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Sport-Stammtisch (vom 7. Oktober)

Gestern Alarm für Deutschlands Fußball: sechsfache Blamage im Europapokal. – Heute Alarm für Deutschlands Gegner: 38:3 Tore in der WM-Quali. – Morgen? Fortsetzung folgt. Auf und nieder, immer wieder.
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Fünf aus der Krisenmannschaft Bayern in der Startformation des Schreckensverbreiters Deutschland. Wie kommt’s? Liegt es am »teigigen Tortellini-Fußball« (Süddeutsche Zeitung) von Altmeister-Trainer Ancelotti und der hypermodernen Rasanz von Weltmeister-Trainer Löw? Ein bisschen was mag dran sein, aber der Hauptgrund heißt … Fußball.
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Hinterher sind alle schlauer. Sogar ich. Nie wäre ich auf den Namen Heynckes gekommen. Jetzt ist er da, und mir wird klar: Das ist die beste Lösung. Für diese Saison. Damit ist das wahre Problem der Bayern zwar nur vertagt, langfristig eine eigene Spielkultur auf der Höhe der Zeit zu entwickeln, doch für den Moment scheint kein anderer geeigneter, aus dieser verstolpert begonnenen Spielzeit das Bestmögliche zu machen. Mit der väterlichen Autorität des alten Heynckes, nicht mit dem verbohrten jungen Heynckes, der einst die Eintracht mit Legat-Hurra in den Abstiegszug setzte.
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Danach könnte der junge Wilde aus Hoffenheim kommen, den Hopp jetzt noch nicht von der Kette lässt. Klopp eher nicht, der muss in Liverpool erst noch beweisen, dass er mehr kann, als blutjungen BVB-Sturm-und-Drang zu pushen. Und dass ein genialischer Dr. Seltsam das Bayern-Gemüt verschrecken könnte, hat wohl schon Mats Hummel verhindert, der neue Klassensprecher, der Einschlägiges aus Dortmund zu berichten wusste.
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Einer tat es (Wagner), einen Nordiren sah ich, aber sonst? Täuscht der Eindruck, oder spucken sie wirklich weniger? Die Unsitte der Fußballer – und es ist nur die ihre, andere Sportarten kennen das Übel nicht, auch Fußballerinnen nicht – scheint aus der Mode zu kommen. Seltsamerweise verschwindet das prollige Rotzen in gleichem Maße, wie Tattoos die Spielfelder erobern (auch die Haut ist ein Spielfeld). Impft das Tätowieren gegen Rotzreiz?
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Verquerer Gedanke. Ich lege mich lieber auf die reinigende Wirkung von Bestseller-Lektüre fest. Bücher über das geheime Leben und die Intelligenz der Pflanzen sind der Renner des Jahres, und da könnte bei den Fußballern endlich die gebührende Empathie für Gras aufgekommen sein. Nicht für »Gras«, sondern für echtes Gras.
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Natürlich ist diese Kolumne auch in Sachen Gras ihrer Zeit voraus. Schon lange vor Förster Wohlleben gab sie Einblick in das Gefühlsleben der Graspflanzen, die in den modernen, zugebauten und überdachten Stadien schwer zu leiden haben. Einen Landschaftsbauer zitierte ich damals mit einem poetischen Satz: »Wenn Gras schreien könnte, wäre es im Stadion noch viel lauter.« Dem guten Mann tat es im Herzen weh, wie sein Rasen behandelt wurde: »Die Spieler spucken dauernd drauf. Schlimm, dass man mit diesen wunderbaren Pflanzen oft so miserabel umgeht. Gras ist ein Gottesgeschenk allerersten Ranges.« (Quelle: altes SZ-Magazin)
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Guter Rat für alle, die vom Nachbarn oder der eigenen Familie aufgefordert werden, endlich zu mähen, um mit dem letzten Saisonschnitt die Wiese wieder zum Rasen zu machen: Das Gras schreit nicht nur im Stadion um Hilfe, sondern auch im Vorgarten. Wer mäht, riecht ihn, den Duft nach frisch geschnittenem Gras. Angenehm. Für uns. Nicht für die Graspflanze, denn der Duft ist ihr Hilferuf, wenn an ihr Raupen knabbern (oder Mäher mähen), er soll Insekten anlocken, die die Raupen fressen. Als ich jetzt dennoch mähen wollte, nahm mich eine riesige Libelle, letzte Überlebende am Gartenteich, drohend ins Visier. Als ich flüchtete, hörte ich das Gras nicht wachsen, sondern lachen. Wenn ich es wachsen hören könnte, hätte ich den Bayern-Coup mit Heynckes vorausgesagt.
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Heynckes ist 72. Hätte er einst in Nigerias U 17 gespielt, wäre er vielleicht schon 80. Oder so. Heute beginnt die U 17-WM, und dank Magnetresonanztomografie (MRT) ist Titelverteidiger Nigeria schon in der Qualifikation ausgeschieden, denn gleich 26 (!) Spieler im Kader hatten den MRT-gestützten Handgelenkstest nicht bestanden. Der soll mit 99-prozentiger Sicherheit beweisen, ob man erst 17 und also noch im Wachstum oder schon älter ist. Umstrittene Sache. Mangels Fachwissen habe ich keine Meinung dazu. Aber das Wort »Handgelenksvermessung« erinnert mich an alte DDR-Zeiten. Denn die bei uns im Westen damals hoch gelobte Talentförderung »drüben« war in Wahrheit eine Talent-Zwangsrekrutierung. Wenn bei einem Zwölfjährigen die Handgelenksvermessung ergab, dass er im Diskuswerfen eine bessere Perspektive als im Fußball hatte, dann musste er Diskuswerfer werden, und wenn er noch so gerne Fußball spielte.
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Diese Art Handgelenksvermessung sollte nicht das Alter bestimmen, sondern die künftige Statur des Heranwachsenden. Ein Zahlendreher bei der Messung, und schon hätte die DDR einen Wunderfußballer verloren und einen bald ausgemusterten Kläglichwerfer »gewonnen«. Aber Stichwort Messi. Wo spielt er demnächst Fußball? In der katalanischen Regionalliga? Als Katalonien-Meister im Trend der nationalistischen Kleinstaaterei im Wagenburg-Pokal mit baskischen, flämischen oder wallonischen Klubs? Südtirol nicht zu vergessen. Auch wir Oberhessen wittern langsam Freiheitsluft. Demnächst Watzenborn gegen Messi! Außerdem müssen sich unsere Feindstaaten Niedersachsen und Schleswig-Holstein warm anziehen. Wir fordern freien Zugang zum Meer!
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In memoriam Tom Petty. Mit seinen Heartbreakers sang er in »Into the Great Wide Open«, seinem bekanntesten Lied, von einem »rebel without a cause«. Dachte ich und sang diese hintersinnige Zeile mit. Und jetzt, Jahrzehnte später, lese ich, was er wirklich singt: »Rebel without a clue.«
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Clue? Kenne ich nicht. Nachgeschlagen: »clue = Anhaltspunkt, Hinweis, Orientierung, Schlüssel (zu einer Lösung).« – So gesehen ist Tom Petty aktueller denn je. »Into the great wide open … a rebel without a clue«. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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