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Ich bin zwei (“Wer bin ich?” vom 21. September)

Ich bin der bekannteste Sohn meiner recht unbekannten Heimatstadt, hier bin ich geboren, hier werde ich wohl auch sterben. Mit 15 kam ich wegen meines sportlichen Talents ins Nachwuchszentrum meiner Region, und schon mit 19 wurde ich erstmals in einem Erstligaspiel eingesetzt. Kurios: Schon kurz vorher feierte ich mein Länderspiel-Debüt. Gleichzeitig absolvierte ich eine Lehre im handwerklichen Bereich, was heute ja nicht unbedingt üblich ist.
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Sie ahnen es, ich war Fußballer. Ein ziemlich guter sogar. Ich gehörte zu den Besten meines Landes, bestritt viele, viele Länderspiele, und mein größter Erfolg war die Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen. Einmal meldete ich sogar den Superstar Johan Cruyff ab, aber mein schwierigster Gegenspieler war zweifellos Gerd Müller, der war unberechenbar.
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Unberechenbar war auch ich. Die einzige konstante Größe meines Lebens war der Fußball. Schon seit meinem neunten Lebensjahr interessierte ich mich für nichts anderes. Aber wer schon mit 15 ins Sportinternat kommt, mit 19 sein Länderspieldebüt feiert und langjähriger Nationalspieler war, gegen die Cruyffs und die Müllers gespielt hat und Olympiasieger wurde, der kann massive Probleme bekommen, wenn es mit dem Fußball vorbei ist. Dem blieb ich zwar treu, als Trainer, jedoch geriet ich in eine Abwärtsspirale. Ich zog einen Schlussstrich, floh aus meinem Land und meldete mich bei einem deutschen Konsulat. Ich sagte, wer ich bin, dass ich als Mitglied des Trainerstabes ein Trainingslager zur Flucht genutzt und daher keinen Pass habe, denn der wird bei solchen Anlässen einbehalten. Aber als bekannter Nationalspieler hatte ich natürlich keine Probleme mit der Identifizierung.
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Sie sind aus Mittelhessen? Dann haben Sie mich vielleicht kennengelernt. Eine Zeit lang lebte ich dort in einem Dorf, nicht lange, aber wer mit mir zu tun hatte, der erinnert sich bestimmt noch an mich. Ich war sehr generös, zum Beispiel bot ich einer Zeitung eine Exklusiv-Story über mein Leben an. Die Jungs dort freuten sich ein Loch in den Bauch, und für ein paar Tage eroberten sie mit mir die Schlagzeilen der überregionalen Presse. Selbstlos, wie ich bin, nahm ich keinen Pfennig Geld dafür. Später, nach einer unerfreulichen Entwicklung, traf ich einen Redakteur dieser Zeitung und bot ihm weitere Enthüllungen an, aber der Typ verzichtete. Na ja, der Provinzschreiber hatte die Hosen voll.
Aber glauben Sie bitte nicht alles, was über mich erzählt wurde. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein bodenständiger Mensch bin. Daher ging ich als Trainer schließlich zu einem großen Verein in meiner Region und bildete auch einige Talente aus, die später Nationalspieler wurden. Später wurde ich Manager bei einem Bundesligisten, ebenfalls in meiner Heimat.Von dort wollte ich ja auch eigentlich nie weg. Mein Geburtsort ist auch heute noch mein Lebensmittelpunkt. Ich bin ein glücklicher Mensch. Wer bin ich?
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Ein Tipp: Ich bin zwei. Daher gibt es mit mir auch zwei Punkte zu gewinnen. Einsendeschluss: Samstag, 30. September. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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