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Paul-Ulrich Lenz: Post vom Clubhaus

Heute habe ich Post bekommen, durch die mir der frühere Bundestrainer, Vorgänger von Joachim Löw (Warum muss eigentlich ein 56 jähriger, der steil auf die 60 zugeht, immer noch mit dem Diminutiv bedacht werden?) in den Sinn kam. Von ihm gibt es ja, mehrfach bezeugt, die schöne Wendung: „Die Tore, wo ich geschossen habe.“ Das fiel mir ein, als ich im an mich und meine Frau adressierten Brief der Clubhaus-Chefin (so gw) las: „Für ein Deutschland, in  dem wir gut und gerne leben – darum geht es mir.“ So sehr ist sie für Deutschland, dass sie sprachlich aus der Reihe tanzt oder die Sprachlogik ein wenig misshandelt, sie umgeht, in dem sie so mit der Sprache umgeht. Mir liegt ja näher: um Deutschland geht es mir.  Und bis heute wusste ich auch nicht, dass es mehrere Deutschlands gibt und man deshalb ausdrücklich nachdrücklich betonen muss: ein Deutschland.

Aber vielleicht ist es ja so: Sie regiert und irgendwelche gut dotierten Menschen schreiben ihre Briefe. Vielleicht ist es auch besser so – Regieren und Briefe schreiben fein säuberlich auseinander zu halten. Man kann halt nicht alles gleich gut.

Was soll man aber auch erwarten von einer Partei-Zentrale, deren Chef der Gestalt gewordene Komparativ von taub ist. Und in deren Schwester-Partei einer, auf dem so manche Nachfolge-Hoffnung ruht, vom Babenhäuser Pfarrerkabarett mit dem spitzen Satz bedacht worden ist: „Wenns´ de glaubst, es geht net blöder, kommt um die Eck´ der Markus…..“

Aber es ist ja ohnehin ein Kreuz mit den Parteien. Kaum habe ich freudig erregt den absoluten Spitzen-Satz des von mir nur spärlich beobachteten Wahlkampfs gehört: „Ich verspreche Ihnen: Wir werden Fehler machen“  und gedacht: Donnerwetter – da traut sich einer was. Der sagt ja die Wahrheit. Da fängt er auch schon vor dem Wahltag an, sein Versprechen mit Forderungen nach Ämtern, wenigstens einem, einzulösen.

Überhaupt: als Wähler ist man arm dran. Beim persönlichen Test des Wahl-O-Mat habe ich erfahren: ich kann sie alle wählen – außer denen, die ich sowieso nicht wählen würde. Aber sonst alle, die zur Regierung drängen.

Das zeigt mir: Du darfst deine Entscheidung nicht an einen Roboter abtreten. Du musst selbst wählen. Vor Jahren hat ein Freund gesungen: “Womit hab, ich das verdient, dass ich hier leben darf? Ich habe die Qual der Wahl.“ Recht hat er.

 

Apropos Roboter: Man sollte nicht nur Wahlentscheidungen nicht an Roboter abtreten, auch wenn sie nett lächeln und auf gut Hessisch grüßen: „Ei Gude, wie?“  Dieses Setzen auf Roboter und ihren Segen ruft mir einen schönen Witz in Erinnerung:

Auf dem Bahnsteig setzt sich der Zug langsam in Bewegung, als von hinten ein Herr angerrannt kommt. Er winkt, fuchtelt, rennt, was das Zeug hält. Zum Schluss setzt er zum Sprung an und landet auf dem Bauch. Der Zug fährt ungerührt davon. Als er sich mühsam zu erheben versucht, fragt ein mitleidiger Passant: „Haben Sie den Zug verpasst?“ Die ein wenig aus dem Mund gepresste Antwort: “Nein, verscheucht werde ich ihn haben.“

Ich fürchte, dass Versuche mit Robotern nicht dazu geeignet sind, den fahrenden Zug des Zeitgeistes zu erreichen, um noch schnell aufzuspringen. Vielleicht sollte man sich andere Wege suchen. Bessere, die näher am eigenen Markenkern bleiben – von Angesicht zu Angesicht. Darum geht es ja, soweit ich das verstanden habe – beim Segen. (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R/Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle