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Sport-Stammtisch (vom 9. Dezember)

Zwei Ex-Trainer der Eintracht schlagen auf: Armin Veh in Köln, Jupp Heynckes sogar an – sehr – alter Heimstätte in Frankfurt. Dass sie »aufschlagen« bitte ich zu entschuldigen. Ich wollte nur einmal testen, ob ich das Wort schreiben kann, ohne Pickel zu kriegen.
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So, altes Tübchen Clearasil aufgetragen, weiter im Text: Veh beim Tasmania-Rekordanwärter, ob das passt? Kann er, fragt sich der Eintracht-Fan, Klubs statt in den Keller auch aus ihm heraus führen? Na ja, im Zweifelsfall hat der neue Sportdirektor einen Trainer als Puffer.
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Entschuldigung. Das war sehr böse. Zu böse. Fast so böse wie früher, als Heynckes die Eintracht ins Verderben stürzte. Lang ist’s her, aber SGE-Fans haben ein ebenso langes Gedächtnis. Dass ich Heynckes heute positiver sehe, gefällt nicht jedem. Ein Kollege las kürzlich ein SZ-Interview mit dem Bayern-Coach und mailte: »Hast du das gelesen? Was für ein selbstgefälliger Saubermann! Manchmal bedaure ich, dass ich keine Kolumne wie du habe.«
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»Selbstgefälliger Saubermann.« Schön gesagt. Schön böse. Ich war damals aber noch böser: »Aus jener Eintracht, die Heynckes im Juli 1994 übernommen hat, diese Eintracht des April 1995 gemacht zu haben, ist und bleibt eine einmalige Negativleistung. Endstation im Waldstadion. Im Fahrplan gibt es für die Eintracht keine 1.-Klasse-Anschlüsse mehr. Die internationalen Züge sind abgefahren. Umsteigen in die Bimmelbahn. Und so rollt der Frankfurter Ebbelwoi-Expreß 1995 als Bummelzug an der Fußball-Zukunft vorbei, während der dafür Verantwortliche sich aus dem Staub macht. Erster Klasse, im Salonwagen.«
Im grimmen Schmerz geschrieben, nach dieser »Legatisierung der Okochas«, mit der ich die zweifelhafte Ehre hatte, von Daniel Cohn-Bendit plagiiert zu werden, der mein Wortspiel als Eigenschöpfung ausgab. Später zog übrigens ein Ex-Eintrachttrainer den Text aus dem Portemonnaie, wenn er zu seiner Meinung über die Lage bei der Eintracht gefragt wurde. Das sei hundertprozentig seine Meinung.
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Irgendwann einmal hat Jupp Heynckes zugeben, in Frankfurt viel falsch gemacht zu haben. Das ehrt ihn. Später hat er viel richtig gemacht. Eindrucksvoll, was er jetzt in München bewirkt. Oder hätte das, stänkert der kleine böse Zwietrachtler in mir, nach Onkelottis Wellness-Urlaub in München jeder bewirken können?
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Jedenfalls sehr erfreulich, dass Heynckes’ Bayern den faulen Zauber des FC Katar Paris vorerst entzaubert haben. Fauler Zauber auch beim IOC: Winter-Olympia ohne Russland, aber mit Russen. Körperlich schafft Ex-Fechter Thomas Bach sicher keinen Spagat mehr, aber verbal kann keiner akrobatischer als der gewiefte Advokat, der als Leidtragender von 1980 im Sportlerherzen ein entschiedener Boykottgegner geblieben ist. Jetzt musste er handeln, der globale, nein, der atlantische Mainstream ließ ihm keine Wahl. Lieber wäre ihm wohl ein Boykotterl à la Austria gewesen. 1980 waren die Österreicher dabei, guckten aber grimmig an der Ehrentribüne vorbei. Einige sollen sogar das Fäustchen in der Tasche geballt haben.
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Natürlich bin auch ich für den Ausschluss Russlands. Alleine schon wegen des Medaillenspiegels. Den gewinnen wir! Aber Vorsicht! Bei der Gewichtheber-WM waren jetzt neun Top-Nationen wegen Dopings gesperrt (u. a. Russland, China und Kasachstan), und dennoch wurde unser bester Heber nur Siebter. Sauber! Sauber sicher auch der Georgier Lascha Talachadse, der im Superschwergewicht Weltrekorde aufstellte und dabei sagenhafte 220 kg riss. Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, denn nicht einmal Eurosport übertrug. Im Stoßen schaffte Talachadse »nur« 257 kg, zwei Pfund weniger als Matthias Steiner 2008 in Peking, als diese Sportart vorübergehend in Deutschland weltberühmt war. Sauber!
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Ernst kann ich das alles schon lange nicht mehr nehmen. Zumindest, bis mir jemand den faktischen Unterschied erklärt zwischen den Sotschi-Russen und Fuentes (als Synonym für Spanien), den USA (vom Armstrong-Imperium bis Balco) oder Deutschland (frühe Schäuble Aussagen, Telekom, Freiburg, föderales Doping-Förderungssystem usw.).
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Aber immerhin ist mir das Aufwärmen des kalten Stellvertreter-Krieges im Sport lieber als das brandgefährliche Spielchen eines hitzköpfigen Kindkaisers. Dessen neueste Aktion begrüßt nur das Israel am nächsten stehende Organ außerhalb Israels. Welches? Bild Dir Deine eigene Meinung!
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Ein anderes Rätsel kann ich auflösen. Gestern stieß ich zufällig auf ein altes Interview, in dem der Befragte schier Unglaubliches von sich gab. Er wetterte gegen Mischehen, denn »Gott schuf uns unterschiedlich. Sperlinge fliegen mit Sperlingen, Tauben wollen mit Tauben zusammen sein. Jeder intelligente Mensch will, dass seine Kinder aussehen, wie er! Wer will sich hinstellen und seine eigene Rasse töten? Keine Frau auf der ganzen Welt kann mich so erfreuen, so für mich kochen und mich so gut verstehen wie …« wie seine mit der gleichen Hautfarbe, denn »das ist die Natur«. – Wer war’s? AfD? Ku-Klux-Klan? Neonazis? Nein. R.I.P., Muhammad Ali!
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Auch Christine Keeler möge in Frieden ruhen. Sie ist jetzt gestorben, mit 75. Nur Frühgeborenen sagt der Name noch etwas. Andere mögen ihn und »Profumo« googeln. Wir älteren Jungs erinnern uns an ein im Vergleich zu den heute allgemein zugänglichen Bildern sehr keusches Foto mit der nackten Keeler auf einem Stuhl, Lehne nach vorn. Nichts Entscheidendes zu sehen, aber kein Bild regte unsere Fantasie mehr an als dieses, das so harmlos war wie wir selbst. Aber das ist ein anderes Thema.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle