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Paul-Ulrich Lenz: Ein Zwischenruf

Wie gut, dass es Leute gibt, die die grauenvollen Irrtümer der Theologie seit rund 1400 Jahren mit einem Rund-Umschlag aufdecken können. Jetzt muss die Theologie-Geschichte neu geschrieben werden, der 31. Oktober wird schon 2017 ein Arbeitstag und die evangelische Kirche weint sich reuevoll in die Gunst der Gebildeten unter den Verächtern der Religion zurück. Peccavi, bekennt sie und hofft auf Milde in den Spuren des Erasmus, weil das mit der Gnade ja so hoch problematisch ist.

 

Es gibt eine große Kränkung für das selbstbewusste und sich selbst erschaffende Ich. Für Menschen, die darauf setzen, dass sie ihr Leben zum gelingenden Leben machen können. Diese Kränkung lässt sich in einen Satz zusammenfassen: Vor der letzten Instanz der Welt zählt nicht unsere Leistung, zählen auch nicht unsere Fehlleistungen, sondern allein die Gnade. Im Vorletzten (Bonhoeffer) – der Wirklichkeit, in der wir leben – zählen Leistungen und Misserfolge, gibt es erfolgreiches Leben. Aber das alles ist eben Vorletztes.

Die Überzeugung Luthers und der ihm folgenden Kirchen – auch der Katholischen – ist allerdings: Dass im Letzten nur die Gnade zählt, wird auch das Verhalten im Vorletzten verändern. Für den, der so glaubt.

Die andere große Kränkung: Es gibt diese Einsicht in die Gnade nicht auf dem Weg des eigenen Denkens. Sie folgt nicht logisch aus der Welterfahrung. Weil: Es gibt die Erkenntnis Gottes nicht auf den Wegen der Vernunft. Deshalb  ist sie noch nicht gleich unvernünftig. Aber sie übersteigt unsere Denkwege. Darum redet die Bibel vielfältig davon, dass niemand Gott sehen kann. Dass wir scharfsichtigen und klardenkenden Leute in Sachen Gott und Gnade „Blinde“ sind und „Blinde“ bleiben, wenn uns nicht die Augen geöffnet werden.

So wird die Rolle der Vernunft scharf eingegrenzt: sie ist Gabe für die Zeit. Sie hat ihr Anwendungsgebiet in der Ordnung des Lebens. Da ist sie wirklich angesagt – glaubt auch Luther. Aber sie ist untauglich, um den letzten Grund der Welt zu erkennen: Dafür reicht sie nicht. Das hat wohl auch Immanuel Kant gewusst.

Die dritte Kränkung: das Leben ist nicht fair. Es trifft hart, oftmals sehr hart. Und nichts im Leben erlaubt eine Erklärung, warum es die einen trifft und die anderen nicht. Warum der eine promoviert und der andere Straßenarbeiter wird. Man tut gut daran, sich die eigenen Lebenserfolge nicht allzu rasch allein aufs eigene Konto zu buchen. Erst recht nicht, sie einer, wie auch immer gearteten Vorherbestimmung – Prädestination – anzulasten. Das ist keine Denkfigur heutiger Theologie mehr und war auch keine tragende Denkfigur bei Luther, schon gar nicht in der Gestalt einer Vorherbestimmung zum Unheil. Calvin scheint so gedacht zu haben.

„Und doch gibt es auch in solchen Fällen ja immer die, die es ganz genau wissen. Die deshalb die Toten eines Tsunami nachträglich der ungezügelten und gott-losen Lebensführung bezichtigen. Die deshalb die Opfer eines Verkehrsunfalls immer unter den General-Verdacht „Raser“ stellen. Die es fertig bringen, bei Krebserkrankungen über unsolide Lebensführung und psychische Instabilität als Ursache zu schwadronieren. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang als oft genug lieblose Erklärung macht vor Unglücksfällen nicht Halt.  Und wieder sagt Jesus: Schaut auf euch. Urteilt nicht über andere. Maßt euch keine Urteile an. Es ist nicht Gottes Sache, Menschen für ihre verborgenen kleinen und großen Sünden durch öffentliche Unglücksfälle zu strafen. „Jesus ersetzt sowohl den in allem herum schnüffelnden wie den fernen Gott durch einen zärtlichen, der auf uns wartet und der uns, bevor er uns erwartet, einlädt.“ (F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2; S. 378) Aber der Ruf zur Umkehr, zur Metanoia, gewinnt gerade so an Dringlichkeit. Denn wer sich diesem zärtlichen Gott nicht zuwendet, dem ist nach den Worten Jesu das Verderben, das Unheil in der Zeit gewiss. In alledem geht es aber um das Heil und Unheil in der Zeit. Es gilt vorsichtig zu sein, daraus flugs Aussagen über die Ewigkeit abzuleiten. Der Weg in die Freiheit ist der Weg der Hinkehr, Umkehr zu Gott – in dieser, unserer Lebens-Zeit.“ ( Blogg: Bibel, Gott und die Welt 23. 9.17) (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R./Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle