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Monotasking (Gießener Senioren-Journal vom 25 November 2017)

Zwanzig Jahre Senioren-Journal, ein stolzes Jubiläum. Alter, wie die Zeit vergeht! Auch jedes einzelne der fünf Jahre, seit denen ich aus meinem progressiven Alttag erzähle, ist schneller vergangen als früher ein Tag in den Sommerferien, die ewig dauerten. Um zu verstehen, dass die Zeit relativ ist, muss man kein Einstein sein. Nur alt.

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Aber auf dem Fahrrad bleibt das Tempo gleich. Gemütlich im Jubiläumsschnitt von   20 km/h. Dank Elektro-Motor. Vor fünf Jahren schaute ich mitleidig auf den Akku vorbei radelnder Senioren, dann schauten andere hämisch auf meinen, und mittlerweile schaut kaum noch einer, denn die »Stromer« werden immer zahlreicher und immer jünger. Schon gilt das Pedelec als »in«, und wir Alten waren die Trendsetter. Hipster wie du und ich.

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Wir werden immer jünger. Als hätten wir in Lucas von Cranachs Jungbrunnen gebadet. Übrigens ein fast 500 Jahre altes Beispiel der Diskriminierung. Von uns Männern. Auf Cranachs Bild baden nur Frauen. Eine allerdings hat den Badetag versäumt. Albrecht Dürers »Mutter«. Porträtiert als 62-Jährige, sieht sie so alt aus wie heute keine Hundertjährige. Demnächst sehen sogar 500-Jährige jünger aus als sie. Bill Maris hält das für möglich und zeigt sich selbst als Prototypen vor – der Gründer von Googles Calico-Projekt, das schon 1,5 Milliarden Dollar ins halb ewige Leben investiert hat, ist knapp 40 und sieht aus wie ein Twen. Maris ist auch Hobby-Zauberer und als solcher Experte für Sein und Schein. Was mich an den Diät-Guru Robert Atkins erinnert. Als er starb, wog er bei einer Größe von knapp 1,80 m 116 kg. Ein paar Wochen vor ihm starb Olivia Goldsmith, die Autorin des Romans »Der Club der Teufelinnen«, in dem sie den Wahn der Schönheitschirurgie ätzend veräppelt hatte. Mrs. Goldsmith verschied nach einer Schönheitsoperation … Fake, wohin man auch blickt.

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Vergessen wir die 500. Wäre ja auch schrecklich. Maris sollte sich ein anderes Ziel setzen. Ein ebenfalls ambitioniertes: Erst mal so alt werden und so aktiv bleiben wie die Mitarbeiter des Senioren-Journals. Und wie ihre Leser, oder? Danach sehen wir weiter.

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500? 100? In meinem progressiven Alttag beschäftigt mich eine andere Zahl. Eine krumme. Knapp 70,5. Mein Alter. Mit ihm sitze ich zwischen den Stühlen. Denn Gehirnforscher teilen uns auf in junge Alte (60 bis 70) und alte Alte (71 bis 80 Jahre). In einem Test (»anticipatory motor planning«), von dem die »Zeit« berichtet, fanden Forscher heraus, dass die Fähigkeit der Bewegungsplanung mit 60 langsam und mit über 70 rapide schwindet. Im Alltags-Alttag erkenne man das Manko an verlangsamten und unsicheren Bewegungsabläufen sowie am Unvermögen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

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O weh, Multitasking also. Darin war ich schon immer schlecht. Beim Autofahren werde es besonders deutlich, heißt es, denn alte Menschen würden, wenn sie beim Fahren reden müssten, verkehrsgefährdend langsam. Ich auch! Das gleichzeitige Reden und Fahren provoziere sogar unfallträchtige Lenkfehler, behauptet die Forschung. Womit ich meine ständige Beifahrerin nun immer auf das wissenschaftlich abgesicherte Schweigegebot hinweisen kann. Sonst … »Wo fährst DU denn hin?!«

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Auch bei einem anderen Alterstest sehe ich alt aus. Man geht aus dem Zimmer, betritt ein anderes … und hat schon vergessen, was man dort wollte. Dieser »Türrahmen-Effekt« erwischt mich in seiner verschärften Form: Da ich ihn kenne, nehme ich mir beim Hinausgehen vor, ja nicht zu vergessen, was ich mir vorgenommen habe … und weiß im nächsten Zimmer nur noch, dass ich mir vorgenommen habe, irgendetwas ja nicht zu vergessen. Nur – was? Zum Glück funktioniert bei mir der »Türrahmen-Effekt« auch andersrum: Zurück ins Zimmer gehen aus dem ich gekommen bin, schon weiß ich’s wieder.

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Türrahmen und Multitasking lassen mich befürchten, dass ich schon zu den alten Alten zähle. Aber was ist mit den über 80-Jährigen? Diese ständig wachsende Alters-Kohorte taucht beim Test der Gehirnforscher gar nicht mehr auf. Typischer Fall von »Ageismus«? Darunter versteht man, erläutert das Bremer Gender Institut, »Altersfeindlichkeit als Form sozialer und ökonomischer Diskriminierung«, die zur »gesellschaftlichen Ausgrenzung« führe.

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Ja, auch ich werde diskriminiert! Von Mädchen und Frauen. Wenn sie mir auf dem Seltersweg entgegen kommen und mit leerem Blick durch mich hindurch sehen … aber ich will mich nicht beschweren. Dieses Phänomen der Unsichtbarkeit ist kein spezifisch altmännliches, darüber klagen ja auch unsere besseren Hälften.

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Noch mal zu den über 80-Jährigen. Dass sie beim Alters-Test nicht mehr vorkommen, liegt womöglich nicht am Ageismus der Forscher, sondern an einer wundersamen Verwandlung. Gibt es Cranachs Jungbrunnen vielleicht doch auch für Männer? Mit kleiner Nebenwirkung allerdings, denke ich, als ich im »Spiegel« die Überschrift eines Interviews mit einer Psychologin lese: »Die neue Frau ist der alte Mann.«

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Spaß beiseite. Gemeint ist, dass sich selbstbewusste moderne Frauen ähnlich verhalten wie der alte Adam. Es gibt also keine Wundermittel gegen das Altern, Jungbrunnen ade. Aber nur keine Bange vor dem Altwerden! Der wunderbare Schauspieler Joachim Król nimmt uns (im chrismon-Interview) die Angst: »Älter werden ist wie atmen, es passiert einfach, und wenn es nicht mehr passiert, wird man auch nicht mehr älter.«

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Dennoch schadet es nicht, wenn man ein bisschen gegensteuert. Durch Multitasking-Training. Zum Beispiel, indem ich während des Schreibens singe. Mal versuchen: »Man müsste noch mal zwnsich seyn unt soh veli… – »Was schreibst DU denn da!?«

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Ach was. Ich möchte nicht noch mal zwanzig sein, und verliebt bin ich sowieso noch. Egal ob als junger oder alter Alter, ob davor oder danach. Immer in die selbe Frau. Auch Monotasking hält jung. (gw)

 

 

Baumhausbeichte - Novelle