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Dienstag, 17. Oktober,10.00 Uhr

Fünf-Flüsse-Tour, vor zwei Jahren, zwischen Nürnberg und Regensburg, mit Tour-Leitern vom ADFC Wetzlar. Da lernt man korrektes Fahren in der Gruppe. Vorne, bei Überquerung einer Kreuzung, gibt es das Kommando “Frei!”, das jeder seinem Hintermann zurufen muss.  Kommt jemand auf dem Radweg entgegen, muss mit der linken oder rechten Hand, je nachdem, nach hinten das Signal gegeben werden, am Rand zu fahren. Oder die Poller, die oft auf Radwegen stehen. “Vorsicht Poller!”, muss jeder rufen. Bei einer Gruppe von 20 und mehr ergibt das einen seltsamen Chor. Na ja, da macht man buchstäblich was mit, denn das fühlt und hört sich doch etwas übertrieben an.

Vorgestern auf dem Radweg von Rödgen nach Hause. Früher Abend, tolles Abendrot. Aber trotz Sonnenbrille starke Blendung. Plötzlich hebt’s mich katapultartig aus dem Sattel, ich fliege kopfüber den Lenker und krache auf den Asphalt. Und in dem Moment begreife ich: “Vorsicht Poller!” Volle Kanne dagegen gekracht. Einigermaßen glimpflich abgegangen: Rippenprellung, Handgelenk verstaucht, Schulter-Aua. Ich finde, dennoch eine zu harte Strafe für meine ironische Verachtung der “Vorsicht Poller!”-Übervorsichtigkeit.

Am Rande: Eine kleine Menschengruppe hat zugesehen. Frauen schreien auf. Hätte schrecklich ausgesehen, sagen sie später. Männer eilen zu Hilfe. Aber ich fühle mich okay. Nur das Rad fährt nicht, Hinterrad blockiert. Irgendetwas mit dem Gepäckträger. Minutenlang werkeln sie daran, schrauben den Gepäckträger los und leicht versetzt wieder dran, kümmern sich um mich, fragen immer wieder, wie’s mir geht. Lassen mich nur mit Bedenken weiterfahren, ein tolles Zeichen mitmenschlicher Solidarität und Hilfsbereitschaft. Ich bin dankbar für und auf unsere deutsche Gesellschaft.

Sie sprachen deutsch. Aber unüberhörbar mit migrantischem Einschlag.

Baumhausbeichte - Novelle