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Sport-Stammtisch (vom 14. Oktober)

Letzte Woche: »Mit Tom Petty starb einer der Großen der Rockmusik.« Diese Woche: Mit Jupp Heynckes feiert einer der erfolglosesten deutschen Fußballtrainer sein Comeback. Ja! Man darf nur das kleine Wörtchen »mit« nicht missinterpretieren. Also: Meines Wissens ist vorige Woche kein anderer Rockstar außer Petty gestorben, aber diese Woche feiert zusammen mit Heynckes noch ein ganz anderer Typ sein Comeback. Allerdings nicht in München, sondern im Ederbergland.
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Warum gibt Mario Basler ein Trainer-Gastspiel bei Rot-Weiß Frankfurt? Zwar ein heimeliger Hessenligist, aber beheimatet im Moloch Großstadt, einem Schmelztiegel der Kulturen obendrein. Und Basler schwebte doch schon, als er noch übersichtlicher wohnte, in ständiger Lebensgefahr: »Ich muss doch damit rechnen, dass mich einer wegen Geld umbringt.« Der Mörder lauere schließlich hinter jeder Tür: »Bei unseren Nachbarn, zwei Häuser weiter, wurde gerade versucht einzubrechen.«
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Den Ausschlag gab vermutlich die Sprache. Im Kader von Rot-Weiß finden sich zwar viele fremdländisch klingende Namen von Elvir Smajlovic bis Ibrahim Cigdem, aber keiner, bei dem Französisch als Muttersprache befürchtet werden könnte. Denn einst klagte Basler über zu viele Franzosen in seiner Mannschaft: »Ich lerne nicht extra französisch für die Spieler, wo unsere Sprache nicht mächtig sind.« Sollte bei Rot-Weiß dennoch einer im Kader stehen, wo unsere Sprache nicht mächtig ist, dann lernt Mario dem das!
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Mal ernsthaft: Das Trara, das um Baslers Einstieg in die Fünftklassigkeit gemacht wird, als predige nun der Papst am Brentanobad, ist eine Missachtung der Kompetenz von Trainern in dieser Liga. Auch in der fünften Klasse müssen sie ein Anforderungsprofil erfüllen, wo einem wie Basler nicht unbedingt zuzutrauen ist.
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Jupp Heynckes ist natürlich einer der erfolgreichsten deutschen Trainer aller Zeiten, das muss auch der nachtragendste Eintracht-Fan zugeben. Ich habe sogar eine Gemeinsamkeit mit ihm, die mich in diesen Tagen auf mysteriöse algorhythmische Weise eingeholt hat. Aber von vorn: Dirk Nowitzki postete vor ein paar Tagen bei Twitter ein »Ekel-Foto« (Bild online) des Großzehenschiefstandes (»hallux valgus«) von Dallas-Cotrainer Darrell Armstrong, bei dem der große Zeh seinen Nachbarn (wie nennt man den? Zeigezeh?), schon komplett nach oben weggedrängt hat, was nicht nur eklig, sondern auch wie eine unanständige »Handbewegung« des Fußes aussieht. Und was ploppt seitdem immer wieder auf meinem Bildschirm auf? Werbung für »Halluxwonder«, eine Art Überzieher, der den großen Zeh vom falschen Kurs abbringen soll. Und nun raten Sie mal, was ich mit Heynckes gemeinsam habe …
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Großzehenschiefstand kann davon kommen, dass man zu oft auf High Heels unterwegs war. Eine geheime Leidenschaft, der schon ein weltberühmter US-Filmstar frönte, der gerne inkognito nach Paris flog und dort in Frauenkleidern und auf Stilettos über die Champs Elysées stöckelte. Ich mag ja auch High Heels. Sehr sogar. Aber … ich schwör’s! Auch für Heynckes lege ich unbesehen meinen Fuß ins Feuer.
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Wenn wir schon bei schrägen Geschichten sind, will ich auch die von jenem Harry Pfeil zu Ende erzählen, der 1988 vorgab, der DDR-Nationalspieler Konrad Weise zu sein (siehe »Der doppelte Konrad« vom Donnerstag). Der Hochstapler meldete sich ein paar Monate später wieder. Er habe es nicht böse gemeint, zur Wiedergutmachung wolle er uns brisante Geheimpapiere schenken. Der Kollege, der auf ihn hereingefallen war, lehnte in panischem Schrecken jegliche neuerliche Kontaktaufnahme ab. Ich dagegen war neugierig und traf mich mit Harry Pfeil in einem leicht heruntergekommenen Gießener Bahnhofshotel. Das Geschenk erwies sich als handgeschriebenes Protokoll einer Sitzung des DDR-Fußballklubs Motor Plauen, in der die Forderung der SED-Bezirksleitung diskutiert wurde, »das Punktspiel gegen den FC K. M. Stadt so zu bestreiten, dass das Leistungsziel des Bezirkes K. M. Stadt, Aufstieg seines Leistungszentrums in die Fußballoberliga, nicht infrage gestellt wird.«
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Handschriftliche Aufzeichnungen eines Hochstaplers ? Mit spitzen Fingern weg damit. Zusammen mit einem zweiten Geschenk von Harry Pfeil, autobiographischen Notizen. Auszüge: »Sept. 77: Zürich, Verurteilung wegen Betrugs / Dez. 79: Frankreich, Schießerei, Möbeldiebstahl, 18 Monate Urteil in Abwesenheit / Mai 82: Trainer bei Spvgg. Starnberg, gefeuert wegen Verhältnis mit einem Spieler / Sept. 83: Flucht nach Griechenland / Verhaftung, Geld gestohlen, Absetzen nach Italien / Auto geklaut, Co-Trainer bei Admira Wacker, Scheckbetrüge, Identitätswechsel« und schließlich: »17. 1. 88: Flug Cagliari – Rom – Frankfurt. Notaufnahmelager.« – Und dann kamen wir ins Spiel . . .
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Wo der seltsame Hochstapler heute abgeblieben ist, weiß ich nicht. Der echte Konrad Weise aber lebt noch heute auf dem Boden der ehemaligen DDR, den er als Fußballer und als Trainer (u.a. der jungen Talente Bernd Schneider und Robert Enke) nie verlassen hat. Dass Harry Pfeil uns und andere derart zum Narren halten konnte, lag an einer Verkettung rein deutscher Umstände. Nur damals war es möglich, dass ein Herr X sagt, er sei Herr Y und geflüchtet, und schon bekommt er Aufenthaltsgenehmigung, Geld und einen Pass als Herr Y …
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Blöde Bemerkungen zur Gegenwart lasse ich, mein Grinsen beim Schreiben sieht man nicht. Zu guter Letzt: Robert Lewandowski ist Bachelor. Er hat sein Studium an der Sporthochschule in Warschau mit Bestnote abgeschlossen. Thema seiner Abschlussarbeit: »RL9. Der Weg zum Ruhm«. Also ein Aufsatz von ihm über sich. Hoch wissenschaftlich. Aber nur Bachelor? Letzte Meldung: An der Universität seiner Heimatstadt Funchal auf Madeira wurde Cristiano Ronaldo mit Erfolg zum außerordentlichen Professor habilitiert. Titel seines Werks: »CR7 – Warum ich so ein toller Kerl bin.«  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle