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Sport-Stammtisch (vom 11. November)

Ein Fußballspiel, in dem es um nichts geht, der Trainer experimentiert und der Gegner mit einer B-Elf aufläuft … wurde seit Tagen im ZDF als Mega-Hammer-Super-Wahnsinnsding verkauft. Im Trailer, wie diese medialen Marktschreiereien neudeutsch heißen, tönte und dröhnte es großspurig und an jeder sportlichen Wahrheit vorbei, als ob Mini-Trumps ihrem großen Vorbild nacheiferten. Vielleicht war das Spiel ja ein großartiges, spektakuläres, ich weiß es noch nicht, während ich diese Zeilen schreibe. Aber mit Sicherheit konnte es nicht halten, was der Trailer versprach.
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So! Grimmig geht es aber nicht weiter.  Den Anstoß gibt Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim). Sie stieß im Internet auf einen Dialog, der sie »vor Lachen fast vom Stuhl fallen ließ«. Auch Sie werden fast vom Stuhl fallen, vor allem, wenn Sie das Folgende mit dem gestrigen Fußball-Total-Fernsehabend vergleichen. Vorgeschichte: WM-Qualifikationsspiel 1968 auf Nikosia, dort, wo kürzlich die BVB-Krise begann und damals die Zypern-Krise schwelte. Es gab Übertragungsprobleme, die zu einem irrwitzigen Dialog des Moderators im Studio und dem Reporter in Nikosia führten. Ror Wolf, Schriftsteller und Künstler auch in Sachen Fußball, hat ihn dokumentiert (Punkt ist Punkt. Fußball-Spiele. Suhrkamp 1971).
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Ausschnitte: Moderator (Telefon am Ohr): »Hallo!« – Reporter: »Ja.« – M: »Ah, da sind Sie ja. Wie war das Spiel?« – R: »Ich habe Ihre Frage nicht verstanden.« – M: »Meine Frage war, wie war das Spiel?« – R: »Das Spiel?« – M: »Jawohl.« – R: »Welches Spiel?« – M: »Na, ich denke, das Spiel, über das Sie uns berichten wollen, das Länderspiel in Nikosia.« – R: »Was?« – M: »Das Länderspiel.« – R: »Das Länderspiel?« – M: »Ja. Wissen Sie, wie es ausgegangen ist?« – R: »Ich kann es nicht beurteilen , weil ich das Spiel nicht gesehen habe.«
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So geht es weiter hin und her, wir blenden uns aus und steigen im späteren Verlauf des Dialogs wieder ein. Wir schieben einen gut gemeinten, einen sehr gut gemeinten Vorschlag von Ilkay Gündogan dazwischen: Für junge Fußballer sollte es eine Gehaltsobergrenze geben, fordert der Nationalspieler. Schön wär’s, und vor allem sinnvoll. Aber leider, leider … lacht man sich in Katar einen Katarrh. Dann fließen die Fantastillionen eben nicht aufs Gehaltskonto. Berater, Eltern und andere Vertrauenspersonen haben auch ein Girokonto, und offshore gibt’s, wie man nicht erst jetzt weiß, auch eine beliebte Alternative.
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M: »Ich freue mich, dass wir uns jetzt endlich verstehen.« – R: »Was?« – M: »Ich freue mich, dass wir uns jetzt verstehen!« –R: »Was meinen Sie? Ich kann sie nicht verstehen.« – M: »Sie können mich nicht verstehen?« – R: »Doch, ich verstehe Sie gut.« – Sie reden weiter aneinander vorbei. Unterdessen freue ich mich über eine aktuelle Entwicklung. Aus dem Video-Kuddelmuddel kristallisiert sich etwas heraus, was in meine schon ungefähr in der Halb-Zeit zwischen 1968 und 2017 vorgeschlagene Richtung geht: Nicht Video-Beweis, sondern Video-Hilfe für den Schiedsrichter, nur in Ausnahmefällen und mit seiner letztgültigen Entscheidung. Die Zeit zum Video-»Beweis«: »Schon der Begriff führt in die Irre.« Danke.
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Wir springen zum Schluss des denkwürdigen Dialogs:  M: »Und wissen Sie, wie es ausgegangen ist?« – R: »Was?« – M: »Das Spiel, wie ist das Resultat?« – R: »Ich glaube ja.« – Um Sie nicht auf die späte Folter zu spannen: Deutschland gewann. 1:0. Tor in letzter Minute. Natürlich von Gerd Müller. Der auch ein Dichter war, wie seine frühe Autobiographie »Tore entscheiden« beweist: »Ursula, meine Frau, die ja erst 18 Jahre alt ist, macht sich als Hausfrau recht gut. Sie findet allerdings, ich könnte ruhig etwas mehr Ordnung halten.«
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Zwischen Dicht- und Fußballkunst herrschte immer ein reger Austausch. Friedrich Torberg trug das schon in seinem Namen. Aus seinem Gedicht »Auf den Tod eines Fußballspielers«: »Er spielte Fußball, und er wusste / vom Leben außerdem nicht viel. / Er lebte, weil er leben musste, / vom Fußballspiel fürs Fußballspiel.« – Der Österreicher Torberg verewigte allerdings nicht Gerd Müller, sondern Mathias Sindelar. Müller hingegen hatte noch andere Interessen als Fußball: »Wir verstehen uns prima, und sie sorgt wunderbar für mich. Sogar im Essen stimmen wir überein. Vor allem essen wir beide furchtbar gerne Kartoffeln.«
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Manchmal pfuscht der DFB den Dichtern leider ins Handwerk. Als eine hessische (!) Schlagertexterin einen WM-Song schrieb, in dem die Zeile vorkam »Deutschland gewinnt, / wir jubeln allen zu, / hey Philipp das schaffst du!«, grätschte der Verband dazwischen und verbot das Lied, weil »durch die Verwendung der Spielernamen (…) ein direkter Bezug zu einem Produkt des DFB hergestellt wird«. Die Dichterin überarbeitete den Text, die SZ fragte sie: »Was haben Sie verändert?« Antwort: »Statt: ›Wir jubeln allen zu, / Philipp das schaffst du‹ habe ich genommen: ›Wir jubeln allen zu, / wir schießen ihn heut rein.« – SZ (erstaunt): »Das reimt sich ja gar nicht.« – Dichterin: »Stimmt. Das ist nicht mehr so, wie es mal war.«
Ach, nichts ist mehr so, wie es mal war.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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