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Sport-Stammtisch (vom 23. Dezember)

Die absurde Darbietung des Schwalben-Trainers Heiko Herrlich erinnert viele natürlich an die Pantomime von Norbert Meier, der Albert Streit eine Kopfnuss verpasste und zu Boden ging, als sei er Opfer und nicht Täter. Lang ist’s her, ziemlich genau zwölf Jahre. Meier ist arbeitslos. Streit hat seine Karriere beendet. Aber ihre Slapstick-Szene wird immer noch gerne bei youtube angeklickt, und hauptsächlich wegen ihr bleiben sie in Erinnerung. Für Meier eine härtere Strafe als damals die DFB-Sperre und Suspendierung beim MSV Duisburg.
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Eine ähnliche Langzeit-Strafe am öffentlichen Pranger droht auch Herrlich. Ob er sie verdient hat, mögen andere beurteilen. Der Mann hat sich unsäglich blamiert, das ist aus meiner Sicht Strafe genug. Mich erinnert die Spontan-Heuchelei auch weniger an Meier als an … Herrlich. Kurz bevor er nach Leverkusen ging, beteuerte der bekennende Christ, »auf jeden Fall« in Regensburg zu bleiben, denn »mich erfüllt es mit großer Dankbarkeit, dass ich Trainer in diesem Verein sein kann. Diese beiden christlichen Werte will ich vorleben.« – Weitere Worte dazu verkneife ich mir. Sind ja auch nicht nötig.
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Auch nicht zum Fußball. Der hat Pause, und die haben wir uns verdient. Das frühe Katz-und-Maus-Spiel der Bayern, das späte Aufbäumen des Mäuschens BVB gegen die nachlässig gewordene Übermacht (Katzenkenner kennen das), die Video-Hilfe, deren Segen sich gerade dann zeigt, wenn sie nicht da ist (Bremen!), das Siegtor von Haller – alles kein Thema mehr. Denn hoyt is ßo: vajnaxtn.
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Haben Sie’s erkannt? Ein geflügeltes Wort in Lautschrift. Doch erst noch einmal zu Sebastien Haller. Im Reporter-Französisch »Halleeeer!« gerufen. Von echten Fans aber auf der ersten Silbe betont. Auch die »Geling-Garantie«, von der ich in einem Interview zum RTL-Kauf der Europa-League-Rechte las, betonte ich unwillkürlich auf der ersten Silbe. Wie einst den »Gewaltiger«, der in einigen Hölderlin-Texten auftaucht. Den Géwaltiger, diese seltsame Kreuzung von Wal und Tiger, die gehen kann, fand ich in Brehms Tierleben nicht, es dauerte gewaltig lange, bis der Groschen fiel. Bei der Géling-Garantie fiel er schneller. Aber ob sie für RTL wirklich gelingt?
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»Ja, is denn heut scho Weihnachten?« Franz Beckenbauer hat es mit seinem Werbespruch in die ewige Galerie geflügelter Worte gebracht, irgendwo zwischen Goethe und Schiller. Laut Wiktionary »Ausdruck der Freude oder des Erstaunens, vor allem über etwas Unerwartetes.« Im E-Plus-Werbespot von 1998 bringt Beckenbauer »seine Überraschung zum Ausdruck, als in winterlicher Landschaft eine Geschenkpackung mit einem Handy vom Himmel fällt«. Jetzt ist ihm der Himmel auf den Kopf gefallen, und er versteht die Welt nicht mehr.
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Haben Sie den ARD-Film über Beckenbauer gesehen? Ich nicht. War mir zu spät, außerdem wollte ich mir das Elend nicht anschauen. Zumal ich aus den Vorabinfos wusste, dass viel über, aber nichts von ihm gesagt würde. Natürlich weiß ich auch, dass Beckenbauer als »Kaiser« zum Larifari und Wischiwaschi neigte und dass er gedankenlose, ja teils dumme Sprüche absonderte (»in Katar keine Sklaven gesehen«). Aber er war nie abgehoben, nie überheblich, stets freundlich, hilfsbereit und überhaupt, so weit ich das aus der Ferne sagen darf, ein guter Mensch. Dank ihm, nicht wegen Bestechung (bestochen haben sie alle), bekam Deutschland die WM 2006. Bei aller Pflicht zur Aufklärung: So, wie Deutschland (vor allem deutsche Medien) den zuvor peinlich hofierten und gefeierten Beckenbauer heuchlerisch und gnadenlos hat fallen lassen, ist das … typisch deutsch.
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Ja, es ist schon Weihnachten. Steht Ihre Jubel-Staude schon? So hieß der Weihnachtsbaum bei den Nazis, lese ich in Walter Kempowskis Tagebuch »Somnia«. Was sich seitdem nicht geändert hat: Unter dem Baum wird gesungen. Von der ganzen Familie. Nur nicht von mir. Ein altes Trauma. Ein sehr altes. Als ich ein störrischer, verstockter, trotziger Junge war, stimmte ich einmal vor dem geschmückten Baum, von Weihnachtsstimmung verführt, heimlich in den Familienchor ein … und merkte plötzlich, dass ich alleine sang, denn die Familie schaute gerührt zu, wie der kleine »Knäulkopp« gefühlig wurde. Seitdem bin ich verstummt. Außer im Auto. Bei Alleinfahrt. Selbst im Bad singe ich nicht mehr, seit die Beste von allen mich vor dem Spiegel ertappte, mit Hüftschwung »Funky, funky« singend und zum Moonwalk ansetzend.
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An den Knäulkopp von damals und den späteren Michael-Jackson-Imitator dachte ich, als ich dieser Tage eine Weihnachtskarte bekam. Mit einem irischen Sprichwort. Es beginnt so: »Ich wünsche dir, … dass du arbeitest, als würdest du kein Geld brauchen …. dass du liebst, als hätte dich noch nie jemand verletzt.« Und so endet es: »… dass du lebst, als wäre das Paradies auf Erden.« – Na ja, ganz nett, die üblichen Kalendersprüche eben. Aber dazwischen standen zwei Wünsche, bei denen ich dachte: Die Iren, die kennen mich! Denn: »Ich wünsche dir … dass du tanzt, als würde keiner hinschauen, … dass du singst, als würde keiner zuhören.« – Wünsche ich Ihnen auch. Frohe Weihnachten!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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