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Sport-Stammtisch (vom 16. Dezember)

Manchmal hat man ja sehr seltsame Assoziationen. Nach Hause fahrend, auf freier Landstraße in Gedanken versunken, gerade eben in den, dass ich mich eigentlich auch mal bei Twitter anmelden sollte, um nicht völlig den Anschluss an moderne Zeiten zu verlieren, da schrecke ich hoch – was liegt denn hier vorne auf der Straße? Blitzartig schließt  mein Hirn von Twitter auf Trump  und identifiziert dessen Toupet. Doch im selben Moment materialisiert sich aus dem vermeintlichen Ganzkopf-Haarteil ein plattgefahrenes Eichhörnchen.

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Ehrlich. Zu Hause  klicke ich Twitter an. Fast jeder Sportler sondert dort seine Tweets ab, das könnte manchmal interessant sein, außerdem würde man in Echtzeit erfahren, wenn der Irre in seinem Sandkasten randaliert und mit Atomförmchen um sich schmeißt. Also melde ich mich erstmals an – und scheitere. Mehrmals. Bis ich merke: Ich muss mich vor Jahren schon einmal angemeldet haben. Das Gedächtnis des alten Mannes …

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Ich hantiere mit alten und neuen Passwörtern, endlich bin ich drin und sehe: Ich folge nur zwei Menschen, Jacko Gill und David Storl. Klingt einleuchtend. Deren Trainings-Wasserstandsmeldungen würden mich interessieren. Ich sehe aber nichts. Gar nichts. Wenn ich jetzt einen Text twittere, wo zwitschert der hin? Liest ihn die ganze Welt oder landet er im Nirwana? Ich gebe auf. Wahrscheinlich melde ich mich in ein paar Jahren noch mal an und wundere mich dann, dass ich mich vor ein paar Jahren schon einmal angemeldet haben muss.

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Interessant wäre es aber schon, erführe man live, was zur Zeit ein Stöger oder ein Froome spontan und ungefiltert in die Welt zwitschern. Heute Köln, morgen BVB. Gestern Held, heute Doper. Verfall der Sitten, und die Moral in Insolvenz. Aber so einfach ist das ja alles nicht. Zum Beispiel Stöger: In den »Montagsthemen« hatte ich den fliegenden Wechsel von Marco Völler aus Gießen nach Frankfurt kritisch bedauert. Zwar erlaubten dies die Basketball-Statuten, es gehöre sogar zum Geschäftsmodell, aber es ruiniere meine – großes Wort – Liebe zum Sport. Und jetzt macht Stöger das Gleiche, sogar in einem Sport, der Spielern dies verbietet – und in mir meldet sich keine Kritik, kein Bedauern, sondern ein kleiner, prinzipienloser Mann im BVB-Trikot, der mir in den Gehörgang flüstert: Überraschung! Aber eine schöne. Prima Lösung! – Sind wir nicht alle ein bisschen … widersprüchlich?

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Was twittert Froome? Unaufgeregtes. Eine Lappalie, kaum der Rede wert, wird er zitiert. Regt euch ab. Alles sei regelkonform. – Ich rege mich erst gar nicht auf und verweise nur auf früher Geschriebenes. Fast alle Leistungssportler setzen Mittel und Methoden ein, die naive Freunde des Sports, wenn sie davon wüssten, als Doping werten würden. Russland ist überall. Auch zur Asthma-Epidemie fällt mir schon lange nichts mehr ein. Genau genommen seit 1994 in Lillehammer, als 95 Prozent der Teilnehmer Asthmatiker waren (Gesamt-Bevölkerung: fünf Prozent) und daher regelkonform Salbumatol inhalierend dopen durften.

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Doch! Etwas fällt mir ein: 95 Prozent der Olympiateilnehmer, also der Elite des Sports … in der DDR versuchte man, vielversprechende Talente durch Handgelenksvermessungen zu erkennen, obwohl doch scheinbar nur eine Methode ange»messen« ist: Hast du Asthma? – Wirst du gut!

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Auch Claudia Pechstein hat schon lange Asthma und läuft immer noch bei den Jungen vorne mit. Das hat Respekt verdient, zumal ihr nach der Blutanomalie-Affäre gerichtlich Nichtdoping bescheinigt worden ist. Sympathie kriegt sie dennoch kaum ab. Was mancherlei Gründe hat. Bei mir wegen des Armstrong-Effekts. Der tönte: »Verlieren ist wie Sterben.« Pechstein stimmt ein und zu: »Mein Motto ist: Siegen oder Sterben.«

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Ob sie das von ihrem Manager und Partner hat? Matthias Große scheint ein sehr spezieller Mann zu sein. In der FAS beschrieb er einmal seines Lebens Lauf: »Ich komme von ganz unten. Ich habe als Arbeiterkind der DDR an der Militärpolitischen Hochschule in Minsk studiert, mit Leuten aus 17 Nationen. Wir haben kämpfen gelernt, im Sinne von: Wie überlebe ich? Ich sollte General werden, mit 36 Jahren, dann ist die Mauer gefallen. Ich bin Toilettenmann im Grand Hotel geworden und habe weiter gekämpft. Heute habe ich eine Immobilienfirma in Berlin.«

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Der Motivations-Berserker hat seit einigen Monaten einen neuen Schützling, den sanften Kugelstoß-Riesen David Storl, der verzagt im Motivationsloch hockte. Wenn das größte Talent seit Randy Matson nun das größte Ego seit und von Matthias Große bekommt … dann aber, mein lieber Herr General!

Hat Storl schon die brachiale Wucht seines Mentors drauf, wenigstens verbal? Ich würde gerne lesen, welche Tweets er jetzt, nein, nicht vögleinsanft zwitschert, sondern löwengleich herausbrüllt, mit breiter Brust (aber bitte ohne Eichhörnchen auf dem Kopf). Aber dazu müsste ich mich erst einmal bei Twitter anmelden. Hab ich noch nie versucht. Aber jetzt!  (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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