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Sport-Stammtisch (vom 18. November)

»Ich habe das Gefühl, dass sich die Kosten an den Transfersummen der Profispieler orientieren.« So verulkt unser Leser Heiko Sichau aus Krofdorf nicht den irren Preisschub auf dem Kunstmarkt, sondern er reagiert auf den Quantenhüpfer auf der Frankfurter Rennbahn, wo sich die veranschlagten Kosten der DFB-Akademie von 90 auf 150 Millionen erhöht haben. Wobei diese Zahlen erfahrungsgemäß nach oben offener sind als die auf der Richter-Skala der Seismologen.
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Dass die Kosten galoppieren, liegt angeblich an den Rennbahnbetreibern, die sich auf die Hinterhufe stellen. 60 Millionen für die Anwälte? Zum Wiehern. Aber auf der Fußballer-Skala liegt die DFB-Akademie immer noch bei vergleichsweise günstigen 0,67 Neymar. Der unter den Hammer gekommene Da Vinci, ein echter Hammer, kostet schon rund zwei Neymar, besitzt aber im Gegensatz zum Fußballer nicht mal ein überzeugendes Echtheitszertifikat.
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Von Neymar bis Da Vinci beweist der Markt schlagend, dass Geldwert nur eine lockere Vereinbarung ist. Obwohl sich das gemalte Bild nicht verändert, explodiert der Preis, und genauso kann er wieder implodieren, je nach subjektiver Echtheits-Vereinbarung der Kunstexperten. Aber ich will nicht auf dem philosophischen Flohmarkt stöbern. Heiko Seip bringt mich zurück zum Fußball und macht Laune, denn unser Leser hat den empirischen Beweis gefunden, dass die Frankfurter Eintracht schon lange vor dem Richtfest der DFB-Akademie deutscher Meister sein wird, denn: »’immer’ wenn Italien NICHT bei einer WM dabei war (1958), wurde Eintracht Frankfurt daraufhin deutscher Meister (1959)«.
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Der Titel 2019 ist also sicher, sicherer zumindest als die Echtheit des Da Vinci. Für diese Titel-Verheißung verdient Heiko Seip die gewünschte Belohnung: »… wenn Sie ggf. noch dazufügen könnten, dass ich der ’zukünftige Präsident’ der SG Oppershofen bin, wird dort bestimmt noch ein 50-Liter-Fässchen ’uffgemacht’«. – Voilà, ist erledigt. Na dann Prost!
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Die Bayern schlottern schon. Kein Wunder, dass der FC Bellheim alle seine alten Meister aus dem Keller holt. Und die sind echt und vor allem echt alt! Ihr letzter Da Vinci heißt Müller-Wohlfahrt, und den hat niemand besser beschrieben als der geniale Spötter Hans Zippert: »Der Mann ist ein Schamane. Sein genaues Alter kennt niemand, aber Historiker haben ihn schon auf Wandmalereien identifiziert und als Notarzt bei römischen Gladiatorenkämpfen.« Dass Müller-Wohlfahrt als Klümper-Schüler gilt, ähnlichen Guru-Status genießt wie früher der heute verfemte Freiburger »Doc« und dass er auf das aus Kälberblut gewonnene und sehr umstrittene »Actovegin« schwört, sei da nur am Rande erwähnt. Jedenfalls geht er mit den Fußballern sorgsamer um als Guardiola. Der spielte in München Playstation in echt und nahm keine Rücksicht auf angeschlagene Figuren, was zu einem der zwischenzeitlichen Rücktritte des »Mull« geführt hatte.
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Nun warten wir nur noch auf die Reaktivierung von Lothar Matthäus. Als Spieler. Als Trainer hat er sich ja selbst (den Mund) verbrannt. Schade, denn von allen Fernseh-»Experten« überzeugt er mich mit am meisten. Andererseits: Vor langer Zeit soll er das Kunststück fertiggebracht haben, in einem Satz alle derzeit heiß diskutierten Männer-Delikte unterzubringen. Sportlerinnen soll er, mit entsprechender Handbewegung, zugerufen haben: »Hey, unser Neger hat soo einen Langen!« Belästigung, Sexismus, Rassismus, weißer Minderwertigkeitskomplex und das N-Wort – reife Leistung.
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Oder ein Fake? Weil »Loddar« alles zuzutrauen sei? Dementiert hat er allerdings nie. Auch mein Verdacht verdichtet sich, dass der Tournee-»Gig« von Helene Fischer, in knapp 30 Sekunden eine Maß auf ex zu trinken, ein Fake-Gag sein könnte. Boulevard-Blätter zweifeln schon. Ich auch, wenn ich das Bild sehe, wie sie ein Kilo Bier plus massiven Glashumpen stemmt, ohne dass der Bizeps erkennbar angespannt wird.
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Auf dem Hometrainer werden andere Muskelgruppen gespannt, bei mir aber vor allem die Geduld auf die Folter. Weil ich, wie kürzlich beklagt, vor Langeweile vom Rad zu kippen drohe, erbarmen sich einige Leser und geben gute Tipps (die besten sind in der Online- »Mailbox« nachzulesen. Ich danke Doris Heyer/Staufenberg-Treis, Heinz Wenzel/Lich, und sogar mein alter Kumpel-Kollege »no« gibt aus dem Retiro gute Hinweise).
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Aber niemand hat mir empfohlen, beim Standradeln Sat.1 oder ProSieben zu gucken. Würde ich auch nicht tun, habe ich noch nie getan. Ehrlich! Ich weiß nicht einmal, wo die beiden auf meiner Fernbedienung liegen. Die ersten 18 gehören dort sämtlich zu den Öffentlich-Rechtlichen (ja! Trotz aller Kritik), und dann kommen die Sport-Kanäle. Auch Thomas Ebeling, der Vorstandsvorsitzende von Pro Sieben Sat.1, kann mich nicht locken, denn in einem Hintergrundgespräch, das natürlich öffentlich wurde, hat er seine »Kernzielgruppe« definiert: »Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen.« Der Mann scheint sich schneller aus dem Amt katapultieren zu wollen, als ich nach Einschalten seiner Sender vom Hometrainer fallen kann.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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