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Rehagels Spurillen (“Rück-Blog” vom 16.November)

Im Internet begleitet die Web-Site »Sport, Gott & die Welt« die »Anstoß«-Kolumnen von »gw«. In mehrmonatigen Abständen veröffentlichen wir im »Rück-Blog« kurze Auszüge
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10. September: Kühl, klamm, dunkel. Sommer vorbei. Morgen ist der 11. September. Beliebtes Gesellschaftsspiel: Wo waren Sie …? Ich auf Kreta. Im südöstlichsten Zipfel. Kein Einheimischer nahm groß Notiz vom Weltereignis. Wäre schön, jetzt dort zu sein. Aber mehr, als es uns in die Ferne zieht, zieht es die Ferne zu uns. Denn das Paradies, das sind wir. Für sie.
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24. September: Autofahrers Alptraum: Auf der Autobahn bei Rüsselsheim Stau, ein polnischer Kleinlasterfahrer will den Stau umfahren, wendet (!) und rast zurück. Drei Tote. Der Fahrer überlebt. Da fällt mir der bekannte Theologe ein, der eine Ausfahrt verpasst hatte, rückwärts zurückfuhr, von der Polizei erwischt wurde und keinerlei Unrechtsbewusstsein zeigte. Wichtiger Termin in Sachen Gott, wichtiger Mann unterwegs, da könne der Wichtige auch mal die STVO ändern: Wie ich fahre, ist richtig. Es war aber nicht jener Theologe, der nach einem EM-Spiel behauptet hatte, selbst Pferde träten keinen, der am Boden liegt, nur Kroaten. Der war von der anderen Fakultät.
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25. September: Das Rechtschreibprogramm unterkringelt den »Schiedsrichter« seit Jahren unverdrossen rot als Schreibfehler. Dummer Automat. Das sind so meine Sorgen. Die Welt hat heute andere, vor allem die deutsche Welt. Aber was ist eigentlich passiert? Die Prozentverteilung liegt noch im natürlichen Normbereich von ca. 10 jeweils links und rechts und 80 in der Mitte. Überhaupt scheinen die Befürworter einer hohen Wahlbeteiligung von den Geistern, die sie riefen, irritierter zu sein als ich von den rot unterkringelten Schiedsrichtern. Leute, das war doch klar! Mich wundert nur, dass rechts nicht noch mehr Prozente aufschwollen, nach diesem historischen Fehler der Chefin.
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1. Oktober: Jahrzehntelang habe ich im Kolumnen-Ich als »gw« geschrieben, dessen wahres Ich 99,9 Prozent der Leser nicht kannten. »gw« ist so etwas wie eine Abspaltung, sein Ich eine aus der Realität gespeiste Fiktion. Seit (nach meinem altersgemäßen Abgang) Name und Kopf über Kolumnen, Kommentaren etc. eingeführt wurden (was ich allgemein nicht schlecht finde, speziell für mich aber sehr und daher stets verhindert hatte), vergesse ich oft, dass das Geschriebene dem wahren Ich zugeordnet wird und nicht (wie beabsichtigt) als »literarisches« Ich rüberkommt.
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8. Oktober: Meine alte Vermutung, dass Sport ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist. Aber was ist nicht alles in seiner vitalen Erscheinungsform nur ein Phänomen des 20. Jahrhunderts! Der Sport, die Demokratie, der Kommunismus – und ich.
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18. Oktober: Vorgestern ein Anruf. Sehr netter Mensch vom Zeit-Magazin Mann. Einladung zu einer Veranstaltung rund um die aktuelle Ausgabe, in der ich vorkomme. Rund 200 geladene Gäste. Christoph Amend, der Chefredakteur, möchte auf der Bühne ein Interview mit mir führen. Ich lehne ab. Weil ich glaube, meine Stärken (Schreiben) und Schwächen (Reden) zu kennen. Deshalb sei ich ja auch schreibender Journalist geworden. Der freundliche Anrufer zeigt viel Verständnis. Vielleicht hat er ja eine ähnliche Selbsteinschätzung.
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22. Oktober: Spurillen. Ich bin in keiner gestürzt, sondern über einen Poller, Leser wissen es und fragen mitleidig nach den Folgen. Danke der Nachfragen, alles in Ordnung. Glück gehabt. Im Gegensatz zu einer lieben Freundin meiner Liebsten, die jetzt in einer Spurille gestürzt ist und sich den Kiefer und einen Arm gebrochen hat. Armes Mädchen. Die Spurille ist natürlich eine Spurrille, aber seit ich das Wort zum ersten Mal an einem Verkehrsschild gelesen hatte, war es für mich eine »Spurille« mit Betonung auf der zweiten Silbe, ich rätselte lange, was es bedeutet, dieses Wort, das mich an eine Bakterie erinnerte. Erst spät kam ich auf den Trichter, dass das Schild vor Spur-Rillen auf der Fahrbahn warnt.
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28. Oktober: Gigs. Das Wort, das nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört, hatte ich für den Sport-Stammtisch nachschlagen müssen, wobei mir meine Vermutung bestätigt wurde, dass es unter Künstlern, speziell Pop-Musikern, für »Auftritt« benutzt wird, auch für Teile der Inszenierung. So wäre also das Maß-Trinken der Helene F. als Teil der Inszenierung bei ihrer Tournee ein Gig als Gag. Oder so.
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7. November: Nun beginnt die öde, die radlose Zeit. Mit dem Rad, das nicht fährt, sondern steht. Auf dem Hometrainer vergeht die Zeit derart relativ langsam, dass sie mir absolut langsam erscheint. Ich schaffe auch nur höchstens eine halbe Stunde, um nicht vor Langeweile vom Sattel zu fallen.
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12. November: Muss mal im Archiv nachschauen, ich glaube, in früheren Jahren habe ich Rehhagel dummerweise oft mit nur einem »h« geschrieben, und niemand hat’s gemerkt. (nachgeschaut: In »gw«-Texten tauchen sieben Rehagels auf) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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