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Sonntag, 22. Oktober, 6.55 Uhr

Spurillen. Ich bin in keiner gestürzt, sondern über einen Poller, Leser wissen es und fragen mitleidig nach den Folgen. Danke der Nachfragen, alles in Ordnung, auch von den leichten Prellungen ist nichts mehr zu spüren. Glück gehabt. Im Gegensatz zu einer lieben Freundin meiner Liebsten, die jetzt in einer Spurille gestürzt ist und sich den Kiefer und einen Arm gebrochen hat. Der Kiefer ist verdrahtet. Armes Mädchen. Die Spurille ist natürlich eine Spurrille, aber seit ich das Wort zum ersten Mal an einem Verkehrsschild gelesen hatte, war es für mich eine “Spurille” mit Betonung auf der zweiten Silbe  (im Schreibsystem des Blogs finde ich kein Akzent-Zeichen, Sie müssen es sich denken), ich rätselte lange, was es bedeutet, dieses Wort, das mich an eine Bakterie erinnerte. Erst spät kam ich auf den Trichter, dass das Schild vor Spur-Rillen auf der Fahrbahn warnt.

Noch ein gelöstes Rätsel am frühen Sonntagmorgen: Als erste Verrichtung des Tages (nee, als zweite …) las ich im Kicker ein Interview mit dem überaus sympathischen spanischen Trainer Vicente del Bosque, der als Jugendlicher Real Madrids “Generation Ye-Ye” (jeweils mit Akzent über dem e/siehe oben) als Vorbild hatte und anfügte, der Name sei “abgeleitet von dem Beatles-Schlager”. Was? Gibt es einen Beatles-Titel, den ich nicht kenne? Kann nicht sein. Aber wozu gibt es Wikipedia. Mal schnell reinklicken und kopieren:

Der Name leitet sich vom englischen Ausruf Yeah ab, der in der englischen Beatmusik, etwa in dem Beatles-Song She Loves You, ein beliebtes Füllselwort darstellte. Dem yéyé werden im weiteren Sinne Popsänger verschiedener Stile zugeordnet, darunter Rocker wie Johnny Hallyday, daneben auch Richard Anthony, Frank Alamo und Jacques Dutronc.

Aha. Alles klar. Sogar den Akzent schenkt mir Wikipedia beim Kopieren, ich könnte ihn jetzt über die fehlenden über “i” und “e” oben weiter kopieren, aber das ist mir im Flow des Blogschreibens zu mühsam, als weider, als weider schreiben.

Del Bosque sinniert auch über die “Ungeheuerlichkeiten” der Ablöse-Fantastillionen, aber dabei kam mir ein kleiner, nagender Gedanke in den Sinn, den ich noch nicht zu Ende gedacht habe, der aber unfertig in meinem Kopf rumort: Dass Geld einen Wert besitzt, ist nur eine unverbindliche Vereinbarung, die nur verbindlich wird, wenn sich alle daran halten. Katar könnte man dankbar sein, dies im Freilandexperiment zu beweisen. 200 Millionen für einen Jungen auszugeben, der mit einem Ball spielen kann, zwar besser als andere Jungs, aber eben nur mit einem Ball, das beweist doch nur die These von dem realen Nicht-Wert des Geldes, dessen Wert eine bloße irreale Übereinkunft ist. Überhaupt zeigt ja auch die Inflation, jene in den Zwanziger Jahren, in denen ein Pfund Butter eine Million kostete, und jene in unseren Tagen, in denen ein Fußballer 200 Millionen kostet, dass Geld nur einen imaginären Wert besitzt. …

Ich habe den Flow für einen Moment brutal gestoppt, denn ich erinnerte mich an ein gestern gelesenes Interview, habe es aus dem “Gelesen”-Stapel rausgesucht, noch mal gelesen, und jetzt geht’s weiter:

… Interview in der Zeit mit dem Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger, der ein Buch über den “Datenkapitalismus” geschrieben hat. Er spricht in dem Interview über den Rohstoff der Daten, diese seien das neue Geld, das alte, das Geld, das noch unser Bezugssystem ist, verliere immer mehr an Wert (aha! Das hatte ich wohl noch im Kopf, daher die Assoziation über Del Bosque über Katar zum Nicht-Wert des Geldes!) Zitat M.-Sch.: “Es gibt unglaublich viele Menschen, die unglaublich viel Geld ausgeben, um Werbung bei Google zu schalten. Und die Frage ist, ob die ihren eingezahlten Wert auch wieder herausbekommen.” Nee, das ist nicht die Frage, sondern die Antwort. Was sie herausbekommen, ist vergleichsweise noch weniger wert als das, was 200 Millionen wert sind, wenn sie in einen Kicker investiert werden. Das ist die Werbe-Blase, die platzen wird, mit größerem Knall und größerem Nachhall als die geplatzte  Finanz-Blase. Allerdings ist das mein Reden seit Jahren, aber sie platzt einfach nicht. Noch nicht.

Der veränderte Wert des Geldes, über ihn nachzudenken, könnte depressiv machen. Zum Beispiel, wenn man den Gedanken zu Ende denkt und daran, wozu man überhaupt Geld fürs Alter sparen sollte (was ja immer noch fast alle tun), wenn doch klar scheint, dass Geld keine Alterssicherung mehr bedeutet. Beispiel von M.-Sch., der auf die Frage, wie man als normaler Mensch  in diesem Szenario seine Zukunft sichern soll (“Was soll ich ansparen?”) antwortet: “Mich.” Erläuterung: “Jemand, der 85 ist, kann im Gespräch seine Erfahrungen weitergeben” und damit “neue Datenrohstoffe schaffen”.

So gesehen bin ich der Pionier des neuen Geldes. Ich gebe schon 15 Jahre früher meine Erfahrungen weiter, gesprächsweise hier im Blog, und auch ich bekomme kein altmodisches Geld dafür, sondern … nichts. Ja, gut, manchmal ein Schulterklopfen, zum Glück selten einen Tritt in den Hintern, aber ansonsten … nichts. Daten sind das neue Geld? Daten sind das neue Nichts.

Liebe Blog-Leser, Sie sehen, das Thema rumort in meinem alten frühmorgendlichen Kopf, es rumort und klapppert und knirscht, daher, bevor es zu schräg wird, mache ich Schluss, verscheuche auch die zugehörigen depressiven Gedanken und pflanze schnell mein ganz persönliches Apfelbäumchen: Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss.

Baumhausbeichte - Novelle