
*
Aber Klopp bleibt, trotz allem, mein Trainerfavorit, noch knapp vor Kovac. Hirn denkt, Gefühl lenkt. Und was die Fantastillionen angeht: Bei Neymar, van Dijk oder Coutinho bleibt erfahrungsgemäß am wenigsten hängen. Siehe Mike Tyson. Der hatte so viel auf dem Konto wie diese drei zusammen, aber später erging es ihm wie den Stammkunden meines Vaters: Pleite, Taschenpfändung, Offenbarungseid.
*
Mein Vater war Gerichtsvollzieher. Mein erstes Taschengeld verdiente ich, indem ich Duplikate der Pfändungsprotokolle schrieb. Eine Schule fürs Leben. Ich erfuhr, wie schnell ein bürgerliches Leben kippen kann, und auf der anderen Seite, wie bequem sich mancher im prekären Dasein einrichtet. Aber das nur am Rande. Zurück zu Tyson. Auch der hatte einen festen Vorsatz, an dessen Verwirklichung er scheiterte. Ihn trieb der tierisch tolle Herzenswunsch an, »dem Gegner das Nasenbein ins Gehirn zu treiben«. Aber schon die Ersatzbefriedigung, ihm ein Ohr abzubeißen, gelang ihm nur halb. Die andere Hälfte hängt noch an Holyfield.
*
Dennoch waren auch für Tyson die frühen  Jahre eine gute Schule fürs Leben. Mittlerweile verdient er wieder Geld, als selbstironischer Erklärer seiner selbst, und demnächst scheffelt er es sogar, denn nach der Cannabis-Legalisierung will er in Kalifornien Marihuana anbauen, auf einer Erlebnisfarm mit Hasch-Lehrgang und Keks-Rezepten. Ja,wirklich! Ferien auf dem Bauernhof2.0.
*
Eine erstaunliche, eine vorbildliche Karriere. Tyson kokste schon mit elf, und als vor einem Kampf zwar der Mann mit dem Koks da war, danach aber der mit dem sauberen Urin im Kunstpenis den Übergabe-Termin vor der Dopingkontrolle verpennte, wurde Tyson gesperrt. Doch mittlerweile hat er den Berufsvorbereitungskurs als Jahrgangsbester absolviert. Unser Poldi dagegen lernt noch. Das langjährige DFB-Maskottchen  eröffnet in Köln eine Döner-Annahmestelle. Nee, einen Lotto-Imbiss. Ach, ich hab’s: einen Döner-Imbiss.
*
Halt! Was bedeutet »Maskottchen«? Obwohl meist ein infantiles Wesen (unerreicht: Tip und Tap von der WM 74), stammt das Wort nicht aus der Babysprache und fordert verniedlichend zur Verdauung auf (»Mach’s Kotchen!«), es hat auch keine übelkeitsankündigende althochdeutsche Wurzel (»mas kotzen«), sondern kommt vom französischen »Maskotte« und bedeutet »Hexchen«.
*
Bildungsauftrag erfüllt. Was auch Bild online anstrebt, das seinen Lesern verklickert, warum man mehr als Schlagzeilen lesen sollte, um sich eine Meinung zu bilden. Böses Bild-Beispiel: »Wurde Stoch zum Triumph getrickst?« Na klar, wissen wir, kocht die Volksseele über. Den Text darunter ignoriert sie, in dem Bild online die Antwort gibt: »Eher nicht.«
*
Fake News sind eh keine Erfindung vom stabil genialen Atomknopf-Trump. Auch hier ist der Sport vorausgeeilt. Schon zu Beginn des Jahrtausends stimmte uns eine gewisse Suzy Hamilton bei Olympia in Sydney auf die modernen Zeiten ein. Als sie auf die 1500-m-Zielgerade einbog, in Führung liegend, aber schon schweren Schrittes, schlug sie plötzlich lang hin, rappelte sich auf und kroch als Letzte ins Ziel. Auf mich wirkte es damals wie der Slapstick-Versuch einer grottenschlechten Schauspielerin. Offiziell hieß es: dehydriert, daher kollabiert. Erst Jahre später gab sie zu, den Sturz simuliert zu haben. Die US-Läuferin war »platt«, und der Fake sicherte ihr mehr Medienaufmerksamkeit und Anteilnahme als die simple Überschätzung eigenen Könnens.   Später gab sie zu, für einen Escortservice als Luxusnutte gearbeitet zu haben. Nichts Neues unter der Sonne.
*
Zu guter Letzt ein Blick auf die Hessenschau im HR-Fernsehen. Zunächst fällt eine neue Nachrichtensprecherin auf, sachlich, unaufgeregt (wirkend), zurückgenommen (nicht ich bin wichtig, sondern die Nachricht), professionell, neutral, angenehm. Später ein Interview, ich glaube in Sachen Polizei, aber das Thema konnte ich mir nicht merken, da ich fasziniert nur darauf achtete, wie oft der Interviewte von den »Kolleginnen und Kollegen« sprach. Ich glaube, in der Kürze des Interviews fast zehn Mal. Wenn alle Kolleginnen und Kollegen und Bürgerinnen und Bürger und Parteifreunde und Parteifreundinnen abgekürzt würden und die gewonnene Zeit addiert werden könnte, ein erlösendes Ommmmm der Kollis, Bürgis und Freundis würde lautlos und fast endlos um die Welt schallen. Gelle, liebe Lesis? (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle