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Montagsthemen (vom 25. September)

Die Bayern sind in der Krise, klar. – Noch klarer scheint, nach zwei Siegen und 7:0 Toren, dass das Krisengerede Quatsch ist. Super-Bayern! – Nach dem 2:2 gegen die Underdogs aus Wolfsburg (oder Wölfe aus Underdogsburg, wie’s beliebt), ist wieder ganz klar Krise angesagt. Bis zum Spiel gegen Paris. Dem ersten wirklich wichtigen der Bayern in dieser Saison. Danach sieht die Fußballwelt anders aus. Wie, wird sich weisen. In jedem Fall klarer als nach den bisher erklärten Klarheiten. – Warum glaubt man all diesen Glasklarheiten? Einer weiß es. Aber erst am Schluss dieser Kolumne.
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Klar scheint ebenfalls, dass Dortmund neben der allseits bekannten Super-Offensive neuerdings auch eine außergewöhnlich stabile Defensive besitzt. 19:1 Tore, sensationell! Kann der »neue« BVB sogar Meister werden? Und die Champions League aufmischen? Mag sein. Aber eher nicht. Die Momentaufnahme täuscht. Die Abwehr wirkt nicht stabil, sondern labil. Nur ein Gegentor? Reine Glücksache. Es hätten auch zehn sein können. Und im Gegensatz zu den Bayern haben die Dortmunder das erste wirklich wichtige Spiel der Saison bereits gespielt. Gegen Tottenham. Verloren.
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Kleine Atempause in der Video-Diskussion. Zwischenbilanz: Es wirkt fast so, als setzten traditionalistische Kritiker den Test extra dilettantisch, verworren und verwirrend um, damit sie nachher befinden können: Wir haben’s ja gewusst. Weg damit!
Der Video-Assistent soll nicht die letztgültige Instanz sein, sondern eben nur Assistenz des Schiedsrichters, also »meine« Video-Hilfe. Habe ich nicht nur am Samstag geschrieben, sondern schon seit Jahrzehnten, denn das war schließlich eine meiner frühen Obsessionen in dieser Kolumne (andere hießen Jay-Jay oder Ulle). Im neuen Spiegel lese ich nun einen fast deckungsgleichen »kleinen Vorschlag« in meinem Sinne (mit limitierten Auszeiten pro Team bei strittigen Szenen, die sich der Schiedsrichter per Video anschaut und souverän entscheidet). Natürlich bin ich nicht so vermessen zu glauben, der Spiegel schreibe von mir ab. Denn, so vermessen bin ich nun doch: Die »Hilfe« ist zu einleuchtend, der »Beweis« zu chaosfördernd, als dass man andere sportvernünftige Auffassungen vertreten könnte.
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Allerdings hat der Spiegel tatsächlich mal von mir abgeschrieben. Ich rühme mich dessen nicht, sondern gebe es verschämt und schuldbewusst zu. Als ich aus exklusiver und zuverlässiger Quelle erfuhr, dass ein Leichtathlet die Dopingkontrollen ad absurdum führte, indem er die schriftliche Aufforderung, zum Test zu kommen (so ging das damals) ebenfalls schriftlich ablehnte, schrieb ich: »Höflich, aber bestimmt antwortete der Sportler, er habe keine Zeit.« Dreimal habe er auf diese Art Dopingtests vermieden, schrieb ich noch, obwohl ich die genaue Zahl gar nicht wusste. Danach berichtete dann auch das Nachrichtenmagazin von drei schriftlichen Weigerungen. Hatte ich per Zufall die richtige Zahl getroffen, die kritisch-investigative Journalisten penibelst genau recherchiert hatten? Möglich. Aber der nächste Satz des Magazins bewies nur noch Guttenberg-Qualitäten: »Höflich, aber bestimmt erwiderte der Athlet, er habe keine Zeit.«
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Nun ja, werden Sie vielleicht sagen, auch das könnte durchaus Zufall gewesen sein und der Plagiats-Vorwurf nur eine fixe Idee eines Provinzjournalisten mit Minderwertigkeitskomplex. Nein, der Beweis, dass der Spiegel von mir abgeschrieben hat, ist ebenso zwingend wie für beide Seiten peinlich, denn sowohl die Form (»höflich, aber bestimmt«) als auch den Grund (»habe keine Zeit«) der Ablehnung . . . hatte ich mir einfach nur ausgedacht. Vom Spiegel als recherchierte Tatsachen übernommen.
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Wusch … wusch … wusch. Während ich dies schreibe, huschen die Teilnehmer eines Mountainbike-Rennens an meinem Fenster vorbei. Danach werden sie rechts abbiegen auf einen matschigen Wiesenweg. Dort bin ich gestern weggerutscht und gestürzt. Folgenlos, weil der Matsch wie die Matte wirkte, auf die man im Sportunterricht krachte, wenn die Bocksprung-Landung misslang.
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Diese kleine Zwischenbemerkung diente nur der Ablenkung von meinen frühen Fake-News (im Gegensatz zu heutigen wollte ich Klarheiten aber nicht beseitigen, sondern bestätigen). Damit noch einmal zur Frage, warum man scheinbaren Glasklarheiten so gerne Glauben schenkt. Thomas Müller, wer sonst, beantwortete sie in großer Karl-Valentin-Manier, als er in der ARD die Lage bei den Bayern erklären sollte: »Die Menschen wollen immer alles erklärt haben, dann ist es leichter zu verstehen.«
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Daher gibt es auch, nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, so viele Erklärer nicht nur der Bayern-Lage, sondern auch von Sport, Gott & der Welt. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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