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Sport-Stammtisch (vom 21. Oktober)

Endlich! Die Erfolgsformel ist gefunden. Dass Fußball »vorwärts gespielt und rückwärts verstanden« wird (Jessica Kastrop/Sky), diese scheinbar gesicherte Erkenntnis gilt nicht mehr. Die Süddeutsche kündigt die Sensation auf Seite 1 an: »Ist doch ganz einfach: Warum Heynckes’ Bayern wieder gewinnen.« Elektrisiert blättern wir zur Seite 33, und da ist sie, »die unwiderstehliche Einfachheit des Seins: Thomas Müller stärken, Sven Ulreich loben, Eckbälle üben und streng nach Hierarchie aufstellen.«
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Ach so. Ist doch wirklich ganz einfach. Das kann ich auch. Warum die Eintracht heute gegen Dortmund verliert: Der BVB ist individuell eindeutig besser besetzt, da besteht ein Klassenunterschied, seinem Sturm und Drang kann die limitierte Eintracht nicht standhalten, zumal der Gegner mit wilder Wut die Schmach von Zypern vergessen lassen will.
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Ist doch wirklich ganz einfach. Das kann ich auch. Warum die Eintracht heute gegen Dortmund gewinnt: Der BVB hat kein austariertes Gefüge, profitiert nur vom leichten Liga-Auftaktprogramm, kommt demoralisiert nach Frankfurt und trifft dort auf einen Gegner ähnlicher Bauart wie auf Zypern, mit ausgebufften, abgezockten Profis aus aller Welt, die das Beste aus ihren limitierten Fähigkeiten machen – unbequem, kompakt, lästig, hartnäckig, bissig … und manchmal auch ein bisschen »gemein«. Im Boxen nennt man solche Gegner »Stinker«. Und das wird dem BVB mächtig stinken.
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Noch bin ich nicht so weit wie die SZ, um zu wissen, welche der beiden Varianten eintrifft. Ich bin noch … unentschieden? Auch ob die SZ mit Heynckes den Stein des weisen Jupp gefunden hat, wird sich erst nach den Spielen gegen Leipzig, Dortmund und Paris ansatzweise und endgültig nach dem Winter zeigen.
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Verzeihen Sie bitte die Ironie zu Beginn. Die ist sowieso out. Um in unserer postironischen Zeit auf die Höhe der Zeit zu kommen, lese ich dort eine tiefschürfende Analyse des modernen Fußballs, geschrieben von Hans Ulrich Gumbrecht, »Literaturwissenschaftler, Professor in Stanford und Fußballfan«. Sein Fazit: Die Dimensionen im Weltfußball seien absurd und reizvoll zugleich. Sie böten ein großes Spektakel, das kleinkarierte kapitalistische Biedermänner wie Hoeneß und Watzke den deutschen Fans vorenthalten wollen. Überhaupt scheint »bieder« Gumbrechts Lieblingswort zu sein: Hoeneß’ »Biederkeit schlägt selbst die von Watzke«, und der deutsche Fan an sich hänge immer noch an der »biederen Einschätzung« vom Fußball als schönster Nebensache der Welt, statt den »exponentiell gestiegenen Stellenwert des Fußballs« in seinen neuen Dimensionen zu genießen. – Na ja, ich kenne viele deutsche Biedermänner, aber selbst der biederste von ihnen dümmelt nicht mehr über die »schönste Nebensache der Welt«.
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Der deutsche Fußball, so Gumbrecht, krankt daran, dass er den Wert einzelner Spieler nicht »im Kontext des Gesamtspektakels« anerkennt, sondern nur im »engeren Rahmen mit Blick auf seine Funktion innerhalb einzelner Mannschaften« bemisst. So was aber auch!  Doch der hochintellektuelle Fußball-Analytiker hat natürlich recht. Bis zum Beweis des Gegenteils. Zum Beispiel, wenn biedere Bayern die Champions League gewinnen, Ronaldo Neymarmessis Fantastillionen in Fußball-Invalidität verschwinden (bitte nicht!) oder aber, realistischer, die Spektakel-Blase implodiert und mit ihr der FC Katar Paris & Co (bitte ja!).
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Die Faszination des Fußballs liegt nicht an seinen  zirkulierenden Millionensummen, sondern an seinen Millionen von Menschen, die sich an ihm abarbeiten, von großen (Gumbrecht) bis zu kleinen (»gw«) Denkern. Das Schöne daran: Wir haben alle recht. Und singen mit Pippi Langstrumpf das Erkennungslied der Fußball-Versteher: Wir machen uns die Welt / Widdewidde wie sie uns gefällt.
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Ich erhebe wie immer keinerlei Anspruch auf Gewissheit dessen, was ich hier  von mir gebe. Was weiß denn ich? Weniger als ein Hund. Das ist  das Ergebnis meines Lernversuchs, mit Hilfe von »Einsteins Hund – Relativitätstheorie (nicht nur) für Vierbeiner« (Chad Orzel/Springer) die bekannteste Formel der Wissenschaftsgeschichte ansatzweise zu verstehen. Ich scheiterte schon an den Vorübungen, den Bewegungsgesetzen von Newton. »Nach einem zentralen Stoß zwischen einem bewegten und einem ruhenden Objekt gleicher Masse bleibt das bewegte Objekt stehen und das ruhende bewegt sich mit der gleichen Geschwindigkeit und Richtung weiter wie das Objekt, das sich vorher bewegt hat.« Idealtypisch zu sehen beim Billardspiel. Aber kommt da die Kugel wirklich abrupt zum Stillstand, wenn sie mit Karacho auf eine liegende stößt? Sagen wir, mit 200 km/h?
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Für mich noch komplizierter wird es, wenn zwei bewegte Objekte aufeinandertreffen. Und damit zum sportlichen Zweck der Übung, einem »schönen physikalischen Partytrick«. Da jeder anständige Mittelhesse einen Hand- und Basketball im Schrank hat (in Bad Nauheim auch einen Puck, aber den brauchen wir nicht), können wir heute Abend mit diesem Trick auftreten: Einen Handball auf einem Basketball übereinander auf den Boden fallen lassen, dann fliegt der Handball, vom aufprallenden Basketball getroffen, mit seiner Anfangsgeschwindigkeit plus der des Basketballs hoch in die Luft. Glauben Sie’s? Versuchen Sie’s.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle