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Sonntag, 19. November, 6.35 Uhr

Ekliger Auftakt. Im Dunklen die Treppe runter, am Fußende knackt es unter der Sohle, ich ahne, was da knackt, knipse das Licht an und sehe die Bescherung. Eine  echte Bescherung, denn die beiden Katzen zeigen ihre Liebe zu uns, indem sie uns Mäuse vor die Füße legen. Diesmal eine halb gefressene, deren Innereien jetzt an der Sohle kleben. Die zerplatzte Niere haftet hartnäckig zwischen den Rillen. Pfui Teufel.

In alten Dorfhäusern wie unserem sind Katzen Pflicht, trotz aller An- und Umbauten und Renovierungen. Als Fritzi, die Vorgängerin der beiden, im hohen Alter starb, wanderten die Mäuse der Umgebung in das einzige katzenfreie Haus und baten um, nein nahmen sich Asyl. Innerhalb weniger Wochen wimmelte es im Keller vor Mäusen, die sich in einer Urlaubswoche (von uns, nicht von ihnen) sogar durch eine Holztür in die Küche nagten. Als wir die beiden Katzenkinder ins Haus holten, war der Spuk schnell vorüber. Obwohl sie noch keine Mäuse fingen. Abschreckung. Und während des Schreibens merke ich, dass das vor mich hin Geschriebene als Parabel missverstanden werden könnte. Oder verstanden. Ist jedenfalls keine Absicht. Von den Nilgänsen fange ich lieber gar nicht erst an …

Aus den Meldungen der Nacht: “Hundebesitzer leben länger.” Das will ich dann mal glauben. Und Katzenbesitzer leben kürzer? Das gliche sich aus. Weil sie nicht täglich Gassi gehen müssen?

Boris wird 50 und will nicht mehr Boris sein, sondern Herr Becker. Okay, Boris. Machen wir.

ATP-Finale: Goffin gegen Dimitrow. Böhmische Dörfer, wenn man langsam aus der heutigen Sportwelt fällt (kann man langsam fallen? Zu kompliziert für kurz vor sieben).

Freundschaftsanfrage bei Facebook von R., und schon ploppen Erinnerungen auf: Westberlin, die Siebziger, ISTAF, Ralf natürlich, wie wir mal bei R. zu Gast waren und ich mich schrecklich betrank. R., der große, langjährige ISTAF-Macher. Muss schon um die neunzig sein und entdeckt jetzt Facebook. Was immer man gegen dieses Medium  sagen kann und sagen sollte: Alleine für solche Flashbacks lohnt es sich, dabei zu sein. Man muss ja nicht, wie der eine oder andere “Freund”, jede Mahlzeit bildlich dokumentieren. Ich bin sowieso auch bei Facebook nicht Mitmacher, sondern Beobachter.

Schlagzeile bei Bild online: “Kriegt Bosz nur noch bis Weihnachten?” Ist das ein Beispiel für diese angebliche neue (Jugend-)Sprache, aus der auch das Jugendwort des Jahres kommt? Heißt die Sprache “Vong” und das Wort “I bims”? Oder “I bins”? Bedeutet es “Ich bin’s”? Was weiß ich. Falls ich es für die Montagsthemen übernehme, werde ich es googelnd nachprüfen.

Montagsthemen. Auf dem Zettel eine Mail, defätistische Gegenstatistik zur verheißungsvollen vom Samstag. Falls es in die Kolumne kommt, muss ich sicherheitshalber im Duden die Schreibung von “defätistisch” überprüfen … nee, mach ich gleich: “Defätismus = Mut und Hoffnungslosigkeit, Neigung zum Aufgeben”. Kommt direkt nach “Defäkation = Stuhlentleerung”. Darüber haben wir doch gestern erst gesprochen: Sie arbeitet an der aktuellen Ausgabe des Gießener Senioren-Journals und hadert damit, nur 20 Seiten zu haben, davon eine doppelseitige Anzeige über Stuhl-Inkontinenz. Depri-Stoff. Da muss mein “progressiver Alttag” aufmunternd gegenwirken. Habe die Kolumne schon geschrieben, ich bin begeistert, die Chefin hat sie gnädig entgegengenommen. Ich darf nur nicht vergessen, sie kurz vor dem Erscheinen des Journals am nächsten Samstag online zu stellen (die Kolumne, nicht die Chefin), zum Link “gw-Beiträge Kultur”, der so heißt, obwohl ich keine Nach-Lesen und Rezensionen mehr schreibe, sondern hier nur noch progressive Alttage reinstelle. Schluss jetzt, KKKK naht. Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss. Den habe ich mir verdient, alleine durch die Beseitigung der Mäuse-Bescherung.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle