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Montagsthemen (vom 2. Oktober)

Wie gesagt, ob Kagawa oder Haller das Tor des Monats geschossen hat, das entzweit Eintracht- und BVB-Fans, sie sind also uneins. Wie Deutschland. Unterschied zur Lage des Landes: Die Fans  respektieren die Gemütsverfassung des anderen und geben zu: tolle Tore von beiden.
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»Wie gesagt« war wieder einmal das in den Spieltag-Interviews am häufigsten auftauchende (Füll-)Wort, obwohl das jeweils folgende noch gar nicht gesagt war. Jetzt kommt die Länderspiel-Pause, die  keine Länderspiel-, sondern eine Ligapause ist, in der des Bundestrainers Füllwort-Version auftauchen  wird: »Samma« (= »sagen wir einmal«). Kurz, schnell, fast einsilbig und, wie gesagt,  beliebig oft in den Wortfluss eingestreut.
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Eingestreut sei auch die frühe Meinung des Kolumnisten zum damals noch chancentötenden Haller, »der ein echter und fast buchstäblicher ›Knaller‹ werden könnte«. Aber wie wird der Name des Franzosen ausgesprochen? Den Vornamen Sébastien schmückt ein Akzent, den Nachnamen nicht. Die meisten betonen ihn auf der zweiten Silbe, viele Eintracht-Fans eher nicht. Ich auch nicht. Aber vielleicht sollten wir Hessen uns umorientieren. Klingt doch zu schön, wenn nach einem Tor der Schütze angesagt wird und die Fans das »Sébastien….« des Stadionsprechers mit einem ein tosend langgezogenen »Hall…leeeeér!« beantworten.
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Der Sinn bzw. Unsinn, den Fußball-»Experten« am Mikrofon verzapfen (und wir Journalisten über sie und überhaupt), ist nur ein langgezogenes Füllwort zwischen den Spielen. Niemand wusste es besser als Sepp Herberger. »Der Ball ist rund.« Auch Niko Kovac weiß es nicht besser, aber genauso gut: »Fußball ist schon merkwürdig und teilweise nicht zu erklären.« Man stelle sich bloß vor, wie die Eintracht ohne Hallers spätes Traumtor heute hüben und drüben des Mains heruntergemacht würde …
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Aber längst nicht so extrem wie Franz Beckenbauer, der im Gegensatz zur Eintracht aus allerhöchsten Höhen heruntergezogen wird, in allertiefste Tiefen, in die selbst der wetterwendischste Kommentator, vom hauptberuflichen bis zu jenem am Wasserhäuschen, die Eintracht nie ziehen würde. In seiner aktuellen Ausgabe arbeitet sich der Spiegel wieder mehrseitig an Beckenbauer ab, erneut mit dem alten Widerspruch: Das Nachrichtenmagazin glaubt Beckenbauer nicht, dass er sich nicht um Details wie Verträge gekümmert und sie einfach nur unterschrieben habe. Der gleiche Spiegel, der jahrelang, ja jahrzehntelang über den »Firlefranz« (zu Recht) gespottet hatte.
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Im »Ohne weitere Worte«-Archiv nachgeschaut, Spiegel vom Dezember 1998: »Firlefranz … redet heute dies und morgen das Gegenteil … was heute vom öffentlichen Beckenbauer als blanker Nonsens aus jedem Bildschirm quillt.« Und so weiter. Tenor: Ein maßlos überschätzter Luftikus, an Details uninteressiert, die er, als Lichtgestalt über den Wolken schwebend, seinem Fußvolk da unten überlässt. Das unterschreibe ich auch heute noch, auch in Sachen »Sommermärchen«.
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Auf den Herbstalbtraum folgt morgen ausgerechnet der Tag der deutschen Einheit. Seit es ihn gibt, war Deutschland nie so uneins wie heute. Treppenwitz der Bundestagswahl: Während über den Rechtsruck lamentiert wird (der nur zu kleineren Teilen einer ist, zu größeren reiner Protest), erlebt der radikale Altlinke Trittin nach Jahren auf dem (verdienten) Abstellgleis bei der Regierungsbildung ein wundersames Comeback als Zünglein an der grünen Waage. – Was macht eigentlich der nach viel Getöse wieder spurlos verschwundene Guttenberg?
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Aber uns geht’s ja noch Gold, ohne einen wie Trump. Der macht ein neues Fass auf und beschimpft US-Sportprofis, die aus Protest gegen Diskriminierung bei der Hymne knien, als »Hurensöhne«, die man abknallen müsste. Bei diesen Worten pantomimiert er ein Peng-Peng mit  imaginärer Pistole, kindischer als wir früher beim Cowboy-und-Indianer-Spielen. Der Sachverhalt ist zu komplex, um ihn an dieser Stelle auseinander zu klamüsern. Es geht schließlich auch um den Respekt vor (mir wesensfremden) patriotischen Gefühlen. Aber warum überhaupt dudeln die Amis vor jedem stinknormalen NBA- oder NFL-Spiel ihre Hymne ab? Mehr noch: Warum stören die Hymnen bei Olympia den Wettkampfverlauf? Warum nicht ganz ohne, oder, für nationalbewusste Hymnenfreunde, nur vor oder nach dem Wettkampftag? Und warum muss es die Nationalhymne sein? Warum darf sich nicht jeder Sieger sein lokalpatriotisches Lieblingslied wünschen? Das hätte doch was: Fabian Hambüchen, der in Rio die Hessen-Hymne schmettert: »Säiste net die Säu eam Goarte, säiste wäj se woile …« (gw)
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(www.anstoss-gw.de   Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle