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Montagsthemen (vom 4. Dezember)

Interview mit Jupp Heynckes in der Süddeutschen Zeitung. Ganze Seite. Selbst dem vom jungen Heynckes traumatisiertesten Eintracht-Fan fiele es schwer, diesen alten Heynckes nicht zu mögen. Schönes Schlusswort zu den Koi-Karpfen in seinem Gartenteich: »Die leben leider sehr gefährlich. Der Fischreiher, der oben in der hohen Birke lauert, das ist ein Sauhund.«
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Könnte man den Heynckes von heute zurück in die Zeit beamen und gegen den Heynckes von gestern austauschen, der Weg der Eintracht wäre ein anderer geworden. Hoffnungsschimmer in der Gegenwart: Der noch recht junge Niko Kovac erinnert sehr an den heutigen Heynckes. Unabhängig von dem Spiel gestern, das erst nach diesen Zeilen angepfiffen wurde.
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Immer nur BVB, Bayern und die Eintracht? Stöbern wir anderswo. Beginnend im Sinsheimer Stadtteil Hoffenheim. Dort gewinnt Julian Nagelsmann das Duell der heißesten Münchner Trainer-Kandidaten mit 4:0. Obwohl das ebenso witzige wie traditionsbewusste Fußball-Magazin 11Freunde während des Spiels meldete: »Bei Hoffenheim gegen Leipzig steht es nach wie vor 0:28374924 gegen den deutschen Fußball.«
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Aber wir halten uns nicht bei den Retortenklubs der Milliardäre auf, zumal das zumindest für einen der beiden Klubs eine ebenso gehässige wie falsche Bezeichnung ist. Außerdem spielen Leipzig wie Hoffenheim einen attraktiven modernen Fußball, gegen den manche Traditionsklubs noch älter aussehen, als sie schon sind.
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Wir hoppen (sorry, schwaches Wortspiel) weiter. Zu Franz Beckenbauer, dem neues Ungemach droht. Der Spiegel arbeitet sich immer noch an ihm ab, gerade jetzt wieder. Klar, der »Kaiser« hat sich manchen Schmarrn geleistet, aber mittlerweile möchten ihn selbst frühere Verächter gerne tröstend in den Arm nehmen. Aber wo? Die einstige Lichtgestalt ist im Schatten verschwunden. Selbst WM-Auslosungen, früher ohne den flotten Franz kaum denkbar, wären nun … mit ihm undenkbar.
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Einen alten Vorwurf könnten zwei alte Männer entkräften. Denn dass eine WM-Fete 2006 tatsächlich geplant und kein Fake für die DFB-Bilanzen war, müssten zwei ehemals große »SCH« der Politik am besten wissen. Da das Eröffnungsspiel an München gefallen war, wollten Otto Schily und Gerhard Schröder ihrem hauptstädtischen Berlin (auch aus wahltaktischen Gründen) wenigstens eine hübsche Fete zum Trost bescheren. Event-Tausendsassa Andre Heller sollte und wollte sie inszenieren. Doch dann wurden die Wahlen auf 2005 vorgezogen, Schröder und Schily hatten andere Sorgen, Blatter und Beckenbauer sowieso, Heller stand allein im versiegenden Konfetti-Regen, die Fete fiel aus. Die ominösen 6,7 Millionen stehen aber immer noch im Raum. Beckenbauer weiß mittlerweile, dass er die Arschkarte gezogen hat.
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Eine der vielen Mythen der Neuzeit will wissen, dass die »Arschkarte« zuerst von einem Schiedsrichter gezogen wurde. Als es schon rote und gelbe Karten, aber noch kein Farbfernsehen gab, begannen die Schiedsrichter, zur besseren Unterscheidung für den Fernsehzuschauer gelbe Karten aus der Brust- und rote aus der Gesäßtasche zu ziehen.
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Ob’s stimmt? Es gibt so viele Mythen der Neuzeit. Zum Beispiel, passend zur Arschkarte, dass der Mensch im Mund mehr Bakterien hat als im After. Hübsch auch, und damit zum Wintersport: Das Eisbein heißt Eisbein, weil früher aus Röhrenknochen von Schweinen Schlittschuhe gemacht wurden.
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Nachtrag zur Colostrum-Causa und der Russland-ist-überall-Polemik vom Samstag: Der US-Sprinter Ryan Bailey verlor Sommer-Silber von London, weil ein anderer Läufer seiner Staffel gedopt war. Jetzt wollte er bei Winter-Olympia starten, als Bremser im US-Bob, wurde aber selbst positiv getestet, was doppelt negativ ist. Bild kürt ihn zum Verlierer des Tages und kommentiert: »Doppelt doof gedopt!« Wobei »doof gedopt« eine Art weißer Schimmel ist, denn wer »klug« dopt, ist nicht gedopt. Nur doofe Doper werden positiv getestet.
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Wenn wir schon beim Wortklauben und der Samstags-Kolumne sind: Neben dem Homonym (gleiches Wort, unterschiedliche Bedeutung wie in »Trump ist toll«) gibt es auch das Homophon (gleicher Ton), verewigt vom legendären Wintersport-Reporter (und Quizmaster) Heinz Mägerlein, der einst bei einer Ski-Übertragung beobachtete: »Die Zuschauer standen an den Hängen und Pisten.«
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Um unseren Bildungsauftrag vollends zu erfüllen, sei noch ein Wissens-Beifang am Rande der Recherchen zu dieser Kolumne präsentiert, kein Mythos der Neuzeit, sondern Tatsache: Elefanten wachsen ihr ganzes Leben lang.
Kein Wunder, dass sie so groß werden. (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle