Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Mein progressiver Alttag (Gießener Seniorenjournal vom 23. September)

Bei der Wahl der Qual haben wir die Qual der Wahl. In meinem, in unserem progressiven Alttag aber nicht. Da gibt es keine Alternative. Die einzig mögliche haben wir längst verpasst: »Only the good die young.« Sang Billy Joel. Für mich der bessere Elton John.
*
Beinahe hätte ich es geschafft, die Sache mit dem frühen Sterben. Denn bei Mutproben packte mich immer der Ehrgeiz. »Ich wette, du traust dich nicht …« – und schon traute ich mich. Zum Beispiel beim ersten zarten Überfrieren der Lahn. Wer wagt sich aufs knisternde Eishäutchen? Na klar, ich. Stolz erzählte ich es abends dem Vater. Da setzte es die erste und einzige Tracht Prügel. Oder die Sache mit dem Pinkeln. Auf die Stromleitung. »Ich wette, du traust dich nicht!« Im letzten Moment riss mich einer der Älteren zurück. »Bist du verrückt? Du kriegst einen Schlag und bist tot!« – Stimmt das? Ich weiß es bis heute nicht.
*
Mit diesem Nichtwissen bin ich alt geworden. Was immerhin auch eine Leistung ist, denn jung ist jeder mal. Alt nicht. Das ist »ein verfluchtes Privileg«, sagt Martin Suter im taz-Interview. Aussagen wie diese des Schweizer Autors über das Alter und das Altern habe ich seit der letzten »Alttag«-Kolumne im Mai gesammelt. Nicht die alten Schoten wie die von der Hollywood-Diva Mae West (»Alt werden ist nichts für Feiglinge«), die haben sooo’n Bart, sondern Frisches, Inspirierendes. Wie das Rezept des in Fachkreisen legendären »Yello«-Musikers Dieter Meier: »Eine große Portion Selbstironie hilft schon sehr, diesen kurzen Besuch auf dem Planeten, diese paar zehntausend Tage Leben, die wir haben, als eine Art ›Holiday from being dead‹ zu sehen. Aus dieser Grundhaltung strahlt dann ein Gesicht eine gewisse Fröhlichkeit und Gelassenheit aus« (Quelle: FR).
*
Die Grundhaltung des Musiker-Kollegen Josef Bulva ist eine ganz andere, und die strahlt der Konzertpianist im SZ-Interview auch bitterböse aus: »Das Alter ist eine harte Schule, selbst wenn man nicht hingehen will. Eine Strafe dafür, dass man nicht verstorben ist.« Tja, der grimmige alte Mann hat wohl zu oft die Schule geschwänzt, würde mein Lieblingsmaler sagen, denn: »Die Leute, die nicht zu altern verstehen, sind die gleichen, die nicht verstanden haben, jung zu sein« (Marc Chagall).
*
Ich blättere in den gesammelten Zitaten und merke: Frisches, Inspirierendes ist leider die Ausnahme. Die meisten prominent Interviewten sehen das Alter so wie die Schriftstellerin Ruth Klüger: »Schlafen gehen, aufwachen, Zähne putzen, duschen, abtrocknen, essen müssen, trinken müssen – was soll das alles? Immer das Gleiche, außer, dass es anstrengender wird. Das müsste eigentlich aufhören, denkt man sich« (Quelle: SZ-Magazin).
*
Nein, nein, nein! Bevor mich die Promis runterziehen konnten, ging ich zu einem sehr alten runden Geburtstag. Er begann mit einem Sektempfang. Anschließend verputzte jeder Gast einen großen Salat- und Obstteller. Es folgte ein sehr deutsches Mittagessen mit Schweinebraten, Salzkartoffeln und Blumenkohl. Mit Nachschlag für alle, auch beim Schweinebraten. Zum Nachtisch ein großes Eis mit Erdbeeren und Sahne. Nahtlos ging es über zum Kaffee mit diversen Kuchen- und Tortenplatten. Zwischendurch machten einige der Greise (und vor allem der Greisinnen!) ein Zigarettenpäuschen. Ich war baff und platt und pappsatt, obwohl ich vergleichsweise nur wie ein Mäuschen knabberte und nippte. Scheint was dran zu sein am Spruch vom Essen als Sex des Alters. Mit der Fluppe als Quickie zwischendurch.
*
Ist Ihnen das Sex-Geschwafel peinlich? Mir nicht. Es ist ja auch ein Vorteil des Alters, dass einem nichts mehr peinlich sein muss. Die peinlichste Situation meines Lebens habe ich sowieso schon lange hinter mir. Ich war zwölf, hatte mir beim Fußballspielen den Mittelfuß gebrochen und kam ins Krankenhaus. Drei Tage lag ich dort, bis die Schwellung zurückgegangen war und der Gips angelegt werden konnte. Drei Tage, in denen ich mir das große Geschäft verkniff, da es im Bett verrichtet werden musste. Drei Tage, in denen es mir im Krankenzimmer, einer Art Großraumbüro hinfälliger alter Männer, immer gruseliger wurde. Einer hatte die Beinprothese neben dem Bett stehen, ein anderer rotzte unentwegt in den Spucknapf, ein Dritter zeigte mir stolz seinen Leistenbruch, der wie ein drittes Bein zwischen den beiden regulären lag. Drei Tage, bis eine Krankenschwester fragte: Wer hatte keinen Stuhlgang? Als ehrlicher Junge meldete ich mich. Obwohl ich doch so sehr musste. Nichtsahnend. Ich bekam einen Einlauf verpasst und ein »U-Boot« untergelegt. Kurz darauf ging die Tür auf. Eine junge Frau kam herein. Sehr, sehr hübsch. Mit dem Staubsauger. Begann zu saugen. Und in mir brodelte und toste es. Kurz und schlecht: Das Gewitter brach aus, und bevor ich peinsamkeitsgeplagt die Augen schloss und den Kopf zur Wand drehte, sah ich noch, wie sie sich ratlos zum Staubsauger bückte. Dachte sie, der Motor sei explodiert?
*
Auch das werde ich nie erfahren. Aber halt, die Sache mit dem Schlag, den man angeblich bekommt, wenn man auf eine Stromleitung pinkelt, ist mittlerweile geklärt, lese ich in der Zeit. Urin leite zwar, heißt es, aufgrund der enthaltenen Salze den Strom hervorragend, aber da der Strahl sich schon in kurzer Entfernung von der Quelle in einzelne Tröpfchen auflöse, gebe es keinen zusammenhängenden Leiter mehr, folglich könne kein Strom fließen. Dennoch würde ich keinem Jungen raten, die Probe aufs Exempel zu machen. Der junge Strahl trägt noch zu weit. Nur wir alten Männer können gefahrlos an jede Stromleitung pinkeln. Tröpfchen für Tröpfchen.
*
Zurück zum Geburtstag. Beim Abschied packte einer der fröhlichen Esser schraubstockartig meine Hand, zerdrückte sie fast und fragte, unentwegt meine Hand schüttelnd, wie alt ich sei. Ich: 70. Er hohnlachte, ich Kind sei 23 Jahre jünger als er. In dem Moment fühlte ich mich mindestens 23 Jahre älter.
*
Mit einer Portion Selbstironie zu einer gewissen Fröhlichkeit und Gelassenheit zu kommen, das ist mir bei und mit dem Schreiben dieser Alttag-Kolumne gelungen. Es wäre schön, wenn Ihnen das auch beim Lesen gelungen sein sollte.
gw

Baumhausbeichte - Novelle