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Montagsthemen (vom 13. November)

Zwischen zwei Länderspielen … ab zur Eintracht. Spielt am Samstag in Hoffenheim. Das Dietmar Hopp groß gemacht hat. Zu befürchten sind weitere Unflätigkeiten gegen das Feindbild der Ultras, von diesen radikalen Tugendwächtern des Traditionalismus. Anderswo, in der Hansestadt H. und nicht in der Hopp-Stadt H., hört man wenig von Ultra-Protesten gegen einen millionenschweren Gönner. Der treibt sein willkürliches Wesen in einem der traditionsreichsten Klubs, wirkt aber wie das Zerrbild eines Sponsors. Hopp dagegen ist ein Mäzen alter und bester Schule.
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Leider ein  dünnhäutiger. Statt den Wutsabber der Proleten an sich abperlen zu lassen (nun ja, zugegeben, ein ekliges Bild), geht er juristisch gegen die Krakeeler  vor und wertet sie damit medial auf. Sein Rechtsanwalt will sogar den Anpfiff verhindern lassen, wenn aus dem Gästeblock Beleidigungen gegrölt werden. Juristisch lachhaft, glauben nicht nur Eintracht-Fans. Aber Vorsicht! Der selbe Rechtsanwalt hat vor vielen Jahren den scheinbar unvermeidlichen Frankfurter Abstieg in die dritte Liga verhindert. Nichts ist unmöglich!
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Als Sky-Kunde kann ich das Spiel live sehen. Leider nicht am Freitag das meines zweitbevorzugtesten Klubs. Schon mehrmals in der Saison spielten Eintracht und BVB im schwarzen Sky-Loch. Dennoch zahle ich weiter einen Fünfziger im Monat. Nur für Fußball. Na ja, selbst schuld, wenn ich nicht kündige. Die Zeit ist reif.
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Nicht zornig, sondern traurig verabschiede ich mich von Andrea Pirlo. Ganz leise, fast unbeachtet ist er abgetreten. Löws Schreckgespenst. Aktionsradius kaum größer als ein Bierdeckel, schnell wie eine Weinbergschnecke mit Kreuzbandriss, ausdauernd wie ein kettenrauchender Asthmatiker, aber listig wie ein Fuchs, mit genial hinterlistigem Fuß und cooler als alle Frankfurter Gassenkönige des Gallusviertels zusammen. Apropos Frankfurt: Ex-Trainer Veh meinte einst, Mark Stendera habe das Zeug zu einem wie Pirlo. Zwar hat unser comebackender Jungbart auch ein feines Füßchen, aber da hat Veh ihm einen ziemlich schweren Klotz ans Bein gekettet.
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Letzter Punkt zur Eintracht, ein Sympathiepunkt für Kovac, Vorname Robert: Der Co-Trainer hat vor Monaten bekanntlich einen flüchtenden Räuber verfolgt und gestellt. Er wurde zu Recht für seine Zivilcourage – und Fitness! – gelobt und geehrt. Vor Gericht wiegelte er bescheiden ab: »Wenn er nicht gestolpert wäre, hätte ich ihn wohl nicht gekriegt.« Wie hätte bloß einer wie Trump aufgetrumpft?
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Der beweist wieder einmal, wie vergeblich sich Satiriker an ihm abarbeiten. Ironie zwecklos. Aktuelles Dementi: Seinen koreanischen Kontrahenten würde er »NIE« als »klein« oder »fett« bezeichnen, sondern: »Ich bemühe mich so stark, sein Freund zu sein, und vielleicht wird es eines Tages dazu kommen.« – Unfassbar. Kindischkeit kennt keine Grenzen.
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Ob sie Freunde fürs Leben werden? Wie der Intendant Jürgen Flimm und Otto Rehhagel? Die Theater-Größe und der große Trainer haben mit ihrer ungewöhnlichen Männerfreundschaft schon einige PR-Runden über der deutschen Interview-Landschaft gedreht. Aber was lese ich jetzt im SZ-Magazin? Riesiges Doppel-Interview mit Flimm und Marius Müller-Westernhagen. Über ihre Männerfreundschaft. Also: Flimm und Rehhagel mögen sich. Westernhagen und Flimm mögen sich. Sicher mögen sich auch Rehhagel und Westernhagen.« Das passt! Harmlos freundlich gemeint oder eine Art von bösartigem Induktionsschluss? Jeder nach seinem Geschmack.
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Ich sollte doch unbedingt auch das »dritte Geschlecht« satirisch kommentieren, fordert mich ein Leser auf. Nein. Das mache ich nicht. Im Gegenteil. Ich empfehle in der aktuellen Diskussion den wunderbaren Roman von Jeffrey Eugenides als Begleitlektüre, dessen Titel schon alles sagt –»Middlesex«.
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Die ultragegenderten 60 und mehr Geschlechter sind dekadente Beschäftigungstherapie, das dritte Geschlecht aber ist ein existenzielles Lebensproblem. Da sind Witzchen fehl am Platz. Am einfachsten wäre es, komplett auf offiziell unterschiedene Geschlechter zu verzichten. Jeder ist sowieso seine eigene Klasse. Wie im Sport. Nur hätte der damit ein Problem, ein praktisches. Und die Ultra-Feministinnen ein ideologisches.
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Einfache Lösungen gibt es nicht. Obwohl sogar ein anerkannter psychologischer Persönlichkeitstest von einem simplen Entweder-Oder ausgeht. Dass zum Beispiel einen Menschen »Offenheit« auszeichnet, erkenne man daran, dass er bereit ist, neue Erfahrungen zu machen, statt lieber am Bewährten und Gewohnten festzuhalten. – Nun ja, je nachdem, oder?
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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