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Montagsthemen (vom 6. November)

Liegt es am Trainer? Am System? An beidem? Mag sein. Aber wenn, dann nur ein bisschen. Ein Test sagt mehr als tausend flachschürfende Worte: Stellen Sie sich vor, Sie könnten auf dem Bolzplatz Ihre Mannschaft zusammenstellen. Für die vier Positionen in der Abwehr haben Sie die Wahl zwischen Kimmich, Bartra, Süle, Sokratis, Hummels, Toprak, Alaba und Schmelzer. Selbst wenn Sie BVB-Fan wären, stünde kein Dortmunder in Ihrer Elf. Beim Rest Ihres Teams wäre es ähnlich, nur nicht ganz so krass. Noch Fragen?
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Fragen über Fragen zum Video-Durcheinander. Was da Woche um Woche gestückwerkelt wird, wirkt wie die klammheimlich ausbaldowerte Sabotage altvorderer Scheintraditionalisten, um die ungeliebte Objektivierung wieder zu kippen. Dabei wäre alles so einfach: Im Zweifelsfall befragt der Schiedsrichter seine elektronische Hilfe und entscheidet danach alleinverantwortlich. Aber im aktuellen Hin und Her und Hick und Hack stärkt der Video-Assistent die Leistungsfähigkeit des Schieris nicht, sondern enteiert ihn. Hängolin statt Viagra.
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Dagegen steigt die Potenz der Frankfurter Eintracht ganz gewaltig. Nicht wegen des Augenblicks-Glücks in der Tabelle, flüchtig ist der schöne Schein, sondern weil die Deutsche Bank als »Premiumpartner« einsteigt. Lange haben sich die Bosse in den Türmen geziert, doch endlich wächst zusammen, was zusammen gehört. Eintracht Bankfurt.
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Glück, Pech oder konzertierte Aktion, dass gleichzeitig eine juristische »Schlammschlacht« (FAS) der DB mit ihrem Ex-Investitionschef beginnt, in der es auch um das »dunkle Kapitel« geht, »als dem Konzern vorgeworfen wurde, komplexe Papiere an die Kunden verkauft zu haben, während ihre eigenen Banker auf deren Werteverlust wetteten«? Immerhin könnten jetzt Gläubiger einen Teil ihrer Einlagen zurückerstattet bekommen. Allerdings nur ideell. Und das auch nur, falls sie Eintracht-Fans sind.
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In diesen Tagen wurde auch ein anderer Betrug am Kunden bekannt. Der verliert kein Geld, sein Werteverlust ist ideeller Art: Das Preisgeld des Friedensnobelpreises, der in diesem Jahr an Atomwaffengegner ging, »stammt auch von Investitionen in Rüstungsfirmen« (Zeit). Wenn das Leben derartige Holzhammer-Gags schreibt, schweigt selbst der genialst scharfzüngige Kabarettist. Auch unserem Hessen im Himmel fiele da nichts mehr ein. Dass ihn Jüngere gar nicht mehr kennen, ist ein anderes trauriges Kapitel.
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Da fällt mir ein, dass noch eine »Montagsthemen«-Frage beantwortet werden muss: Wer war »Zeus Weinstein«? Der Mann ist noch älter als Matthias Beltz und lebte nur auf dem Papier im »Stern«. Dort schrieb der Karikaturist Peter Neugebauer über »Zeus Weinsteins Abenteuer«, eines Bruders im Geiste unseres Kriminalrats Obermoos aus dem HR-Radio. Und wie hieß ein anderer schlauer »Kriminaler« aus dieser Zeit? Klar: Nick Knatterton.
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»Ja, wo laufen sie denn?« Nein, nicht auch noch diese alte Geschichte. Zurück zum Jetzt und zum Sport. Gestern liefen sie in New York Marathon, ideell dem Terror trotzend, vor allem aber dem inneren Schweinehund. Manche wollen ihn aber gar nicht überwinden, sondern sind selbst solche. In der SZ lese ich von einem heutigen Zeus Weinstein, der Marathon-Betrüger aufspürt. Kürzlich, in Mexico City, enttarnte er unter 28 000 Startern mehr als 5000 Betrüger. Meist sind es Mitläufer im großen Pulk, ihnen geht es nicht um Geld, nicht um Ruhm, sondern meist um Anerkennung im eigenen kleinen sozialen Umfeld. Marathon-»Finisher«? Wow!
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Betrug im Sport hat nur in seltenen, prominenten Fällen mit Doping zu tun, die aber beherrschen die Schlagzeilen. Besonders perfide sind die bisher nur intern diskutierten Methoden im Behindertensport, in dem sich nicht wenige in höhere Schadensklassen hinein manipulieren, um größere Siegchancen zu haben. Selbst im Bridge, im Vorurteil von uns Krimi-Lesern distinguierten englischen Ladies vorbehalten, wird betrogen, was das Zeug hält. Bridge gilt mittlerweile als echter Sport, »ist in Holland so verbreitet wie Skat in Deutschland«, wie uns einmal ein holländischer Leser aus Bad Nauheim schrieb, und zu den offiziellen Bridge-Weltmeistern gehörte auch einer wie der große ägyptische Schauspieler Omar Sharif. Bridge ist also eine ernsthafte Sache, Betrug gilt aber eher als witzige Schummelei, wie jetzt der Fall eines deutschen Duos zeigt, dass sich bei der WM 2013 in Bali durch Husten und Gesten verständigt haben soll und lebenslang gesperrt wurde. Der Fall ist derzeit sogar vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf anhängig. Die Verdächtigen bestreiten Manipulation, sie hätten nur wegen des Klimas auf Bali ständig husten müssen. Dr. Erika Fuchs, deutsche geistige Mutter von Donald Duck, würde in ihrer grammatisch als Erikativ kekannten Art kommentieren: »Hust, Lach, Kotz, Würg!«
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Ob großer Sport oder kleiner, strafbarer Betrug oder »nur« Schummelei: Wer sich  freuen kann über olympische Gold- oder breitensportliche Finisher-Medaille, der ist ein armer Wicht.
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Hoch über allen Wichten dieser Sportwelt, viel höher als seine 2,13 Meter Lebendgröße, thront einer wie der unvergleichliche Dirk Nowitzki. Nach der zehnten Niederlage im elften Spiel seiner Mavericks will er sich und seinen Mitspielern Mut machen: »Es ist zu früh , um schon aufzugeben.« Ein dreifach verräterischer Satz. Wem es »zu« »früh« ist, um »schon« aufzugeben, der hat schon ein bisschen aufgegeben. Meine Losung der Woche, gerne auch für Dirk & Co.: Weder zu, noch früh, noch schon, noch überhaupt aufgeben, sondern: Als weider! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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