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Sonntag, 24. Dezember, 8.20 Uhr

Im Juli 2011 hörte ich erstmals von Jacko Gill, seitdem verfolge ich in Blog und Kolumne seinen sportlichen Weg. Ein Jahr später sehe ich auf Youtube ein ungeheuerliches Trainingsvideo des nun 16-Jährigen. Später schreibe ich im Anstoß:

Ich kann es kaum fassen. Der Junge springt buchstäblich über Tische und Bänke. Dunking mit der Kugel (!), wilde Übungen mit der Hantel, schon beim Sehen schmerzt die eigene Wirbelsäule. Den Jungen treibt etwas. Hoffentlich nicht der Wahnsinn. Ich erkundige mich und erfahre: Der 16-Jährige hat die Schule geschmissen, ist Profi-Kugelstoßer, trainiert dreimal am Tag bzw. in der Nacht (er steht erst um zwölf auf, die dritte Trainingseinheit steht nachts um zwei auf dem Tagesplan). Sensationell seine Sprungkraft, er scheint auch sehr sprintschnell zu sein. Hat mit der Männerkugel schon 20,38 m gestoßen und im Jahr zuvor, also mit 15, einen der unwirklichsten Weltrekorde überhaupt aufgestellt, als er mit der 5-kg-Kugel seiner Altersklasse 24,45 m stieß. Nur zum Vergleich: Ich war unglaublich stolz, als ich mit 15 knapp über 14 Meter schaffte und in der deutschen Bestenliste meiner Altersklasse Dritter wurde.  Ich schaue mir jenes und einige andere Trainings-Videos dieses Jahrtausendtalents mehrmals an. Bei aller Faszination denke ich: Hoffentlich geht das gut.

Knapp vier Jahre später fürchte ich:

Es geht nicht gut, gar nicht gut. Der Junge stagniert schon lange und fällt jetzt mit knapp 20 Jahren sogar hinter die Leistungsfähigkeit zurück, die ihn als 15-Jährigen zum einzigartigen Phänomen gemacht hatte. Jacko Gills Stern scheint schon verglüht, bevor er aufgehen konnte. Ausgebrannt.

Gill berappelt sich ein wenig, schafft es gerade so in den Endkampf bei großen Meisterschaften, trainiert immer noch wie ein Getriebener, manisch, ruhelos, erleidet einen Ermüdungsbruch, trainiert aber weiter, immer weiter, mittlerweile außerhalb Neuseelands so gut wie unbeachtet, da leistungsmäßig nur einer von vielen unter “ferner stießen”. Auch in neuseeländischen Zeitungen, in denen ich ab und zu online nach ihm suche, finde ich kaum noch etwas. Bis ich in dieser Tage auf die Meldung stieß, dass Jacko Gill, 22 Jahre alt, schwer herzkrank geworden ist. Myokarditis, Herzmuskelentzündung. Lebensgefährlich, wenn nicht erkannt und wenn man sich sportlich belastet. Es gibt einige bekannte Fußballer, auch aus der Bundesliga, die daran gestorben sind. Und Ralf, mein bester Freund, starb, als er, trotz einer ihm bekannten (!) Myokarditis und schon bald 50 Jahre alt, extremes Bodybuilding betrieb.

Jacko Gill hat Glück gehabt. Hoffentlich. Er wird mindestens ein halbes Jahr jegliche Anstrengung vermeiden müssen. Ob er jemals wieder kugelstoßen wird, steht in den Sternen, ist aber auch unwichtig. Allerdings nicht für ihn. Er denkt schon an das Comeback, wenn ich richtig gelesen habe, noch 2018.

Er sollte stillhalten, innehalten. Nicht nur zur Weihnachtszeit. Er hat noch ein ganzes Leben vor sich.

 

Heute früh erfahren: “Lambi” ist gestorben. Hans Leciejewski, ein guter alter Bekannter aus Heidelberg. 73 Jahre alt, nach langer Krankheit. Spielte Basketball beim USC, war Nationalspieler, auch deutscher Meister im USC-Team mit Kämpen wie Hannes Neumann, Volker Heindel, Jürgen Loibl und Klaus Urmitzer. Später gelang ihm als USC-Trainer das Double. Noch später, und das für mehr als 30 Jahre, wurde er Leiter des Heidelberger Leistungszentrums. Da musste er Ralf und mir unbefristetes Hausverbot erteilen. Ich nahm es ihm nicht übel, sah ein, dass er das tun musste. Was wir getan hatten (nichts ansatzweise Verbotenes!) ließ ihm keine andere Wahl. Jetzt weiß nur ich es noch. Es bleibt also ein Geheimnis. Lambi, mach’s gut!

 

Jetzt einen Ruck geben, trübe Gedanken verscheuchen, es ist doch schon Weihnachten! Also, Fortsetzung von gestern:

… FROHE WEIHNACHTEN!

Und bitte das Innehalten nicht vergessen

 

Baumhausbeichte - Novelle