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Montagsthemen (Herr Boris und die Lebelwülstchen/vom 20. November)

Bis viertel nach fünf war Frankfurt Dritter. Champions League! Dann kam der späte Dämpfer, aber immerhin: So etwas haben wir Hessen schon lange nicht mehr erlebt. Vielleicht erleben wir ja sogar noch das Wunder, das ein Leser am Samstag beschworen hat. Sie erinnern sich: »Immer« wenn Italien nicht zur WM fährt (1958/2018), wird die Eintracht ein Jahr später Meister (1959/also 2019). Dieser statistischen Verheißung stellt Klaus Philippi (Staufenberg-Treis) aber eine defätistische gegenüber, »die eindeutig sagt, dass die Eintracht 2019 nicht Meister werden kann, denn immer wenn Frankfurt Meister wurde, wurde Kickers Offenbach Vizemeister. Und da der OFC derzeit noch in der Regionalliga kickt, muss der nächste Frankfurter Titel noch ein wenig warten.«
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Wirklich defätistisch! Was heißt das überhaupt? Mal im Duden nachschlagen … ah, hier, gleich nach »Defäkation = Stuhlentleerung«: »Defätismus = Mut und Hoffnungslosigkeit, Neigung zum Aufgeben.« – Aufgegeben wird nicht! Man sollte nicht nur ausschließlich den Statistiken glauben, die man selbst gefälscht hat, sondern auch von den beiden Einmal-Statistiken nur der, die einem besser gefällt.
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Schlagzeile bei Bild online: »Kriegt Bosz nur noch bis Weihnachten?« Ist das nur schludrig oder ein Beispiel für »Vong«, die angeblich neue Netz-Sprache, aus der auch »i bims« kommt, das Jugendwort des Jahres? »Vong« sei »eine spielerische Art, mit Sprache und Grammatik umzugehen«, lese ich, wobei »Wörter absichtlich falsch geschrieben und verkürzt« werden, was »nach Blödelei klingt«, aber »selbstironisch und spielerisch distanziert« sei und »durchaus eine ernstere Metaebene« habe. – Und das soll neu sein? So schreibe ich doch schon immer! Nur die Metaebene hat bisher gefehlt. Ab sofort nicht mehr. Denn wenn ich ungewollte sprachliche Böcke baue, hieve ich sie auf die Metaebene: »I bims vong!« Echt frong vong ist rait.
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Zur Abwechslung ein ernsthafter Zwischenruf ohne Vong. Viele Auswüchse des Fußballs werden zu Recht kritisiert. Aber was ist daran auszusetzen, dass deutsche Regionalligisten an ihrem jeweils spielfreien Wochenende ein Testspiel gegen die chinesische U20-Auswahl machen? Ist doch schöne und, auch nicht zu verachten, lukrative fußballerische Entwicklungshilfe. Und dass die Chinesen, wenn sie das schon wollen, auch mit westlicher Meinungsfreiheit wie Tibet-Transparenten leben müssen, hätten sie wissen können und nicht wie beleidigte Lebelwülstchen vom Platz gehen sollen.
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Zum Tennis. ATP-Finale Goffin gegen Dimitrow. Böhmische Dörfer für den, der langsam von der heutigen Sportwelt wegdriftet. In der Frauen-Weltrangliste liest er, wenn Kerber und die Williams’ fehlen, sowieso nur noch Bahnhof. Wie schön, dass uns wenigstens Boris noch lange erhalten bleiben wird. Er feiert seinen 50. Geburtstag und befiehlt per Bild, »ab jetzt bin ich nicht mehr Boris, sondern Herr Becker!«. Okay, Boris, machen wir.
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Obwohl wir uns in den asozialen Medien doch alle duzen, oder? Heute ätze ich aber mal nicht gegen Facebook & Co. Denn: Freundschaftsanfrage bei FB von R.. Schon ploppen Erinnerungen auf: Westberlin, die Siebziger, die Szene, der Sport, das ISTAF und sein langjähriger Macher R. Seit Jahrzehnten nichts von ihm gehört. Muss schon um die neunzig sein und entdeckt jetzt Facebook. Was immer man gegen dieses Medium sagen kann und sagen sollte: Solche Flashbacks sind es wert, dabei zu sein.
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Schnelle Selbstkritik. Dass ich in der Frauen-Weltrangliste nur »Bahnhof« verstehe, ist nicht nur ignorant, sondern auch frauenverachtend. Ich bitte um Entschuldigung. Sonst gehe ich noch im Shitstorm unter. Wie NFL-Quarterback Cam Newton. Als ihn eine Journalistin nach Laufwegen befragte, ulkte er: »Witzig, eine Frau über Laufwege reden zu hören.« Newton wurden Sponsorenverträge gekündigt, und vor der geballten Frauen-Power musste er demütig den Schwanz einziehen. Jetzt steht er im Abseits. Übrigens: Abseits – wie geht DAS eigentlich?
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Eintracht-Statistik, Herr Boris oder die Lebelwülstchen – wem diese Kolumne zu abseit(s)ig erscheint, dem widerspreche ich nicht.  Kritik ist mir wichtig. Mit einer Einschränkung. Mit der bin ich ganz nah bei Hansi Hinterseer, einst Weltklasse-Alpiner, heute Volxmusiker: »Kritik akzeptiere ich gerne von Menschen, die auch einmal auf einer Bühne Tausende unterhalten haben und noch den Hahnenkamm runterfahren können« (in Bunte gesagt, in der FAS gelesen). Auch wem da der Hahnenkamm schwillt: Alle anderen mögen für immer schweigen. Also bitte keine Defäkations-Orkane. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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