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Sport-Stammtisch (vom 25. November)

Wie viel Willensfreiheit hat der Mensch? Dazu gab es in dieser Woche zwei Feldversuche, in Brüssel und in Dortmund. Gegen Anderlecht ging es für die Bayern um nichts, nicht einmal um das Prestige (wie demnächst gegen Paris). Dennoch wollten sie wollen können, konnten aber nicht wollen. Ihr wahrer, ihr innerer Wille nahm sich die Freiheit, nicht wollen zu müssen. Nichts zu machen, beim besten Willen nicht.
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Auch der BVB wollte wollen können, aber ihm fehlte die Umsetzungskompetenz (ein Synonym für »Wille«), da der Negativlauf den Willen hatte verzagen lassen. Aber bevor ich mich gänzlich im Willenwollenkönnen verheddere, ziehe ich das Fazit des Feldversuchs, der einen Trend der Gehirnforschung bestätigt: Echte Willensfreiheit gibt es nicht. Der Wille macht, was er will. Daher ist auch »Wir woll’n euch kämpfen seh’n!« neurologisch der dümmste Spruch, der durch Fußballstadien hallen kann.
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Ein anderer Trend der Neurologie will wissen, dass das, was der Mensch scheinbar frei und spontan entscheidet, von seinem Gehirn schon zehn Sekunden vorher festgelegt worden ist. Ich glaub’s nicht, obwohl … die Zeit ist ein merkwürdiges Phänomen. Warum schreit es bei Liveübertragungen aus dem Nachbarhaus schon »Toor!«, wenn bei mir der Spielzug noch läuft? Oder jetzt, vor dem Bayernspiel: ZDF live, Interview mit Salihamidzic … zapp … Sky live, Interview mit Salihamidzic … zapp, zurück zum ZDF, Interview mit Salihamidzic. Immer derselbe Sportdirektor-Azubi, aber ein anderer Interviewer. – Sorry, kleiner Spaß. Ich weiß, das eine hat sendetechnische Gründe, das andere ist Einspiel-Zufall in der Livesendung
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Und damit zu einem anderen Zauberwort. »Antizipation«. Seit einigen Wochen besonders gut zu beobachten in Dortmund. Auf der Tribüne. Während die BVB-Spieler mehr oder weniger munter den Ball laufen lassen, ahnt der Fan schon Böses und stöhnt auf, denn er weiß antizipatorisch zehn Sekunden vorher, was die Spieler erst zehn Sekunden danach realisieren: Fehlpass; Ballverlust, Konter, Schuss, Tor.
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Antizipation, ein ganz alter Hut. Schon der Fußball-Fürst Goethe wusste: »Dem echten Fußballer ist die Kenntnis der Welt angeboren, zu seiner Darstellung benötigt er keinesfalls viel Erfahrung. Er besitzt die Kenntnis durch Antizipation.« – Na ja, zugegeben, Goethe sagte nicht »Fußballer«, sondern »Dichter«, und ob er es überhaupt sagte, weiß nur sein getreuer Fan und Chronist Eckermann, der ihm diese Worte in den Mund legte (»Gespräche mit Goethe«). Aber immerhin: »Antizipation« war schon vor 200 Jahren bekannt.
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Nicht ganz so lange her ist es, dass ein alter, abgehalfterter Ex-Wimbledon-Champion … einen Moment, da fällt mir ein: »Du hast Dich nie richtig eingeschätzt, Du bist abgehoben, bist größenwahnsinnig geworden, hast die Selbstkontrolle und realistische Selbsteinschätzung verloren.« Schreibt Boris Beckers ehemaliger Jugendtrainer Richard Schönborn in einem offenen Brief in der Welt. Kann man zwar so sehen, ist aber ganz schön fies. Zumal der 84-jährige Schönborn womöglich ganz anders urteilen würde, hätte man seine Rolle in der Becker-Historie gebührend gewürdigt. Wobei »gebührend« immer Ansichtssache ist.
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Noch einmal: Nicht ganz so lange her ist es, dass ein alter, abgehalfterter Ex-Wimbledon-Champion in einem Match gegen eine Weltklasse-Tennisspielerin antrat … und gewann. Bobby Riggs, damals 55, gegen Margaret Court, damals Nr. 1. Erst ein paar Monate später spielte Riggs gegen Billie Jean King. Die Story kennt jeder, sie kommt jetzt ins Kino. Passt ideal in die aktuellen Aufgeregtheiten. Auch, dass Riggs diesmal verlor. Nicht ganz so ideal dazu passt das Gerücht, Riggs habe absichtlich verloren.
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Weniger Aufsehen erregte in diesen Jahren der Arzt und Hobby-Tennisspieler Dr. Richard Raskind, der sich geschlechtsumwandeln ließ, sich als Renee Richards dem Navratilova-Clan anschloss und bei Frauen-Profiturnieren mitspielen wollte. Vom Leistungsvermögen wäre Richards trotz seiner/ihrer 40 Jahre unter die Top 20 gekommen, doch ein weiblicher Chromosomenanteil von null Prozent erübrigte weitere Diskussionen. Damals. Heute gäbe es sie.
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In den Tennis-Zeiten von Richard und Riggs wurde das Teenie-Phänomen David Cassidy weltberühmt. Jetzt ist Cassidy gestorben. Mit 67, nach jahrelanger Demenz. Rückblende. 1973, Rotterdam, Hallen-EM der Leichtathleten. Das deutsche Team logiert im Hilton. Das abgesperrt ist. Wegen David Cassidy, der hier ebenfalls wohnt. Wir sollen das Hotel durch einen Nebenausgang verlassen, denn vorne wird es von Teenager-Scharen belagert. Ich gehe dennoch vorne raus und rufe: »Hello, I’m David Cassidy!« Das infernalische Gekreisch, enttäuscht und empört, zerreißt mir fast das Trommelfell und treibt mich zurück ins Foyer. Die jungen Hyäninnen hätten mich zerfleischt.
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Ebenfalls in Rotterdam: Ein Russe wollte seinen Trainingsanzug mit mir tauschen, gegen mein edles, nagelneues Nationalmannschafts-Stück in den damals angesagten Papageienfarben. Ich tat ihm widerstrebend den Gefallen. Das Teil mit dem CCCP-Schriftzug verschliss innerhalb weniger Wochen, löste sich buchstäblich auf. Den Russen traf ich sechs, sieben Jahre später wieder. In meinem Anzug. Stolz und bunt wie ein Papagei.
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CCCP war die kyrillische Abkürzung für »Union der sozialistischen Sowjetrepubliken«. Der real existierende Sozialismus und ich – früh war Misstrauen da. (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle