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Der doppelte Konrad (WBI-Auflösung vom 12. Oktober)

»Ich bin zwei.« Der wichtigste Tipp stand schon in der Überschrift. Daher: »Der gesuchte Nationalspieler und Olympiasieger der DDR ist Konrad Weise. Meinen Informationen nach ist er nie geflüchtet aus der DDR. Ein Hochstapler, der sich Harry Pfeil nannte, gab sich als DDR-Altinternationaler Konrad Weise aus.« (Ludwig Dickhardt). »So gibt auch ›Ich bin zwei‹ einen Sinn, und auch der Satz ›Aber glauben Sie bitte nicht alles‹«. (Klaus-Dieter Willers)
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Eine völlig irre Geschichte. Rückblende, 1988: Stolz auf die eigene Zeitung, aber auch ein wenig neidisch, kam ich nach ein paar freien Tagen in die Redaktion und gratulierte den Kollegen. Ihnen war ein Coup gelungen, von dem jeder Journalist träumt. Vierspaltig fette Schlagzeile am 21. Januar: »Wieder ein hochkarätiger DDR-Internationaler geflüchtet« . . . und wir hatten die Geschichte exklusiv! Sensationell. Konrad Weise, eine Fußball-Ikone der DDR, war über Spanien nach Mittelhessen geflüchtet, direkt in unsere Arme. Ätsch, Bild-Zeitung! Aber merkwürdig, der zuständige Kollege verkroch sich fast in seinen Schreibtisch, deutete, hilflos achselzuckend, auf eine Agenturmeldung vom Tage: »DDR-Medien dementieren Flucht von Konrad Weise.« Au weia. In den folgenden Tagen ging es drunter und drüber. Wir blieben – wer glaubt schon der DDR – zunächst bei unserer Supermeldung, bis sie sich schließlich endgültig als gigantische »Ente« erwies.
Ich versuchte, das Verwirrspiel zu entwirren. Überschrift: »Eine Verkettung rein deutscher Umstände.« – Und die begann so: Beim deutschen Konsulat in Cagliari auf Sardinien meldet sich ein Mann mit sächsischem Zungenschlag. Er sei Konrad Weise, ehemaliger Fußball-Nationalspieler der DDR, Mitglied des Trainerstabes, und er habe ein Trainingslager auf Gran Canaria zur Flucht genutzt. Auf Grund dieser Behauptung erhält der Mann eine vorläufige Identitätsbescheinigung des Konsulats und ein Darlehen, um vorerst über die Runden und in die Bundesrepublik zu kommen. Ein übliches Vorgehen. Der neue Bundesbürger Konrad Weise kann mit gültigen Papieren und komfortablem Taschengeld in die Bundesrepublik einreisen. Ausstaffiert mit den Cagliari-Dokumenten, findet er sich im zentralen Aufnahmelager in Gießen ein und bekommt die vorläufige Identitätsbescheinigung dieser Behörde. Mittlerweile doppelt nachweisbar identifiziert und legitimiert, stellt Konrad Weise den Antrag auf Ausstellung eines vorläufigen Bundespersonalausweises. Dies geschieht bei der Gemeinde Hüttenberg, in der er vorerst Unterkunft gefunden hat. Die Gemeinde gibt den Bundespersonalausweis aus, ausgestellt mit den Daten, die der Mann mit dem sächsischen Zungenschlag in Cagliari angegeben hatte. Nun meldet sich »Konrad Weise, ehemaliger Fußball-Nationalspieler der DDR und jetzt Mitglied des Trainerstabes«, telefonisch bei unserer Sportredaktion. Die Affäre kommt ins Rollen, und aus Konrad Weise scheint ein ehemaliger DDR-Agent namens Harry Pfeil zu werden.
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So weit, so schlecht, so peinlich. Aber es kam noch ein Nachschlag: Der Hochstapler meldete sich später wieder. Er habe es nicht böse gemeint, zur Wiedergutmachung wolle er uns brisante Geheimpapiere schenken … aber das ist eine andere irre Story, vielleicht erzähle ich sie am Samstag im »Sport-Stammtisch«.

Kein Wunder, dass selbst gestandene WBI-Könner an Harry Pfeil scheiterten, zumal er selbst in den Tiefen des Internets kaum noch zu finden ist. Um so bemerkenswerter, dass diese elf Leser dem doppelten Weise auf die Spur kamen: Thomas Buch (Friedberg), Ludwig Dickhardt (Bad Vilbel), Michael Jungfleisch-Drecoll (Düsseldorf), Dieter Neil (Großen-Buseck), Klaus Philippi (Staufenberg-Treis), Karola Schleiter (Florstadt), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Paul-Gerhard Schmidt (Mücke-Nieder-Ohmen), Jochen Schneider (Butzbach), Manfred Stein (Feldatal), Klaus-Dieter Willers (Hungen) – 1 Punkt: Jost-Eckhard Armbrecht (Großen-Buseck), Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim), Peter Hett (Bad Nauheim), Walther Roeber (Bad Nauheim), Jens Roggenbuck (Staufenberg-Mainzlar), Horst-Günter Schmandt (Pohlheim).
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In der vorläufigen Jahresrangliste 2017 führen Thomas Buch, Ludwig Dickhardt, Michael Jungfleisch-Drecoll, Dieter Neil, Klaus Philippi, Karola Schleiter, Rüdiger Schlick, Paul-Gerhard Schmidt, Jochen Schneider und Klaus-Dieter Willers gemeinsam mit je sechs Punkten. Eine alphabetische Liste mit allen Teilnehmern, die in 2017 bisher mindestens drei Punkte gesammelt haben, ist im Internet (Adresse siehe unten) nachzulesen, (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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