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Sonntag, 5. November, 6.35 Uhr

Erster Sonntag im November. Vögel gefüttert, dunkel, nass, klamm und kalt draußen. Draußen? Naja , wo sonst? Drinnen etwa? Fängt ja gut an, das Warmschreiben für die Montagsthemen. Hilfreich auch nicht, dass ich als erste Verrichtung des Morgens im Gemeindeblättchen geblättert habe. Das fördert endzeitliche Gedanken, kontraproduktiv für den gewünschten Flow für die Kolumne. Positiv in jedem Fall, obwohl ich als Lebens- und Gesellschaftsbeobachter nur von außen darauf blicke und kaum bis nicht daran teilhabe, welch buntes, reiches Gemeinschaftsleben in der doch größenmäßig ziemlich überschaubaren Großgemeinde mit ihren sechs Dörfchen gepflegt wird. Ich habe mal durchgezählt: In den „Amtlichen Bekanntmachungen“ tauchen  über 50 Vereine und Organisationen auf, vom Angelsportverein bis zu den Zeugen Jehovas. Da muss jeder Klub seine Macher haben, Vorsitzende und Beisitzer und Kassenwarte und Pressewarte und so fort. Kann aus demographischer Sicht nur funktionieren, wenn die Funktionsträger multifunktional funktionieren, denn so viele aktive Bürger, die so etwas können und wollen, kann es kaum geben.

Die Vielfalt in Überschriften, neben zig Veranstaltungen von Sportvereinen oder Kirchen: „Programmbereichsleitung Kulturelle Praxis“ / „Illegal entfernte Kanaldeckel“ / „Senioren-Einkaufsbus“ / „Sprechstunden des Ortsgerichts“ / Müllabfuhrtermine / „Juleica“ / „Angelsportverein Petri Dank“ / „Männerchor der Gesangvereine“ / „Burschen- und Mädchenschaft“ / „Finale beim Würfelturnier“

Hängen geblieben bin ich am Wertstoffhof und seinen Vorschriften, die mich überfordern: „Abgegeben werden können in einer Menge bis zu etwa einem halben Kubikmeter: Altholz aus dem Wohnbereich, kein Außenholz / Bauschutt ohne Porenbeton, ohne Rigips, kein Asbestzement / Metall ohne Glaskartuschen / Kleinfraktionen (Energiesparlampen, PU-Dosen, Montageschaumdosen, Naturkorken) / Hart-Kunststoffe nicht vom Bau, z.B. Regenfass, Bobbycar oder Gartenstühle (keine Verpackungen, kein Kunststoff vom Bau wie Spülkästen, kein Weichplastik wie Gartenschläuche oder Aufblasartikel)“ usw. usw. Porenbeton, PU-Dosen, Aufblasartikel? Was es alles gibt!

Dann die Anzeige: „Meine“ Tankstelle schließt zum 30. November „nach reiflicher Überlegung aus gesundheitlichen Gründen“. Ich kenne den Chef seit über 30 Jahren, habe bei ihm, als er noch Werkstatt und Fiat-Vertretung hatte, meine Autos gekauft, habe über die Jahre hinweg mitleidig miterlebt, wie ihm das Gehen zunehmend schwerer wurde – und jetzt geht es wohl gar nicht mehr. Wieder eine feste Größe im Alltagsleben weggebrochen. Ich wünsche ihm alles Gute.

Im vorigen Gemeindeblättchen schockierte mich eine Todesanzeige. Michael, der Standesbeamte, der uns vor knapp 30 Jahren getraut hatte, ist gestorben. Wir hatten früher zusammen Altherren-Handball gespielt, ich habe ihn oft im Supermarkt getroffen, er war Leser meiner Kolumnen, auch Facebook-Freund, und ich wusste, dass er sich schon seit ein paar Jahren auf den Ruhestand freute. Dann ging er in Rente – und starb wenige Wochen später.

Novembergedanken. Ich muss mich von ihnen lösen, sonst wird’s nichts mit der Kolumne. Vor vielen Jahren hatte ich einmal „Novembergedanken eines Kugelstoßers“ geschrieben, mein erster Beitrag für die Frankfurter Allgemeine, dem weitere folgten, bis ich damit aufhörte, resigniert von der Art und Weise, wie auch die „kluge“ Zeitung mit dem Dopingproblem umging. Aber Schluss jetzt, mir kommt schon wieder ein Fetzen aus früher Germanistik-Zeit in den Kopf: „Kühne Seglerin Phantasie / wirf ein mutloses Anker hie.“ Nein! Kein mutloses Anker! Ich brauche die Phantasie, um durch kühn durch die Montagsthemen zu segeln. Was steht auf dem Zettel von gestern abend? „System?, Trainer? Nein, Einzelvergleich“ Ach ja, damit beginne ich. BVB – Bayern, ein simpler Vergleich sagt mehr als viele Worte. Und sonst? „Video-Hilfe, das Hickhack wirkt wie ein abgekartetes Spiel, um ihn doch noch zu verhindern.“ Außerdem: „Zeus Weinstein, Rassismus aus der Tube,  Friedensnobelpreis gesponsort von der Rüstungsindustrie, Spurrillen.“ Klingt doch schon ganz vielversprechend. Bis dann!

 

 

 

So etwas gibt es in anderen Länder nicht, glaube ich. Von Griechenland weiß ich es. Was hier die Vereine tun, macht dort die Familie.

Baumhausbeichte - Novelle