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Drei Zeitzeugen (“Wer bin ich?” vom 30. November)

Olympia 1936, WM 1954 und der kalte Stellvertreter-Krieg zwischen der Bundesrepublik und der DDR – drei historische Ereignisse im deutschen Sport, von denen drei Zeitzeugen erzählen. Sehr unterschiedliche Menschen, auf sehr unterschiedlichem Niveau, aber alle drei fast ausschließlich im Originalton. Auch der Schwierigkeitsgrad ist sehr unterschiedlich. Was zu beweisen sein wird.
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Die Olympiade, die nun zu Ende geht, ist mir doppelt zuwider. 1. als irrsinnige Überschätzung des Sports; die Ehre eines Volkes hängt davon ab, ob ein Volksgenosse zehn Zentimeter höher springt als alle anderen. Übrigens ist ein Neger aus USA am allerhöchsten gesprungen, und die silberne Fechtmedaille für Deutschland hat die Jüdin Helene Meyer gewonnen. Und 2. ist mir die Olympiade so verhasst, weil sie nicht eine Sache des Sports ist – bei uns meine ich – sondern ganz und gar ein politisches Unternehmen. Die Sprechchöre sind (für die Dauer der Olympiade) verboten, Judenhetze, kriegerische Töne, alles Anrüchige ist aus den Zeitungen verschwunden, bis zum 16. August, und ebensolange hängen überall Tag und Nacht die Hakenkreuzfahnen. In englisch geschriebenen Artikeln werden »unsere Gäste« immer wieder darauf hingewiesen, wie friedlich und freudig es bei uns zugehe, während in Spanien »kommunistische Horden« Raub und Totschlag begingen. Und alles haben wir in Hülle und Fülle. Aber der Schlächter hier und der Gemüsehändler klagen über Warennot und Teuerung, weil alles nach Berlin gesandt werden müsse. Und die »Hunderttausende« in Berlin sind durch »Kraft und Freude« herangeschafft; die Ausländer, vor denen »Deutschland wie ein offenes Buch« aufgeschlagen liegen soll – aber wer hat denn die aufgeschlagenen Stellen ausgewählt und vorbereitet? – sind nicht sehr zahlreich, und die Berliner Zimmervermieter klagen. Auch davon will ich Zeugnis ablegen bis zum letzten.
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Im Nordhessischen sitze ich, nachdem ich den Kirchbesuch und das Mittagessen im Pfarrhaus überstanden habe, alleine vor dem Radio. »Hier sind alle Sender der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlins, angeschlossen Radio Saarbrücken. . . .« Von fern kommt die Stimme. Ich bin sofort gefangen von diesem Ton. Dann ist Halbzeit. »Schon vorbei, dein Fußball?«, fragt der Vater. – »Nein, Halbzeit. Unentschieden steht es! Zwei zu zwei!« Habe ich wirklich »zwei zu zwei« gesagt, habe die schwierigsten Wörter über die Zunge gebracht ohne zu stottern? Ich bin so verwirrt über meine Leistung, dass ich schnell vom Bad ins Amtszimmer zurück laufe. Zum Radio. Als Schreie, von Händeklatschen und Jubel unterstrichen, aus dem Stadion an mein Ohr drängen, reiße ich, eher hilflos als triumphierend, die Arme hoch und rufe leiser, als ich wollte: »Tor!«, leise, weil ich meine Freude noch nicht spüre, sondern nur den Reflex auf die Schreie aus dem vibrierenden Kasten. Das war der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde.
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Wegen »versuchter Republikflucht, verbotener Westkontakte und Abweichlertum« saß ich im Knast. Als die Stasi mich freiließ, versuchte ich noch drei Mal abzuhauen, bevor sie mich endlich freiwillig gehen ließen. Hier im Westen half mir einer. Auf andere bin ich nicht gut zu sprechen. XX, mein Freund, ich danke Dir nochmal für alles, was Du damals für mich getan hast. YY hätte so etwas nie getan. Ich weiß noch wie YY und ZZ sich geärgert haben, als ich endlich in Freiheit war. YY ist doch ein Penner, unsympathisch, stinkend, asozial und arbeitsscheu, und im Sport war er ein schlechter Verlierer, diese Pfeife! Und wenn nicht der Boykott gewesen wäre, Ihr wisst doch genau, wer dann nicht Olympiasieger geworden wäre!!
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Wie gesagt, Zeitzeugnisse auf sehr unterschiedlichem Niveau. Daher sind auch drei Namen im dritten Teil anonymisiert, zumal es nicht um sie geht, sondern um den kritisch beobachtenden Geist von 1936, den kleinen hessischen Buben von 1954 und den immer noch Wütenden von heute. – Wer sind sie?
(Einsendeschluss: Freitag, 8. Dezember) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle