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Sonntag, 1. Oktober, 6.45 Uhr

Wenn mich Leser kritisieren, die es gut mit mir meinen, nehme ich die Kritik besonders ernst. Siehe „zu selbstverliebt“ in der „Mailbox“. Aus meiner Antwort an den Leser:

Die Gefahr, ab und zu so rüberzukommen, besteht (mindestens) seit ich nicht nur als „gw“ (und damit als halb künstliches Kolumnen-Ich) schreibe, sondern auch mit Bild und Namen (was ich zu meiner aktiven Redaktionszeit verhindern konnte, jetzt aber allgemein Usus ist). Beim Nachlesen der heutigen Kolumne fiel es mir  allerdings auch nachträglich nicht auf, aber das ist ja vielleicht das Problem …

Noch mal: Ich erkenne das Problem. Jahrzehntelang habe ich im Kolumnen-Ich als „gw“ geschrieben, dessen Lebens-Ich 99,9 Prozent der Leser nicht kannten (o,1 Prozent aus dem Sport und/oder dem näheren Umfeld). „gw“ ist so etwas wie eine Abspaltung, sein Ich eine aus der Realität gespeiste Fiktion. Seit (nach meinem altersgemäßen Abgang) Name und Kopf über Kolumnen, Kommentaren etc. eingeführt wurden (was ich allgemein nicht schlecht finde, speziell für mich aber sehr und daher stets verhindert hatte), vergesse ich oft, dass das Geschriebene dem Ich des Kopfes und Namens zugeordnet wird und nicht als „literarisches“ Ich rüberkommt.

Gestern ein Tag auf der Autobahn. Sauerland-Linie und B1. 300 km hin, 300 zurück. Regen. Staus. Aufregung am Kamener Kreuz. WDR 2 warnt vor Falschfahrer aus Richtung Köln. Alle weg von der linken Spur. Tatütata von hinten, Polizei rast nach vorne (vorbildliche Rettungsgasse!), oben fliegt ein Hubschrauber, sucht wohl die Strecke ab. Stau löst sich auf (der nächste, der übernächste, der überübernächste folgen sogleich). Was ist mit dem Falschfahrer? Keine Information. Auch keine über das Ende der Gefahr.

Dass am Dienstag Feiertag ist, fällt mir erst jetzt ein. Typisch für mich als Ruheständler und Nur-noch-Lust-Schreiber. Als Redakteur war ein Feiertag lange vorher einge- und verplant. Diesmal habe ich wie immer an „Ohne weitere Worte“ vorgearbeitet, ohne daran zu denken, dass der Dienstag als Regel-Tag für die Kolumne ausfällt. Mit den „Montagsthemen“ werde ich auch die Nachfrage in die Redaktion schicken, ob die Kolumne am Mittwoch oder gar nicht erscheinen soll.

Tag der deutschen Einheit. Seit es ihn gibt, war Deutschland nie so  uneins wie heute. Treppenwitz der Bundestagswahl: Während über den Rechtsruck lamentiert wird (der nur zu kleineren Teilen einer ist), erlebt der Altlinke Trittin nach Jahren auf dem (verdienten) Abstellgleis bei der Regierungsbildung  ein wundersames Comeback als Zünglein an der Waage.

Noch mal zu „OWW“.  Meine Lieblings-Kolumne, da schnell geschrieben (aber nach langem Lesen), da „nur“ Abfallprodukt des Materialsammelns für die „richtigen“ Kolumnen, außerdem garantiert Ich-frei (obwohl sie oft viel mehr über das Ich des Schreibers verrät als das Kolumnen-Ich). Naturgemäß können nur Zitate in „Ohne weitere Worte“ aufgenommen werden, die einigermaßen kurz und knackig sind oder ohne Verfälschung des Gesagten entsprechend dazu gekürzt werden können (mit Hilfe von (…)-Verbindungen). Gelingt mir leider nicht in der aktuellen Spiegel-Geschichte, in der sich das Nachrichtenmagazin wieder einmal an Beckenbauer abarbeitet. Handfestes ist kaum dabei. Aber wieder der alte Widerspruch: Der Spiegel glaubt Beckenbauer nicht, dass er sich nicht um Details wie Verträge und deren Inhalte gekümmert und sie einfach nur unterschrieben habe, als Lichtgestalt (als die sich Beckenbauer selbst nie gesehn und inszeniert hatte) über den Wolken – der gleiche Spiegel, der jahrelang, ja jahrzehntelang über diesen „Firlefranz“ (zu Recht) gespottet hatte. Ich glaube dem Firlefranz.

Wie gesagt … war „wie gesagt“ wieder einmal das in den Spieltag-Interviews am häufigsten auftauchende (Füll-)Wort. Ja, ich weiß, „vielen Dank“ (Horst Hrubesch),  „wie“ und „gesagt“ sind zwei Wörter. Aber eben auch ein Wort. Jetzt kommt die Länderspiel-Pause, die keine Länderspiel-, sondern eine Ligapause ist, in der Löws Füllwort-Version des „wie gesagt“ zum Zuge kommen wird: „Sammerma“. Kurz, schnell, fast einsilbig gesprochen und in den Wortfluss eingestreut. Achten Sie mal drauf, fällt kaum auf, wenn aber, dann wirkt’s lustig.

Das könnte ich auch in die Montagsthemen übernehmen. Den Firlefranz vielleicht auch. Ach, ja, „wie gesagt“ auch. Außerdem schon auf dem Zettel: die schöne Ball-ist-rund-Version des Eintracht-Trainers, hübsche Subjekt-Objekt-Verschiebungen, der kleine neue HSV-Spieler und Messi, der Hymnen-Streit in den USA + Smith/Carlos + SZ-Magazin mit dem Interview mit einer Scheidungsanwältin der Hollywoodstars (zu NBA-Groupies, die sich schwängern lassen) … aber ich merke schon, zumindest Trump/Hymne/NFL/Scheidungsanwältin/Nowitzki(!! Sie erinnern sich?)/Groupie-Strategie, dieser Themen-Komplex würde zu komplex für die Montagsthemen.

Jetzt aber KK. Nur KK. Bin alleine heute früh. Die zweite, die bessere KKKK-Hälfte ist 300 km weit weg. Daher nur Kaffee und Kuchen, ohne Knicks und Kuss. Denn sooo selbstverliebt bin selbst ich nicht.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle