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Neujahrsthemen (vom 2. Januar 2018)

Jetzt wird sogar schon das neue Jahr alt. Alt ist auch das neue Thema »MeToo«. Macht und ihr Missbrauch waren und sind im Sport verbreiteter als im globalen Dorf, durch das, sorry, die Sau jetzt erst getrieben wird. Es war auch schon ein frühes »Anstoß«-Thema. Erinnern Sie sich? Die Handicaps von »normalen« Frauen im Leistungssport? Dazu gehört auch die Abhängigkeit vieler Spitzensportlerinnen von ihren Bezugspersonen. Es gibt Trainer, schrieb ich 1997, die unter vier Augen offen zugeben, dass sie mit dem »Trainingsmittel« Hörigkeit arbeiten. Diese galt insgeheim als Alternative des West-Sports, den realsozialistischen Wettbewerbsvorteil des materiellen Drucks auszugleichen. Wer nicht mit Entzug der Auslandsreise oder sonstiger Privilegien drohen konnte, drohte den ihnen Anvertrauten (und manchmal auch Angetrauten) mit Streicheleinheits- und Liebesentzug.
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Warum ich darauf zurück komme: Der Aktion »Kein Missbrauch im Sport« droht das Aus, weil der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Finanzierung in Frage stellt. Es geht laut »Spiegel« um »einen niedrigen fünfstelligen Betrag«. So setzt unsere Sport also seine Prioritäten. Denn die deutsche Prämie für eine einzige Bronzemedaille in irgendeinem  Sackhüpfen ist ungefähr genauso hoch. Das war übrigens auch einmal olympisch, so wie heute all das trendige Allerlei, das durchs olympische Dorf getrieben wird. Dass die Normen, um gefördert zu werden und überhaupt olympisch antreten zu dürfen, so hoch sind, dass wir sie bei anderen Ländern als Staatsdoping verachten würden …
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… ach, lassen wir das. Zieht nur runter. Wir wollen lieber mit Zuversicht ins neue Jahr gehen. Für uns selbst (und mich) war 2017 zwar gar nicht so übel, aber um uns herum … man könnte glauben, das alte Jahr war ein einziger Fake. Aber jetzt ist Optimismus angesagt! Es kommt schließlich nur auf den Standpunkt an. Zum Beispiel Boris Becker. Dass er zuletzt in einem Fernseh-Flohmarkt auftrat und den Schläger aus seinem letzten Wimbledon-Spiel verscherbelte, der dann gar nicht das Original war, halten viele für ein fatales Sinnbild des Niedergangs eines der größten deutschen Sportler aller Zeiten. Ich will es anders sehen: In Beckers Lage bei »Bares für Rares« ein Fake-Racket zu verticken, das ist die Hohe Schule der Selbstironie. Herr Becker, bitte bestätigen!
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Selbstironie scheint kein prägendes Kennzeichen von Christian Streich zu sein, aber das ist erstens ebenfalls nur aus der Ferne vermutet und zweitens so ziemlich das einzig Nicht-Positive, was mir zu Freiburgs Trainer einfällt. Als »Mann des Jahres« im »Kicker« gab er diesem ein großes und großartiges Interview, in dem er auch das Wort »Gier« aufgriff, dieses angebliche »Muss« für erfolgreiche Sportler (gelle, Herr Klopp?!), über das ich mich seit Jahr und Tag »kriminal ärgere« (altes Hüsch-Wort; wer kennt den Spötter noch?). Streich nun im »Kicker«: »Ich mag dieses Wort Gier nicht, es ist einfach schlecht – und wenn du zu oft falsche Worte nimmst, wirst du so. Die Worte, die du benutzt, das bist du.« – Wunderbar.
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Das wäre auch ein Kleinod für die Zitaten-Kolumne, aber »Ohne weitere Worte« fällt morgen aus, dafür gibt es übermorgen die Jahres- und »ewige« Rangliste von »Wer bin ich?«. Vorab schon mal die Auflösung der letzten Runde 2017: »Der kritisch beobachtende Geist ist Victor Klemperer, ›Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945‹. Der hessische Bub von 1954 stammt aus der Erzählung ›Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde‹ von Friedrich Christian Delius. Der noch immer Wütende ist der ehemalige DDR-Diskuswerfer Wolfgang Schmidt« (Andreas Hofmann). Wie unser Bad Nauheimer Leser fanden noch 23 weitere Teilnehmer alle drei Gesuchten. Für mich immer wieder unbegreiflich, trotz Google.
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Jeweils drei Punkte sammelten: Jost-Eckhard Armbrecht (Großen-Buseck), Thomas Buch (Friedberg), Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim), Helmut Bender (Linden), Ludwig Dickhardt (Bad Vilbel), Wolfgang Egerer (Rosbach-Rodheim), Dr. Raymund Geis (Reiskirchen), Peter Hett (Bad Nauheim), Andreas Hofmann (Bad Nauheim), Dieter Neil (Gr.-Buseck), Thomas Nagel (Hamburg), Klaus Philippi (Staufenberg-Treis), Ralf Protzel (Bratislava), Walther Roeber (Bad Nauheim), Jens Roggenbuck (Staufenberg-Mainzlar), Karola Schleiter (Florstadt), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Reinhard Schmandt (Pohlheim), Paul-Gerhard Schmidt (Mücke-Nieder-Ohmen), Jochen Schneider (Butzbach), Prof. Peter Schubert (Friedberg), Wolfram Spengler (Hüttenberg), Manfred Stein (Feldatal), Klaus-Peter Willers (Hungen).
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Auch das Ziegen-Problem im neuen Matthäus-Gewand beschäftigt unsere Leser. Danke für manche mathematische Erläuterung (zum Beispiel von Jochen Pellatz und Jens Reimann/siehe Online-»Mailbox«). Ich fürchte allerdings, die einzige Erklärung, die Skeptiker überzeugen könnte, würde ihnen zu lange dauern: Sie sollten ganz einfach tausend Mal die Situation nachspielen und nachstellen, dann würden sie sehen, dass der Wechsel sich lohnt.
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Und dann wäre da noch Eintracht Frankfurts Vereinsboss Peter Fischer, der AfD-Wählern die Mitgliedschaft verweigern will. Solche Gutmenschlichkeit im realsatirischsten Sinn ist nicht mal gut gemeint, sondern nur rangeschleimt an den korrekten Zeitgeist. Auch als Allergiker allen nationalen Geweses verspreche ich, meinen alljährlichen Vorsatz auch im neuen Jahr zu halten und nie auf der Woge des korrekten Zeitgeists zu surfen, sondern immer auf meiner eigenen kleinen Welle zu paddeln.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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