Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 30. Oktober)

Heute nichts über den BVB. Sein labiler und naiver Hurra-Fußball wird jetzt von den zuvor ebenso naiven Bewunderern vernichtend kritisiert, da schweigt ein Kritiker der frühen Tage lieber. Wiederholung vorheriger Besserwisserei wirkt auch nicht viel angenehmer als die hinterherige im Mainstream dieser Tage.
*
Fußball, das seltsame Ding. In Partie eins spielten sie in Leipzig so elektrisierend, als hätten alle den Finger in der Steckdose, in Partie zwei zieht der Schiedsrichter in München schon früh den Stecker, und sofort gehen die (Glanz-)Lichter aus. Zwei Fußballspiele wie Tag und Nacht.
*
Weg vom Fußball, hin zu Dirk Nowitzki. Seine Mavericks verlieren Spiel um Spiel, er selbst kann nicht mehr viel dagegen tun, warum tut er sich das überhaupt noch an? Ohne ihn zu kennen, glaube ich, ihn zu verstehen. Als Sportler. Ihm geht es nicht um Geld, nicht um persönliche Rekorde. Er will nur spielen. Die langen Jahre des Nichtmehrspielenkönnens kommen früh genug.
*
Lindsey Vonn will offensichtlich mehr. Mehr Publicity, auch darin ein Gegenentwurf zu Nowitzki. Die alpine Skisaison beginnt, ohne dass der Wunsch der US-Glamourfrau erfüllt würde, im Abfahrts-Weltcup bei den Männern starten zu dürfen. Vermutung: Sie weiß, dass der Wunsch nicht erfüllt wird, und nur deshalb wünscht sie ihn. Hohe Schule der PR-Strategie.
*

Ich würde sie laufen lassen. Nicht aus vorauseilender Schadenfreude, sondern weil ich als bedingungsloser Verfechter chancengleicher Startbedingungen nur deren betrügerische Manipulation verurteile. Aber freiwillig Handicaps einzugehen, vielleicht sogar aus reiner sportlicher Freude, dagegen wäre nichts einzuwenden. Nur umgekehrt würde ein sportliches Kernproblem daraus – wenn ein Abfahrer bei den Frauen starten wollte.
*
Nun behaupten Spötter zwar, im Hochleistungssport der Frauen schon viele Männer gesichtet zu haben, aber auf dieses Glatteis gehe ich heute nicht. Ich rutsche mal auf einem anderen herum. Eine Schauspielerin aus der »Sopranos«-Serie verkündet, auch sie sei vom neuen Hollywood-Bösewicht  Weinstein vergewaltigt worden. Mir ist schleierhaft, warum sich jetzt halb Hollywood als Opfer von Weinstein outet, aber zuvor Jahre und jahrzehntelang geschwiegen hat. Wie auch fast alle anderen Frauen, die über die großen und kleinen Weinsteins der Männerwelt klagen.
*

Mir ist das alles derart fremd, dass mir zu Weinstein immer nur der Vorname »Zeus« einfällt. Hat nichts mit  dem geilen Göttervater zu tun, sondern mit einem Kollegen von Kriminalrat Obermoos. Aber auch den kennt keiner mehr. Oder?
*
Auch ich ärgere mich über so manchen Sexismus. Nur scheint sich niemand sonst darüber aufzuregen. Zum Beispiel über die inflationären Miss-Wahlen. Miss Rollstuhl, Miss Curvy, Miss Urgroßmutter (selbst die Rinderzüchter wählen »Miss Rind«, aber das nur am Rande), oder all diese abartigen Model-Castings – warum begeben sich so viele Mädchen und Frauen freiwillig in die Hände von Juroren und deren persönliche Vorlieben? Vorgeführt, kategorisiert und einsortiert wie »Miss Rind«. Und die kann sich nicht einmal dagegen wehren.
*
Wer einwendet, im Sport sei es doch genauso, siehe Wertungsskandale bei Eiskunstlauf oder Boxen, der hat nur halb recht, denn den (in der Fachsprache:) semiobjektiven Messmethoden liegen immerhin objektive Kriterien zugrunde, wie der Code de Pointage im Turnen. Bei Misswahlen dagegen begibt man bzw. frau sich ganz in die Hände willkürlicher Begutachter.
*
Seit einiger Zeit blickt mir auf dem Weg in die Stadt ein Plakat entgegen: Zwei junge Mädchen ziehen sich aus oder an oder um und gickeln dabei, als wäre es die lustigste Sache der Welt. Die eine zieht die Jeans rauf oder runter und zeigt ihren Slip, die andere zieht die Jeans hoch und nestelt an ihr und um ihren Busen herum. Keine Ahnung, was das soll. Es erschließt sich mir nicht. Zumal es Zigaretten-Reklame ist und keine Utensilien für Spanner anpreist (falls es so etwas gibt, außer Ferngläsern). Vor allem erschließt sich mir nicht, warum ausgerechnet dieser Unsinn in unseren überhitzten Sexismus-Zeiten nirgendwo angeprangert wird.
*
Es gibt nicht nur eine Sexismus-, sondern auch eine Journalismus-Debatte. Stichwort »Lügenpresse«. Dazu die Hammer-Schlagzeile in »Bunte online« über einem Foto von Ana und Bastian Schweinsteiger: »Es ist aus!« Das reicht vielen heute schon als Information. Wer sich dennoch als Netz-Zapper ausnahmsweise die Mühe macht, den Text darunter zu lesen, erfährt, dass Schweinsteigers Klub in den US-Playoffs ausgeschieden ist. It’s the journalism, stupid? (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle