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Montagsthemen (vom 9. Oktober)

Was macht eine Sonntagszeitung wie die »Frankfurter« an einem Wochenende ohne Bundesliga und ohne Kenntnis des Länderspiels, dessen Ergebnis zudem unwichtig ist? Sie setzt ein Interview mit zwei Musikern ins Blatt. Im Sportteil. Über zwei Seiten. Der Zeitung. Und über zwei Seiten der Musiker. Denn Joey Kelly, Sohn der Kelly-Family, und Till Lindemann, Vater von Rammstein, sind auch Extremsportler. Ihr letztes »Event« (ein idiotisches Wort vor allem in diesem Zusammenhang): Zu zweit drei Wochen auf dem Yukon durch die Einsamkeit gepaddelt. Yukon – den kennen wir als reine Lese-Extremabenteurer nur durch Jack London. Ergebnis in der FAS: spannender als ein aktuelles Fußballer-Interview, spannender als das Aserbaidschan-Spiel allemal, sachichma, auch wenn diese Kolumne zeitsynchron mit Vettels Ausfall in Suzuka und lange vor dem Anpfiff in Kaiserslautern geschrieben wird.
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Dem Interview vorangestellt ist ein Lindemann-Vers aus »Haifisch«: »Und der Haifisch, der hat Tränen / Und die laufen vom Gesicht / Doch der Haifisch lebt im Wasser / So die Tränen sieht man nicht.« Da ich den Text kenne, weiß ich, dass er noch schöner weitergeht: »In der Tiefe ist es einsam / Und so manche Zähre fließt / Und so kommt es, dass das Wasser / In den Meeren salzig ist.« Am schönsten aber ist die Zeile aus »Engel«, die sich an Sterne krallen, damit sie nicht vom Himmel fallen, und im zarten Chor singen: »Wir haben Angst und sind allein« … und dann fällt Lindemanns martialischer Brummbass ein: »Gott weiß, ich will ich kein Engel sein.«
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Lindemann, und damit zurück zum Sport, gehörte als Jugendlicher zum Leistungskader der DDR-Schwimmer und war Kandidat für Olympia 1980 in Moskau, wurde aber wegen Westkontakten aus dem Kader geworfen. Hätten Sie’s gewusst? Ich nicht.
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Ich wusste aber ganz sicher, dass Sebastien Haller nie mehr solch ein Traumtor schießen würde wie letzte Woche. Prompt schießt er eine Woche später ein fast identisches per Seitfallzieher. Zwar nur in Fulda, aber immerhin.
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Noch etwas zum Frankfurter Staunen: Was haben Gernot Rohr, Michael Skibbe und Jupp Heynckes gemeinsam? Klar, ein spezielles Triple. Alle drei sind bei bzw. an der Eintracht gescheitert. Und jetzt: Rohr fährt mit Nigeria zur WM, Skibbe ist mit Griechenland drauf und dran, und Heynckes wird gerade zur Bayern-Hoffnung gekürt. Er wird sie erfüllen, denn niemand spricht mehr vom Triple, schon das Eintel gälte als Erfolg, und das schafft er. Wetten!?
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Auch die Welt rettet sich mit einem Interview über das spielfreie Wochenende. Mit Ewald Lienen, jenem Ex-Fußballer, der einst den Schweinemarkt Fußball beklagte und bis heute sein oberschichtiges Geld in jenem Schweinemarkt verdient. Ich lese und schwanke zwischen nüchterner »Ja, klar«-Zustimmung und ironischer »Och-joo?«-Skepsis. »Wir haben eine Art von Kapitalismus zugelassen, der rücksichtslos durch die Welt marschiert und jetzt auch im Fußball angekommen ist.« – Ja, klar. – »Ich habe das oft Raubtierkapitalismus genannt.« Welt-Zwischenfrage: »Stammt der Vergleich von Ihnen?« Lienen: »Ja.« – Och joo? Lienen hat das Wort vom Raubtierkapitalismus erfunden? So wie  Müntefering seine Heuschrecken? Glaub ich nicht.
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Aber Lienen kann auch witzig. Über seine Manie, alles und jedes in seinem Notizbuch aufzuschreiben: »Das, was ich aufgeschrieben habe, brennt sich bei mir bildlich ein. Wie zum Beispiel Ihr Bild jetzt, wie Sie hier vor mir sitzen, mit ihrer gelbschwarzen Baseballmütze, mit der Sie für meinen Geschmack voll danebenliegen (lacht). Das werde ich auch immer mit diesem Interview in Verbindung bringen. Es kann sein, dass ich Ihren Namen vergesse, aber nicht dieses Bild.«
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Sehr hübsch. Das »(lacht)« taucht übrigens in letzter Zeit vermehrt in Interviews auf, als ob man den Leser in postironischen Zeiten mit der Nase darauf stoßen müsste, wenn der Interviewte etwas nicht ganz ernst meint.
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Zum Fußball und zum Schweinemarkt passt meine alte Vermutung, dass Sport ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist. Weiter gesponnen: Auch die Welt, in der wir leben, unsere gemütlich-westlich-demokratische, ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts (von der elitären athenischen so weit entfernt wie demnächst von der des späten 21. Jahrhunderts). Und dann  lese ich in der FAS auch noch über »100 Jahre Kommunismus«, der im Oktober 1917 begann.
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Was ist nicht alles in seiner vitalen Erscheinungsform nur ein Phänomen des 20. Jahrhunderts! Der Sport, die Demokratie, der Kommunismus – und vor allem ich.  (gw) (lacht)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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