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Sonntag, 8. Oktober, 6.45 Uhr

Unter den Meldungen der Nacht nur eine von dpa notiert: Ein Tintenfisch war vor etwa 200 Millionen Jahren die letzte Mahlzeit im kurzen Leben eines Fischsauriers. Was wir alles wissen können! Dann ein Interview gelesen und darüber sinniert (daher die Viertelstunde Verspätung im Sonntagumhalbsiebenuhrmorgensblog). Die Welt befragt Ewald Lienen, ganzseitig. Lienen, jener Fußballer, der einst den Schweinemarkt Fußball beklagte und bis heute sein oberklassiges Geld in jenem Schweinemarkt verdient, der schweinemarktmäßiger denn je ist. Nein, quatsch, im Schweinemarkt kann man bei weitem nicht so viel Geld verdienen wie im Fußball. Nein, noch mal quatsch – auch der Schweinemarkt hat sich vom Hausschlachten zum Turbokapitalismus entwickelt, siehe Tönnies. Langsam sollte ich mich zusammenreißen und nicht nur beim Blogschreiben denken, sondern schon vor dem Schreiben. Obwohl der Blog nur Aufwärmprogramm für die gleich zu schreibenden Montagsthemen ist. Ich vergesse dabei aber immer, dass der Blog (ich weiß, ich weiß, “das Blog”, aber nicht bei mir, aus purem Trotz) bis in alle digitale Ewigkeit zu lesen sein wird, die Zeitung von morgen, die ich heute schreibe, aber übermorgen schon vergessen sein wird.

So, jetzt aber etwas strukturierter: Das Länderspiel beginnt erst heute abend und ist sowieso unwichtig, Vettel fährt schon gleich los, ist aber außer seiner Hessischkeit kein “Anstoß”-Thema (weil mich Autorennen genauso interessieren wie Autos, also gar nicht. Mein ständiger Albtraum: Ich bin Zeuge in einem wichtigen Prozess und soll das Auto des Verdächtigen beschreiben. Außer der Farbe und dass es ein Pkw und kein Lkw ist, könnte ich nichts beitragen, es  sei denn, es ist ein Käfer oder ich sehe einen Mercedes-Stern. Da der Richter mir nicht glaubt, denkt er, ich sei ein Komplize und buchtet mich ein). … Wie weiter? Wollte ich nicht etwas strukturierter werden? Noch ein Versuch: Weder Löw-Fußball noch Vettel-Fahren  kommen für die Kolumne in Betracht, Leichtathletik ist längst in der Winterpause, auch sonst wenig los im Sport, worüber schreibe ich? Auf dem Zettel stehen Rohr und Skibbe, Lindsey Vonn  … das war’s auch schon. Das Lienen-Interview könnte der Ausgangspunkt werden. Schnell ein Satz auf den Zettel: Der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen. Lienen ist ein Mensch. Lienen ist widersprüchlich. Ist das ein Deduktionsschluss? Oder ein Induktionsschluss? Weiß mein Kopf so früh am Morgen noch nicht. Lienen sagt vieles, zu dem ich zustimmend sage: ja, klar. Und manches, zu dem ich nur sage: och joo?

“Wir haben eine Art von Kapitalismus zugelassen. der rücksichtslos durch die Welt marschiert und jetzt auch im Fußball angekommen ist.” – Ja, klar.

“Ich habe das oft Raubtierkapitalismus genannt.” Welt-Zwischenfrage: “Stammt der Vergleich von Ihnen?”  Lienen: “Ja.”  – Och joo? Lienen hat  das Wort vom Raubtierkapitalismus erfunden? Ich dachte, der einzige nachweisbare Erfinder eines tierischen Kapitalismus-Vergleichs wäre Müntefering mit seinen Heuschrecken.

Lienen setzt noch einen drauf: Das Raubtier Kapitalismus würde uns schon längst verschlungen haben, gäbe es nicht jene Weltenretter, die jetzt sogar Merkel retten wollen/sollen: “Wenn die Grünen nicht gekommen wären, könnten wir jetzt schon den Laden dicht machen.” Am grünen deutschen Wesen muss die Welt genesen!

Immerhin distanziert sich Lienen von Gewalt, was sein Klub vor, bei und nach G20 nicht getan hat, zumindest nicht so deutlich, dass ich es gehört hätte: “Wenn dann noch Leute zur Gewalt aufrufen und somit jegliches linkes Gedankengut beleidigen, dann haben wir den Gipfel der Lächerlichkeit erreicht.”

Lienen kann auch witzig. Über seine Manie, alles und jedes in seinem Notizbuch aufzuschreiben: “Das schafft eine Ordnung im Kopf. Ich funktioniere visuell. Das, was ich aufgeschrieben habe, brennt sich bei mir bildlich ein. Wie zum Beispiel Ihr Bild jetzt, wie Sie hier vor mir sitzen, mit ihrer gelbschwarzen Baseballmütze, mit der Sie für meinen Geschmack voll danebenliegen (lacht). Das werde ich auch immer mit diesem Interview in Verbindung bringen. Es kann sein, dass ich Ihren Namen vergesse, aber nicht dieses Bild.” – Sehr hübsch. Das “(lacht)” taucht übrigens in letzter Zeit vermehrt  in Interviews auf, als ob man den Leser in postironischen Zeiten mit der Nase darauf stoßen müsse, wenn der Interviewte etwas nicht ganz ernst gemeint hat. Wie hier: “… sind viele unserer Spieler beim FC St. Pauli sehr aktiv und kümmern sich um soziale Projekte. Im Übrigen habe ich grundsätzlich nur Leute aufgestellt, die politisch korrekt waren.” (lacht)

Fußball, Schweinemarkt … dazu meine alte Vermutung, dass Sport ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist, dann die Welt, in der wir leben, unsere gemütlich-westlich-demokratische, die zur weitergehenden Vermutung führt, dass auch unsere Demokratie ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist (von der elitären athenischen so weit entfernt wie demnächst von der des späten 21. Jahrhunderts), und jetzt noch die FAS, die ich aus dem Briefkasten hole und in der ich auf der Titelseite lese: “100 Jahre Kommunismus. Im Oktober 1917 begann in Russland das größte ökonomische Experiment der Weltgeschichte. Warum es scheiterte – und trotzdem noch nicht zu Ende ist.” Dieser “Teaser”, wie es neudeutsch heißt, weist auf einen Artikel im Wirtschaftsressort hin. Muss ich lesen.

Was ist nicht alles in seiner vitalen Erscheinungsform  nur ein Phänomen des 20. Jahrhunderts! Der Sport, die Demokratie, der Kommunismus – und ich. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Trost. Mit Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss. Bis dann!

Baumhausbeichte - Novelle